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gewesen, und versichert, dass diese vertrauten Schwestern eben jetzt im Begriff sein werden, meinen Brieff zu lesen, seid ihr aber ja bei einer solchen Schönheit von Eisen und Stahl, so stellet euch zum wenigsten eine Zeit lang verliebt, damit ihr mir mein Spiel nicht verderbet, denn da meine Liebste einmal die Unbehutsamkeit gehabt: ihr liebes-geheimnis ihrer vertrauten Gespielin zu offenbahren, muss ich in beständigen Furchten schweben, dass die letztere nicht verschwiegen genug sei, sondern aus Neid eine Verräterin werden möchte, welches aber nicht leichtlich geschehen kan, wenn sie selbsten etwas liebes weiss. Ach mein Freund, gab ich zur Antwort, mein Hertze brennet vor Liebe lichterloh, allein ich zweiffele sehr, dass mich die schöne Nonne zu ihrem Liebsten annehmen möchte, denn sie scheinet mir, ihrer Geberden wegen, von etwas hohen Sinnen und vornehmen stand zu sein. Schweiget von diesen, versetzte mein Gefährte, ich weiss es besser, sie ist zwar eines Patricii Tochter, aber wegen der vielen Geschwister und unzulänglicher Mittel, von ihrer Mutter, nach dem tod des Vaters mit Gewalt ins Closter gesteckt worden. Ach, ach! fuhr er fort, die Liebe zur Freiheit, und andertalb Centnern Manns-Fleische, kan ein Frauenzimmer leicht dahin bringen, die Eitelkeiten eines etwas höhern Standes hindan zu setzen, und einen ansehnlichen rechtschaffenen Kerl, der seine Profession aus dem grund verstehet, zu heiraten, über dieses weiss ich gewiss, dass sie zum wenigsten auf die 300 spec. Taler am Gelde und kostbaren Geschmeide haben wird, welches, wenn wir gelegenheit zur Flucht finden können, durch kluge List leichtlich mit fortzuschaffen ist. Ach, sprach ich, wenn ich nur die person erstlich in meiner Heimat hätte, ich würde mir wenig oder nichts aus dem Heirats-Gute machen, weil ich zu meinem Anfange schon Geld genug weiss.

Indem ich ferner reden wolte, wurde die hinterste Tür, welche aus dem Closter aufs Orgel-Chor führte, geöffnet, weswegen wir uns sehr stille hielten, und endlich mit zitterenden Freuden unsere beiden Gelieben ankommen sahen. Sie machten sich alle beide über das Clavicien her, und stimmeten dasselbe, zogen auch etliche Säyten auf, endlich aber zog die Sängerin, welche Caroline hiess, ein Schreibzeug nebst einem Blat Pappier hervor, und beschrieb das letztere auf dem Pulte, da ihr immittelst meine Schöne, die sich Lucia nennete, über die Achsel sah, und endlich sagte: Schwesterchen du schreibst zu viel, ich habe ja den lieben Menschen noch nicht ein eintzig mahl recht im gesicht gesehen, vielweniger ein Wort mit ihm gesprochen, lass ihn doch, sich zum wenigsten erstlich einmal, auf einer angemerckten Stelle zeigen. Schweig mein Schatz! gab Caroline zur Antwort, ich weiss schon im voraus, dass er dir im herzen wohl gefallen wird, so bald du ihn nur von ferne sehen wirst, und wo dieses heute nicht geschicht, solstu doch aufs längste Morgen einen Brief von ihm haben. Gleich mit endigung dieser Worte, liess mein Gefährte die oberste Klappe von dem Vorschlage herunter fallen, in welchen wir uns versteckt hatten, und sagte: Erschrecket nicht schönsten Kinder, eure allergetreusten Liebhaber sind allhier gegenwärtig, und haben von gestern Abend an, auf das Vergnügen gehofft, euch durch diese kleinen Löcher nur zu sehen, nunmehr aber da wir den erwünschten Vorteil haben, euch persönlich zu sprechen, so erkläret euch, ob ihr unsere hefftige Liebe auf ehrliche und eheliche Weise vergnügen wollet, daferne wir erstlich gelegenheit genommen, euch aus diesem Kercker in unser Vaterland zu führen. Die guten Kinder erschracken zwar anfangs hefftig, erholeten sich aber gar bald, und führeten das treuhertzigste Gespräch mit uns allen beiden. kurz! da keines an dem andern etwas auszusetzen hatte, wurde das Verlöbniss in der Geschwindigkeit geschlossen, wir schwuren unsern Geliebten ewig feste Treue zu, und sie im Gegenteil versprachen zu folgen, wohin wir beliebten. Nach fernerer genommener Abrede aber, kehreten sie zurück, und wir practicirten uns, ohne von jemand vermerckt zu werden, sehr glücklich zur Orgel und Kirche heraus, und zwar noch wohl eine gute Stunde vor Anfang der hohen Messe.

Wenn ich betrachtete, dass sich binnen so wenig Stunden meine ganze natur in einen äuserst verliebten Haasen-Safft verwandelt hatte, muste ich mich selbst auslachen, es fielen mir zwar ein und andere Scrupels, wegen dieser so plötzlichen Verbindung in die gedanken, allein, das, stets vor meinen Augen schwebende Gesicht der schönen Lucia, und dann die hefftige Liebe, wären vermögend gewesen, meinen ganzen Verstand, vielweniger dergleichen gering scheinende Grillen zu vertreiben. Nach diesen lieffen bei nahe vier monat vorbei, binnen welcher Zeit wir unsere Geliebten zwar öffters sehen und Briefe mit ihnen wechseln, aber nur zweimahl auf wenige Minuten sprechen konnten. deswegen begunte uns auf allen Seiten die Liebe immer hefftiger anzufechten. Die meiste Arbeit an der Orgel war getan, also zu befürchten, dass uns in zukunfft die allerbeste gelegenheit abgeschnitten werden möchte, über dieses rückte die rauhe Herbst-Zeit immer stärcker heran, also schafften wir unsere besten Sachen immer nach und nach fort in eine andere Stadt, zu dem Anverwandten meines Cameradens. Unsere beiden Liebsten machten sich auch kein Bedencken, ihr Geld, Geschmeide, und andere leicht fort zu bringende Sachen bei nächtlicher Weile in unsere hände zu liefern, deswegen liessen wir ein rotes und ein blaues Officier-Kleid verfertigen, kaufften 2. Degen, Stöcke, Hüte, und alles was ein