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, und darbei unzählige Seuffzer aussstiess, lag ich ihm so lange an, biss er mir endlich offenbarete, dass er sich aufs äuserste in eine Nonne verliebt, mit welcher er zwar noch kein eintziges Wort gesprochen, jedoch bereits mehr als 12. liebes-Briefe gewechselt hätte. Ich belachte diesen Streich von herzen, und wolte ihn, als meinen Glaubens-Genossen, von solcher Gefahr bringenden Liebe abmahnen, allein, er seuffzete und sprach: Ach mein wertester Freund! wenn ihr meine Nonne, welches die vornehmste Sängerin ist, und denn diejenige, welche jetzt, in Ermangelung der Orgel, das Clavicien spielet, nur ein eintzig mahl sehen soltet, würdet ihr ganz anders reden, und ich bin versichert: dass diese schönen Kinder so gern Männer hätten als wir das Leben haben, allein ich weiss mich auf kein Mittel zu besinnen, meine Liebste aus diesem verzweiffelten Käffige zu entführen.

Meine Neugierigkeit erstreckte sich so weit, ihn zu ersuchen, mir die gelegenheit zu zeigen, wie man diese gerühmten Schönheiten zu sehen bekommen könnte, er versprach mir binnen 3. Tagen zu willfahren, allein ich müste mir die Mühe nicht verdrüssen lassen, in einem engen Behältnisse, mit einiger unbequemlichkeit, eine ganze Nacht auf diesen vortrefflichen Anblick zu warten. Ich versprach alles zu tun, was er von mir verlangen und selbst tun könnte. Demnach sperrete er mich und sich, eines Abends, nachdem wir alle unsere Mit-Arbeiter fortgeschickt, die Kirch-Türen alle verschlossen, uns beide aber selbst eingeschlossen hatten, in ein enges Behältniss des neugebauten Orgel-Gehäuses ein, wo wir sehr unbequem sitzen, und kaum unsere mit hinein genommene Wein-Bouteille nebst dem Zwiebacke zum mund führen konnten. Jedoch weiln um damahlige Jahrs-Zeit sehr warme Nächte waren, kam uns dergleichen Nacht Wache nicht eben allzu beschwerlich an, nur dieses machte mir bange, dass wenn wir in diesem Gehäuse betroffen würden, uns vielleicht ein grösseres Verbrechen, nämlich die Kirchen-Räuberei schuld gegeben werden könnte, über dieses war mir um die MitterNachts-Zeit ziemlich bange vor Gespenstern und Betörungen, jedoch alle dergleichen fürchterliche gedanken verschwanden, da gegen Morgen das ganze Orgel Chor von musicalischen Nonnen angefüllet wurde, denn es war eben das fest der Heimsuchung Mariä zu feuern. Zeit Lebens hatte ich keine angenehmere Music gehört als diese, welche von alten und jungen Nonnen gemacht wurde, jedoch ich glaube, dass die Einbildung auch sehr viel bei der Sache getan hat. Sie spieleten nicht allein allerhand Arten von Instrumenten, sondern die Vocal-Music war dermassen bestellet, dass ich vor Vergnügen immer in einen Klumpen zu sincken vermeinete, jedoch die Vernunfft raffelte sich endlich zusammen, da eine alte sehr runtzelige Nonne, mit der penetrantesten Bass-stimme, eine Arie solo sunge, so bald aber eine andere, welche als Capel-Meisterin den Tact führte, mit einer, der allervortrefflichsten Nachtigall gleichenden Discant stimme, das darauff folgende Recitativ heraus drechselte, und mein Gefährte, mir das verabredete Zeichen gab, dass dieses seine verliebte Correspondentin sei, hätte ich abermals vor übermässiger Verwunderung aus der Haut fahren mögen. Inzwischen stunde mir der alte Zeisel-Bär, nämlich die alte Nonne, welche den Bass sunge, mit ihrer Concerte beständig im Wege, die, auf dem Clavicien spielende Nonne, im gesicht zu sehen, so lange biss endlich dieses Stück völlig abgetan war.

Indem das alte Brum-Eisen nun auf die Seite trat, war die wunderschöne Organistin eben im Begriff, die bei ihr stehenden zwei Wachs-Lichter zu putzen, und also fiel mir ihre unvergleichliche Gesichts-Bildung auf einmal vollkommen in die Augen. Dieser eintzige allererste Anblick war vermögend, mein Hertz vollkommen verliebt zu machen, so dass ich kein Auge von derselben verwenden konte, biss mir endlich andere darzwischen tretende, den Prospect aufs neue verhinderten. Mittlerweile sah ich die charmante Seele meines gefährten desto genauer an, und befand: dass die Gesichts-Bildung derselben, nicht halb so angenehm als der schönen Organistin Gestallt war, allein wie ich nachher an ihm vermerckt, so hatte er im Gegenteil vor seine Liebste eben so vorteilhaffte gedanken, als ich vor die meinige. nachher, da ich die eingebildete Glückseeligkeit aufs neue hatte, die letztere frei zu betrachten, wurde meine hefftige Liebe dermassen befestiget, dass ich beschloss so gar mein Leben daran zu wagen, um nur fein offte den Vorteil zu erlangen, mit ihr, gleich wie mein Gefährte mit der seinigen, Briefe zu wechseln.

Die Früh-Mette ging endlich, zum wenigsten mir, mehr als zu hurtig vorbei, weswegen die Kirche so wohl von denen Nonnen als allen andern Leuten verlassen wurde. Mein Gefährte fragte mich, ob wir uns davon schleichen, oder noch etliche Stunden verziehen, und die hohe Messe abwarten wolten, ich erwehlete das letztere, und gab vor: dass ich ehe 3. Tage und Nacht ohne Essen, Trincken und Schlafen verbleiben, als dieses Vergnügens, welches so wenig Mühe kostete, beraubt leben wolte; woraus derselbe so gleich vermerckte, dass Cupido in meiner person einen verliebten Haasen getroffen hätte, und mich dieserwegen nicht wenig vexirete. Jedoch weil er vermerckt: dass seine Geliebte denjenigen kleinen Brief, welchen er unter ihr Singe-Pult versteckt, zu sich genommen hatte, sagte er ganz leise zu mir: Mein Freund wo es wahr ist, dass ihr in die schöne Clavicien-Spielerin verliebt seid, so bin ich dessfalls bereits euer FreiWerber