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ein Zweiffel entstehen, ob ich wegen ausgestandener gefährlichen Kranckheit, der, mit diesem Handwercke verknüpfften schweren Arbeit gewachsen sein möchte, jedoch ich befand mich innerlich und äuserlich dermassen wohl aus curirt, dass ich ihnen diesen Zweiffel mit gutem Recht ausreden konte, und also wurde ich um ein billiges LehrGeld, welches der Pfarrer zur Helffte aus seinem Beutel bezahlete, meinem Vater zum ziemlichen Verdruss in die Lehre genommen, kan auch nicht anders gedencken, als dass dergleichen Resolution dem Himmel gefällig gewesen, weil seit der Zeit nicht den geringsten Anfall von einer innerlichen Kranckheit gehabt habe. Mein Meister war, wie gesagt, ein sehr künstlicher Mann, sonderlich im fourniren und anderer subtiler und künstlicher Tischer-Arbeit, ausserdem nahm er wenig andere als Kirchen-Arbeit an, von gemeinen und groben Sachen aber gar nichts. Ich fand mich währender Lehrzeit in den allermeisten nach seinem Wunsche, nachdem ich aber ausgelernet, blieb ich noch zwei Jahr um halbes Lohn bei ihm, und zwar darum, weil er sich keine Mühe verdriessen liess, mich in den Haupt-Stücken der Architectur zu unterrichten, als welche er sehr wohl verstund.

Mittlerweile war mein Vater gestorben, die Mutter abgebrandt, also hatten wir Kinder, ein jedes vor sein teil, kaum 20. Gülden zu fordern, deswegen schenckte ich der Mutter meine Portion der Erbschafft, und reisete etliche 30. biss 40. Meilen in die Welt hinnein. Alldieweiln ich nun, ohne Ruhm zu melden, etwas rechtschaffenes in meiner Profession gelernet zu haben, ziemlich versichert war, so suchte keine andere Arbeit, als in den grössten Städten, und zwar bei solchen Meistern, die keine Marckt- oder Bauer-Arbeit machten, hatte auch immer das Glück, nicht lange auf der Bären-Haut zu liegen.

Meine stille und ziemlich melancholisch scheinende Lebens-Art, die aber einen desto stärckern Fleiss bei der Arbeit beförderte, erwarb mir gemeiniglich die Gunst der Meister, hergegen einen heimlichen Hass bei den Mittgesellen, jedoch ich machte mir dieserwegen nicht die geringste sorge, im Gegenteil hatte mehrern Vorteil davon, weil ich solchergestalt von vielen Ungelegenheiten, die durch das Sauffen, Spielen und anderes liederliches Leben zu entstehen pflegen, befreiet blieb.

Diesemnach kan mich keiner besonderen Avanturen rühmen, es müsse denn sein, dass folgende, einen Platz unter den besonderen begebenheiten eines reisenden Handwercks-Purschen verdieneten:

Mein Meister, welches der vornehmste Tischler in der berühmten Residentz eines Römisch Catolischen Bischoffs war, schickte mich eines Tages nebst einem Jungen in das haus eines sehr reichen Mannes, um das Täffel-Werck aus seiner Wohn-stube zu reissen, hergegen selbige stube aufs neue mit Nuss-BaumHoltze auszutäffeln. Indem nun der Lehr-Junge eben im Begriff war, eine Kanne Bier von der Ausgeberin, ich aber indessen das aus Holtz geschnitzte Bild des heil. Bonifacii, welches oben in einer Ecke angenagelt war, herunter zu langen; brach mir dieser wurmstichige Heilige unter den Händen entzwei und schüttete aus seinem ausgehölten leib eine grosse Menge Gold-Stücker über meinen Kopff, weswegen ich ungemein erschrack, jedoch das Bild vollends herunter hub, die ausgestreuten Gold-Stücke alle zusammen in meine Mütze sammlete, und befand, dass es 632. Stück lauter Kremnizer dukaten waren.

Diese Arbeit war vollbracht, ehe mein Lehr-Junge mit dem Biere, und der haus-Knecht mit dem Mittags-Brodte ankam, welchen letzteren ich bat, dem haus-Herrn meinetwegen zu sagen: dass er augenblicklich zu mir in die stube kommen möchte, weil ihm etwas besonders anzuzeigen hätte. Da aber der haus-Herr eben bei der Mittags-Mahlzeit gesessen, so kam er nicht eher zur Stelle biss nach aufgehobener Taffel, fragte auch so gleich: was es besonders gäbe: Mein Herr! gab ich ihm zur Antwort, es wird euch bewust sein, dass die Luteraner, als zu welcher Partei ich mich bekenne, nicht glauben, dass die verstorbenen Heiligen den annoch lebenden Menschen einige Wohltaten erzeigen können; allein euer heiliger Bonifacius, dessen vortrefflichen Nahmen ich zu seinen Füssen angeschrieben sehe, hat mich heute eines andern überzeugt. Denn ungeachtet ich so unglücklich gewesen, seinen, von Würmern ganz durchfressenen körper, zu zerbrechen, so hat er mir dennoch dieses Geschencke, euch als dem haus-Herrn zu überreichen anvertrauet. Unter Ansprechung dieser letzteren Worte, setzte ich meine, mit dukaten ausgestopffte Mütze vor ihn auf den Tisch, und indem er selbige eröffnete, erstaunete der Mann ganz ungemein, sagte aber weiter nichts als: Verziehet ein klein wenig, ich muss doch dieses Heiligtum meiner Frauen zeigen: Und darauf lieff er eiligst fort. Ich wartete länger als eine Stunde auf seine Zurückkunfft, und stunde in der gäntzlichen Hoffnung er würde mir zum wenigsten etliche Stück dukaten Trinck-Geld einhändigen; allein statt dessen kam bald hernach die Wache und führte mich mit samt dem Lehr-Jungen in Arrest.

So lange ich auf der Welt gelebt hatte, war mir kein Zufall unvermuteter und wundersamer vorgekommen, als dieser, jedoch, weil ich ein gut Gewissen hatte, blieb ich eine ganze Nacht hindurch, obgleich nicht ohne Verdruss, dennoch ohne grosse Bekümmerniss. Folgenden Morgen aber wurde der Junge von mir hinweg, ich selbst etwa eine Stunde darauff, in Ketten geschlossen und vor das Geistl. Gerichte geführt. wo mich der haus-Herr nicht allein auf einen vermutlichen Diebstahl, sondern auch wegen Lästerung GOttes und seiner Heiligen angeklagt hatte. Ich verantwortete mich nach meinem guten