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. Das vierdte: Ae Schmätzgen schmeckt wie ZuckerCand, etc. Gedruckt zu Cölln am Rhein, da die wakkern Mädgens sein. Mein Hertz im leib fing vor Freuden zu hüpffen an, da ich diese allerneusten noch nie erhörten vortrefflichen Lieder, nebst beigesetzten bekandten Melodeien ins gesicht bekam. Ich fragte mit ängstlichen Gebärden den Buchdrucker-Gesellen, ob er diese Lieder zu verkauffen hätte, und was sie kosteten? Er forderte einen Groschen, und da ich fragte: wie es käme, dass diese so teuer, andere solche Stücke Pappier aber, um 8. oder 9. Pf. wohlfeiler waren? gab er zur Antwort: Ja mein lieber Sohn, neue Sachen gelten allezeit mehr und noch 4. mahl so viel als die alten, ein anderer als ihr müste wohl 18. Pf. darvor geben. deswegen zahlete ich ihm 1. gl. steckte den halben Bogen zu mir und fragte: ob keine andere Sorten von dergleichen Liedern vorhanden wären, indem ich, als ein junger Musicus dergleichen Sachen höchst von nöten hätte, und mein baares Geld schon wieder heraus zu bringen wüste. Sogleich meldete sich der Meister oder Herre selbst, brachte eine unzählige Zahl von noch mehrern allerneusten Liedern, liess sich aber besser behandeln als der Geselle, denn ich bekam vor 16. Groschen einen dermassen starcken Pack Lieder, dass ich denselben kaum ertragen konte.

Vor diese 16. Groschen sollte ich meiner Schwester 2. Ellen blauen Cattun mitbringen, allein ich gedachte: Cattun ist alle Tage zu bekommen, dergleichen vortreffliche Lieder aber sehr selten, und also legte ich mein Geld mit desto grösseren Freuden an, in Hoffnung mich mit meiner Schwester dessfalls schon zu vergleichen. Im Hinweggehen, steckte mir der Buchdrucker noch ein ziemlich Paqvet von dergleichen trefflichen Liedern in den Busen, und sagte darbei: Mein Sohn, saget eurem Herrn Pfarrer ja nichts, dass ihr diese Lieder von mir gekaufft habt, auch sonsten niemanden etwas davon, sondern haltet dieselben heimlich, so will ich euch in zukunfft mehr dergleichen vor halb Geld zukommen lassen, denn ich habe fast alle Wochen ganz spannagel neue, und zwar die allervortrefflichsten, welche ein berühmter guter Meister in der Vers- und Singe-Kunst macht, und wenn ihr verschwiegen seid, will ich euch jederzeit ein Stück oder 6. in den Kauff geben. Ich versprach alles wohl zu mercken, was er mir sagte, und reisete über meinen erhandelten Schatz, höchst vergnügt von dannen. kurz vor der Stadt begegnete mir mein Bruder und brachte an: dass mein Vater nahe bei der Stadt, auf einem Vorwerge, Auffwartung hätte, weswegen ich sehr eiligst dahin kommen sollte. Diesemnach gab ich meinem Bruder so wohl des Herrn Pfarrers, als mein eigenes Paquet von gedruckten Sachen, befahl ihm das meinige in seine Lade zu schliessen, dem Herrn Pfarrer aber das seinige auf die Pfarr-wohnung zu tragen, und band ihm darbei sehr ernstlich ein, die Paqueter nicht zu verwechseln, ich aber machte lincks um, und lieff auf das Vorwerck zu, wo ich meinen Vater nebst zweien seiner Consorten in voller Arbeit antraff, hergegen um so viel desto freundlicher bewillkommet wurde, weilen die Kindtauffens-Gärste sie wenig Lust mehr zum Tantzen, hergegen desto grössere, mich singen zu hören, bezeugten, und an meiner Ankunfft allbereits gezweiffelt hatten. Ich verdiente vermittelst der Zugabe von den neuen Liedern, welche mir der Buchdrucker in den Busen geschoben hatte, diesen ersten Abend redliche 18. Pf. über das Capital von 16. gl. welches ich meiner Schwester an statt des Cattuns wieder zu geben schuldig war, andern Tages kam noch ein halber Taler dazu, also konte ich nebst meinem Vater, der auf seine Portion auch über zwei Taler verdienet hatte, nach Mitternacht vergnügt nach haus gehen. Wir legten uns also, da der Himmel schon zu grauen anfieng, sehr ermüdet nieder, und ich wäre gewiss, sonst durch nichts, als die klapperenden Teller zum Aufstehen bewogen worden, wenn mich nicht einer von unsers Herrn Pfarrers Söhnen erweckt, und mit auf die Pfarre zu gehen beredet hätte.

Ich kam dahin, und zwar eben, da der Herr Pfarrer von der Mittags-Mahlzeit aufstund, dessen erste Frage war: Von wem ich das Paquet gedruckte Sachen an ihn zu bestellen empfangen hätte. Ich konte nicht anders, als der Wahrheit gemäss, antworten: Von dem Buchdrucker. Hierauff passireten noch viele andere fragen und Antworten, endlich aber kam es zu meinem allergrösten Schrecken heraus, dass mein dummer Bruder, die Paqueter verwechselt, meine Lieder dem Herrn Pfarrer gegeben, und hingegen dessen Sachen, vermutlich in seine Lade geschlossen hatte, welches ich nicht eigentlich wissen konte, weiln er bei meiner Heimkunfft bereits im Bette, vor meinem Aufstehen aber schon mit dem Pfluge ins Feld gezogen war. Ich zittere noch biss dato, wenn ich daran gedencke, wie mir der fromme Pfarrherr die Hölle so heiss, und mich ganz und gar zu einem TeuffelsKinde machte, worin er auch, wie ich nachher wohl erwogen, das allergröste Recht hatte, jedoch endlich, nachdem ich ihn alles offenhertzig bekennet, und mich rechtschaffen zu bessern versprochen, auch dabei die bittersten Tränen vergossen, fing er mich wiederum an zu trösten und zu vermahnen, nahm aber das Paquet der weltlichen Lieder, führte mich in die Küche und verbrandte es in meiner Gegenwart auf dem Feuer-Herde, hergegen beschenckte er mich mit einer Bibel, Gebet- und Gesang-buch, dergleichen Sachen