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, aufrichtig und wohl bezeugen wird. Da aber nach der Zeit in Amsterdam an einer gewissen Welt-berühmten Machine gearbeitet wurde, wobei ich vor meine, vielleicht nicht unangenehme Invention und Handanlegung, so wohl als andere Künstler, ein gut Stück Geld zu verdienen vermeinete, nahm ich die Reise dahin vor mich, beredete auch Mons. Litzbergen, einen beliebten Reise-gefährten abzugeben. Allein die Führung des himmels hat es besser mit uns gemeinet, denn wie bereits bekandt ist, sind wir in Lübeck an den Herrn Wolffgang geraten, der uns nebst andern gefährten, auf diese glückseelige Insul geführt hat, wo ich nunmehr, dem Himmel sei Danck, ein dermassen ruhiges und vergnügtes Leben führe, welches gegen keinen philosophischen Stein vertauschen wolte, und wenn derselbe gleich den allergrösten Mühlstein am Gewicht überträffe, wünsche also weiter nichts mehr, als meine übrige Lebens-Zeit in wahrer Frömmigkeit zuzubringen, auf der Insul meinen liebsten Freunden nützliche Dienste zu leisten, und endlich in den Armen meiner liebsten Dorotee Jacobine, ruhig und seelig zu sterben.

Solchergestalt, meine Herrn und Freunde! sagte nunmehr Mons. Plager zum Beschlusse, habe ich ihnen einen offenhertzigen Bericht, meines von Jugend auf geführten Wandels abgestattet, ich weiss aber nicht, ob ich wünschen darff, dass sie demselben ferner nachdenken, oder zum wenigsten meine Torheiten und Ubeltaten ganz und gar wieder vergessen möchten, jedoch mein bester Trost ist dieser: dass ich ein besserer Christ geworden, und auch vollkommen gesonnen bin, mich Zeit-Lebens also aufzuführen, da ich, GOtt Lob, im stand lebe, meinen ehemahligen Affecten ein Gebiss anzulegen, und sie nicht über mich herrschen zu lassen.

Also endigte Mons. Plager die Erzehlung seiner Lebens-Geschicht, aus welcher wir, an seiner person und ganzen Wesen, nichts anders zu tadeln fanden: als dass er sich der hefftigen Gold-Begierde, und denn dem Jäh-Zorne allzu stark überlassen, den Vermahnungen seines sterbenden Vaters nicht besser nachgelebt, und sich an dessen Exempel gespiegelt hätte, denn wie er annoch selbst bekennete, so hatte er die meiste Gesellschafft mit unchristlichen Leuten, Ovakkern und Mennonisten gepflogen, wie denn auch sein ehebrecherisches Weib eine übel conduisirte Reformirte gewesen war. Es gab auch viel Disputirens unter uns: ob er recht oder unrecht getan, den leichtfertigen Ehebrecher so plötzlich zu überfallen und zu ertödten? allein, endlich fiel doch der Schluss dahinnaus, dass es christlicher gehandelt gewesen, wenn die Selbst-Rache unterblieben wäre.

Nachdem aber unter dergleichen Gesprächen der Abend einzubrechen begunte, nahm ein jeder die Rückreise zu seiner wohnung vor sich, mit dem Verlass, ehester tages, wenn es dem Alt-Vater beliebte, in Stephans-Raum zu erscheinen, um daselbst des Tischlers Lademanns, und des Müllers Krätzers Lebens-Läuffte anzuhören.

Solches verzohe sich nun zwar auf etliche Tage, weil der Alt-Vater einen schlimmen Zufall von StockSchnupffen und truckenen Husten bekam, allein, nachdem er endlich durch gute Wartung und BeiSorge Mons. Kramers, der ihn mit den Herrlichsten Medicamenten zu Hülffe kam, wiederum völlige Besserung verspürete, und ihm von dem letzteren selbst, eine kleine Spazier-Fahrt zur Motion, angeraten wurde, begaben wir uns in seiner Gesellschafft nach Stephans-Raum, nahmen erstlich den neuen MühlBau in Augenschein, und bezeugten eine besondere Freude darüber, denn das ganze Gebäude stunde schon völlig unter dem dach, mittlerweile aber, da andere dasselbe vollends tünnchten und ausputzten, arbeiteten Lademann, Krätzer und Herrlich, nebst ihren Lehrlingen an den Mühl-Rädern, welche sie aufs längste binnen 14. Tagen einzulegen vermeinten, nachher Mühl-Steine aus dem Alberts-Hügel, als welcher Stein sich am allertüchtigsten dazu anliess, aushauen, so dann gleich nach vollbrachter Erndte, zu mahlen anfangen wolten. Allein, weil der Alt Vater freundlich zu vernehmen gab, wie er dieses mahl in Lademanns Wohn-haus abzutreten gesonnen sei, und gegen Abend das Vesper-Brod bei ihm speisen wolte, gaben die Meisters ihren Lehrlingen und Handlangern ein abgemessenes Stück Arbeit auf, und begleiteten uns alle drei in Lademanns Wohn-haus, wo sich auch in kurtzen Herr Wolffgang, Litzberg und Plager einstelleten, weil wir selbigen unsere Dahin-Reise zu wissen tun lassen. Wir ladeten uns an einen wohlschmeckenden und sehr kühlen HaussTruncke, rauchten, weil es etwa 3. biss 4. Stunden nach der Mittags-Mahlzeit war, Toback darbei, da aber unser Wirt mit seiner jungen haus-Frauen das Vesper-Brod aufgetragen, und der Alt-Vater mit freundlichen Worten zu vernehmen gab, wie er wünschte, seine, nämlich

Des Tischlers Lademanns Lebens-Geschicht

anzuhören, machte sich derselbe alsofort bereit dazu, und fing seine Erzehlung also an:

Ich Johann Bernhard Lademann, bin vor nunmehr 36. Jahren, auf einem Dorffe ohnweit Altenburg, zur Welt gebohren worden. Mein Vater hatte zwar ein kleines haus, nebst etlichen Ackern Feld, überliess aber die Wirtschafft dessfalls meiner Mutter, und verdiente sein Geld hier und dar mit der Geige, Schalmeie, und sonderlich mit dem Hacke-Brete, welches er, in Betrachtung, dass alles ein von sich selbst gelernetes Werck war, sehr gut spielen kunte, und dieserwegen unter noch 6. andern dergleichen DorffMusicanten, der so genannte Premieur wurde. Seiner Kinder waren 5. nämlich drei Töchter und zwei Söhne, mein ältester Bruder, der in der Schule mit gröster Mühe, nebst dem Catechismo, etwas weniges lesen und