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heran kommendes Donnerwetter, unsere zerstreuten gedanken und Sinnen wieder zusammen getrieben hätte. Mein Principal sah mich und ich ihn mit seufftzen an, endlich öffnete er die Schrifft, und fand selbige also gesetzt:

Meine Freunde!

Ich will mich um eure vielerlei gedanken, die ihr wegen meiner unverhofften Ankunfft und plötzlichen Abreisens hegen werdet, voritzo nicht bekümmern. Schlaget in Luteri deutscher Bibel den 3ten Versicul des 28. Cap. im Buch Hiob auf, in selbigem ist durch ein reines Anagramma, der richtige Process zu finden, wie man auf die allerleichteste Weise den Lapidem Philosophorum finden kan. Hat euch GOTT diese Gnade zugedacht, so wird er den Fleiss nicht vergeblich sein lassen, den ihr zu Ausforschung des versteckten Geheimnisses anwendet, oder es fügen, dass ich euch vielleicht in wenig Monaten wieder beunschätzbarn Schatze, als euch hier beigelegt und nötig ist, die Wahrheit des göttlichen Geheimnisses vor allen Verläumdern zu rechtfertigen. Seid jederzeit fromme Kinder GOTTES, vergesset die Armen nicht, und bleibt mit so, wie ich euch gewogen,

Daniel Artista.

Es fehlete wenig, dass wir beiderseits überlaut zu weinen angefangen hätten, weil aber dennoch nicht alle Hoffnung abgeschnitten war, den teuren Mañ wieder zu sehen, über dieses die tröstliche Zuschrifft, und denn das innliegende Pulver, welches ungefähr 6. Gran am Gewichte hielt, uns einigen Mut machte, so erreichten wir endlich ziemlich beruhigt, unsere wohnung. Gleich Tages darauff, machte der Principal die probe, mit einem vierteils Gran des Arcani, und proportionirlicher Quantität Bleies noch einmal und also sahen wir mit wiederholter Verwunderung: dass das Blei abermals ins feinste Gold verwandelt wurde, und sonsten alles seine vollkommene Richtigkeit hatte.

Nach der Zeit wandte so wohl der Principal als ich, die meiste Zeit auf die Ausfindung des Anagrammatis, allein wir konnten binnen 5. oder 6. Monaten wenig oder gar nichts kluges zu Marckte bringen. Der teure Mann, Daniel Artista, wolte nicht wieder zum cipal nur immer desto erpichter auf die Arbeit, so, dass er des Nachts kaum 2. oder 3 Stunden zu schlaffen pflegte. Endlich, zu Ende des 8ten Monats, brachte er folgendes Anagramma zu wege, welches ich nicht allein im guten Gedächtnisse, sondern auch unter meinen geschriebenen Sachen auffbehalten habe, und solches euch, meine Herrn, augenblicklich zeigen will.

Unter diesen Worten zohe Mons. Plager ein Blat aus seiner schreibe-Tafel hervor, gab es in unsere hände, und wir fanden auf selbigen folgende Schrifft:

Hiob. XXVIII. 3.

Es vvird ie des finstern etvva ein Ende, und iemand

findet ia zuletzt den Schieffer tieff verborgen.

Per Anagramma purissimum:

Diamant, Weinstein, Federvveiss, nuzzen Gold,

vierfach Feur bereitet, der Feind findet den Stein.

Nachdem wir es alle gelesen und wohl uberlegt, unser Urteil aber dieserhalb biss auf eine andere Zeit ausgesetzt, fuhr Mons. Plager in seiner Erzehlung folgender Gestalt fort: Ich will jetzt nicht weitläufftig erweisen, ob wir klug, oder entschuldigen, dass wir töricht gehandelt haben, da uns dieser halb deutlich und halb dunckele Spruch, zum grund aller Mühe und Arbeit machter vorteilhaffter Auslegung, unser gäntzliches Vertrauen darauff, allein es zerbrach ein sehr starcker Pfeiler meiner Hoffnung, da der Principal, wegen sich selbst verursachter Strapazen im zehendten monat nach des Daniels Abreise, vom Schlage gerühret wurde, und wenig Tage darauff im 62sten Jahre seines Alters plötzlich den Geist aufgab. Wenn ich nicht allzu ehrlich gewesen, so hätte nicht allein den Rest des Geheimnisvollen Pulvers, sondern auch ein ziemlich Stück Geld auf die Seite schaffen können, dergestallt aber muste mich von seinem, in der nächsten Stadt wohnhafften Bruder, der ein ziemlicher Geitzhals sein mochte, mit 400. Gulden vor rückständiges Lohn und alles, abspeisen lassen, und da derselbe über dieses so eigensinnig und argwöhnisch war, mir, des verstorbenen Principals kleines Hand-Apoteck gegen, worin auch das Geheimnis-volle Pulver befindlich, vor die gebotenen 200. fl. zu überlassen, so machte auch ich mir ein Bedencken, ihm die Kräffte und Nutzen der ihm unbekandten Sachen zu offenbaren. Gleichwohl fragte er mich, wie viel wohl Zeit erfordert werden möchte: die annoch im Feuer stehenden Materien zu perfectioniren, und ob ich mich wolte dazu gebrauchen lassen? Ich erklärete ihm also, dass wenigsten 3. monat Zeit dazu gehöreten, und wie ich zwar nach vorgeschriebener Art und eigener Erfahrung selbige zu gute machen, jedoch so wenig vor die Verunglückung, als andere dabei zuweilen entstehende Gefährlichkeiten oder Schaden hafften könnte und wolte. Wie ich hernach bedacht, so wäre es mir ein leichtes gewesen, ihm, unter diesen oder jenem Prætext, das kostbare Pulver abzuschwatzen, allein ich muss glauben, dass es solchergestallt mein Verhängniss selbsten hintertrieben hat. Inzwischen nahm ich den Accord an, vor Monatl. 50. fl. noch eine Zeitlang da zu bleiben, so lange nämlich, biss in allen reine Arbeit gemacht wäre. Demnach war ich meiner andern Mit-Gesellen vorgesetzter, der neue Principal aber, welcher von der Kunst wenig oder gar nichts verstund, kam gemeiniglich nur Wöchentlich zwei mahl, uns zu besuchen. Eines Tages, da ich mich der kühlen Abend-Lufft, ohnfern von der wohnung, unter den grünen Bäumen bedienete, kam ein frembder Mann zu mir und fragte: ob mein Principal, den er bei seinem ganzen Nahmen nennete, zu haus sei? und ob es ihm würde gelegen sein, sich diesen Abend sprechen zu lassen?