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allen seinen Wesen vollkommen redlich, so merckte er auch gar bald, dass bei mir der Verstand zwar ziemlich verdorben, im übrigen keine Schalckheit und Betrügerei anzutreffen wäre. Dennoch wendete dieser vortreffliche Mann allen Fleiss an, mich so wohl in der christlichen Lehre, als auch in andern Wissenschafften aufs allertreulichste zu unterrichten, und solchergestallt geschahe es, dass ich innerhalb 2. Jahren ganz ein anderer und klügerer Mensch wurde.

Mittlerweile aber waren alle diejenigen Processe, welche mein Principal, und so zu sagen, anderer Vater, den Stein der Weisen auszufinden, angestellet hatte, fruchtloss abgelauffen, weswegen er einen kleinen Tractat in die Welt fliegen liess, unter dem Titul: Schwer auffzulösende zweiffels Knoten über die Frage: Ob der beruffene Stein der Weisen, jemahls von einem sterblichen Menschen erfunden sei? etwa ein halb Jahr hernach, kam eines Montags früh, ein ehrbahrer etliche 50. Jahr alt scheinender Mann, der das Ansehen eines Reichs-städischen reputirlichen Pfahl-Bürgers hatte, vor unsere Tür, und verlangete mit dem berühmten Chymico, nämlich mit meinem Principal zu sprechen. Ich wolte denselben unter dem Vorwande, dass mein Herr noch nicht auffgestanden sei, mit einem halben Frantz-Gulden abweisen, weil er mir nicht anders, als ein AllmosenSucher in die Augen leuchtete, allein er bedanckte sich, und gab vor: wie er meinem Herrn nicht beschwerlich fallen, sondern nur ein kurtzes Gespräch von chymischen Geheimnissen mit ihm halten, dieserwegen auch in einer Stunde wiederkommen wolte. Hiemit ging er fort, ich aber muste in meinem herzen lachen, dass ein solcher einfältiger Mensch, sich in so wichtige und hohe Dinge mischen wolte, denn ohne Schertz, dieser Mann schien in meinen Augen ein ganz ausserordentlicher Einfalts-Pinsel zu sein. Ich sagte meinem Principal nicht einmal etwas davon, da aber der Mann in einer guten Stunde wieder kam, war der erstere so gütig, denselben in sein geheimes Cabinet zu führen. Sie waren 3. gute Stunden in sehr ernstafften Gesprächen begriffen, wovon aber ich wenig oder nichts deutliches verstehen konte. nachher speisete der Gast mit meinem Principal ganz allein, nach Tische aber muste ich ein grosses Feuer-Becken, einen mittelmässigen Schmeltz-Tiegel, einen Blasebalg, wie auch ein Pfund-Stück Blei in das geheime Cabinett bringen, indem ich aber bei dem Feuer-Becken stehen blieb und die Kohlen anbliess, gab der Frembde meinem Principal einen Winck, der so viel bedeutete, dass er mich hinaus schaffen sollte. Der Principal aber sagte darauff: Mein Herr! wenn ihr sonsten keine besondere Ursachen habt, euch vor diesen Menschen zu fürchten, so lasset ihn in GOttes Nahmen die Wunderwercke des Allerhöchsten beschauen, ich bin Bürge vor seine GottesFurcht und Redlichkeit, denn er ist in der CreutzSchule gewesen, und nach vielen Torheiten zu sehr guten verstand gekommen.

Demnach liess sich der Frembde gefallen, dass ich da blieb, mein Principal legte das Pfund-Stück Blei in den Schmeltz-Tiegel, weil aber selbiger, als ein untüchtiges Gefässe zersprunge, muste ich etliche andere herbei bringen, wovon wir den besten auslasen, und ein ander Stück Blei hinnein warffen. So bald es zergangen war, sagte der Frembde: werffet noch ein Pfund Blei zum Geschenck vor diesen redlich scheinenden Menschen hinein. Mittlerweile mein Principal dieses tat, langete der Frembde aus seinem Brustlatze eine kleine Helffenbeinerne Büchse hervor, worin ein Rubin-rotes Pulver war, von diesem nahm er etwas weniges auf die Spitze eines Messers, schüttete dasselbe auf ein Wachs-Küchlein, so etwa eines Holländischen Düttchens gross, aber sehr dünne war. Mein Principal, der ihm das Wachs-Küchlein vorhielt, machte selbiges mit dem inwendigen Pulver zu einer Kugel, und warffs in das bereits völlig zerschmoltzene Blei. Alsobald erhub sich im Tiegel ein starckes Gezische, das Blei schien mit seinem Ober-Herrn zu kämpffen, konte aber nichts anders ausrichten: als unzehlige Wind-Blasen, welche die wunderwürdigsten Farben hatten, in die Höhe werffen. Nachdem es Stillstand worden, zeigte die Massa im Tiegel, die allerschönste grüne Farbe, beim ausschütten schien sie Blut-Rot, endlich aber kam in dem Giess-Becher die vortrefflichste Gold-Farbe zum vorscheine.

Mein Principal, welcher das Probiren aus dem grund verstund, befand es alsobald vor ein solches Gold, das von keinem andern in der ganzen Welt übertroffen würde, deswegen war er so wohl als ich, ganz ausser sich selbst gesetzt, ja wir wusten vor Verwunderung, Freude und Schrecken nicht was wir reden oder gedencken sollten. Der Gast sass inzwischen mit gefaltenen Händen auf seinem stuhl ganz stille, da aber mein Principal und ich, uns an der wunderbaren Veränderung nicht satt sehen konnten, unterbrach er endlich das Stillschweigen, und sagte mit einer gelassenen Mine: Wie nun, mein Herr! werdet ihr auch nunmehr euren letztin geschriebenen Tractat wiederruffen, oder ihn zum wenigsten verbessern? Ach ja, mein allerwertester Freund, versetzte mein Principal, ich werde in Zukunfft entweder klügere Sachen oder gar nichts mehr schreiben. Tut was ihr wollet, sagte der Frembde, voritzo aber erlaubet mir, dass ich mit euch beiden ein wenig ins Feld spatzieren gehe, denn die Bewegung ist nach der Mahlzeit meine beste Sache. Mein Principal war bereit seinem unvergleichlichen gast alle gefälligkeit zu erweisen, ging deswegen in ein anderes Zimmer, um bessere Kleider anzuziehen. Immittelst tat ich meinen Mund auf, und sagte zu dem Frembden: Mein Herr! ihr habt eure Kunst