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Ich verlasse euch und zweiffele, ob ihr mich nur ein einzig mahl wieder zu sehen das Glück haben werdet.

Ich meines Teils weiss biss diese Stunde noch nicht, ob mich dieser Mensch mit seinen blossen Worten bezaubert, oder als ein Basilisske durch das Ansehen vergifftet hatte, denn so bald er mir nur den rücken zukehren wolte, wurde mein ganzes Wesen dergestalt verändert, dass ich augenblicklich aufsprung, ihm um den Hals fiel, und hertzlich bat, mich als einen verwirrten Menschen, der da nicht wisse, was er glauben solle, um des himmels willen nicht zu verlassen, sondern meiner Schwachheit zu Hülffe zu kommen, und wenigstens Morgen, nachdem ich meine 5. Sinne wiederum in einige Ordnung gebracht, noch ein einzigs mahl bei mir einzusprechen. Er versprach solches zwar, jedoch mit einer solchen Gebärde, dass ich daraus die stärckste Ursache nahm, an der Erfüllung seines Worts zu zweiffeln, weswegen ich mit Bitten nicht abliess, biss er endlich den Schwur tat, mir, so wahr er ein wahrhafftiger Anbeter des grossen Jehova wäre, sein Wort zu halten.

Weñ ich erzehlen sollte, wie mir in folgender Nacht zu Mute gewesen, und welchergestalt alle meine Affecten und gedanken durch einander her gegangen, so müste mehr als einen Tag Zeit dazu haben. kurz! ich bleibe fast darbei, dass mein ganzer Verstand bezaubert worden. Die Vermahnungen meines sterbenden Vaters, zerschmoltzen wie Butter an der Sonnen, und wie sehr ich sonsten auf die betrügerischen Alchymisten erbittert gewesen, so sehr wünschte ich nunmehr den wundervollen Elias und den frommen Elisæum zu umarmen, an die Abreise aber wurde gar im geringsten nicht gedacht.

etwa zwei Stunden, nachdem ich von meinem Lager aufgestanden, stellte sich der so sehnlich gewünschte Elisæus ein, fragte ganz devot, ob ich wohl geruhet und Belieben hätte ihm zu folgen. deswegen warff ich mit erfreuten herzen, in gröster Geschwindigkeit, meinen Mantel um mich, und folgete meinem Führer, welcher sich durchaus nicht erbitten liess, etwas von meinem delicaten Früh-Stücke einzunehmen, indem er einen halben Fast-Tag zu haben vorschützte. Er führte mich jenseit der Stadt ebenfalls in ein kleines Häusslein, wo ein etliche 40. Jahr alt scheinender Mann, in der stube herum ging, und mich ohne besondere Ceremonien willkommen hiess. Selbiger redete erstlich weiter nichts, Elisæus aber fing einen sonderbaren geistlichen Discours an, worin er die vermeinte Göttliche Kunst, biss in den Himmel erhub, und beiläuffig den gegenwärtigen so genandten Elias, noch höher als alle heil. Propheten und Evangelisten erhub, endlich gab er zu vernehmen, wie mir die probe von der Transmutation der Metallen, noch in dieser Stunde gezeigt werden sollte; daferne ich kein Bedencken nähme eine Eides-Formul abzuschweren, welche ungefähr folgendes Innhalts war: 1) sollte ich mit andächtigen und Gottesfürchtigen herzen meine Augen auf das grosse Welt-Wunder richten. 2.) Dem Meister Elias und seine Junger so wenig, als das Wunder selbst, verraten und ausplaudern. 3.) Daferne ich ja so glückseelig werden sollte, bei ihnen unter die Zahl der Lernend in aufgenommen zu werden, mich aus allen Kräfften der Seelen, dahin zu bestreben, als ein wiedergebohrner heiliger Mensch zu leben, auch wie es der Zustand rechtschaffener Christen erforderte, alles das meinige, und hingegen auch alles das ihrige gemeinschafftlich zu halten. 4.) Dem Artisten Elia alle Huld, Treue und Gehorsam zu leisten, oder da mir solches nicht länger anstünde, und ich etwa vor mich allein leben und arbeiten wolte, ihm vorher danckbarliche Aufkündigung zu tun.

Kan man wohl glauben, dass ich so töricht gewesen, dergleichen Eid zu schweren, welchen gemäss zu leben, doch eine weit andere als menschliche Krafft erfordert wurde. Allein man bedencke nur, dass mein Verstand, in Wahrheit durch die hefftige Begierde nach dem Steine der Weisen, nicht um ein kleines verrückt worden, deswegen hätte ich wohl noch weit unmöglichere Dinge angelobet, um nur desto hurtiger meine Neugierigkeit zu befriedigen. Endlich wurde ich in ein kleines Laboratorium geführt, wo ein bereits angemachtes Kohl-Feuer, überall aber lauter chymisches Geschirr zu sehen war. In der Wand stunden etwa 7. oder 8. kleine Schmeltz-Tiegel, deswegen sagte Elisæus: Mein Freund, leset euch einen von diesen Schmeltz-Tiegeln aus, besehet ihn, ob er tüchtig ist, und setzt denselben ins Feuer, denn ich und mein Meister werden euch ganz allein handtieren lassen und allhier vor der Tür stehen bleiben, damit ihr völlig versichert, sein möget, dass alles ordentlich und richtig zugehe. Ich zitterte vor Freuden, gehorsamete aber und setzte den Tiegel in die Glut. Habt ihr etwas Blei oder Zinn bei euch, fragte Elisæus, so wäget dort auf der Wage 1. Lot ab, und werfft es in den Tiegel. Ich hatte einen bleiernen Griffel in meiner schreibe-Taffel, weil aber selbiger noch kein Lot wuge, so muste noch einen zinnernen Knopff von meinen Bein-Kleidern reissen, etwas davon abschneiden und hinzu legen, damit ein accurates Lot-Gewicht heraus kam. So bald ich gesagt, dass es zerschmoltzen sei, fiel Elias auf seine Knie nieder, schlug mit der Hand an die Brust, kehrete die Augen gegen Himmel, murmelte etliche unverständliche Worte her, zog immittelst ein klein Büchslein hervor, und nahm aus selbigen ein rötliches Stücklein Hartz, oder was es sonsten sein mochte, etwa einer halben Erbsen gross, schabte so viel darvon