sondern verharrete nebst dem Prediger, noch etliche Stunden im eifrigen Gebet, biss er endlich bald nach Mitternacht sanfft und selig einschlieff. Ich liess den entseelten körper, auf Einraten des redlichen Priesters, Abends in der Stille auf dem Gottes-Acker an einen reputirlichen Ort begraben, bezahlete alle diejenigen, welche damit zu tun gehabt reichlich, nahm meines Vaters hinterlassenes Geräte zu mir, packte selbiges in einen besonderen Kasten, und war willens mit ehester Post zurück an denjenigen Hof zu reisen, wo ich meine Pension zu ziehen hatte; als Tages vor Abgang der Post, ein unbekannter schlecht gekleideter Mann in meine Cammer trat, und mich ungefähr also anredete: Monsieur nehmet mir nicht ungütig, dass ich euch unangemeldet Beschwerlichkeit verursache, ich trage hertzliches Mitleid über den kläglichen Todes-Fall eures Vettern und bedaure sonderlich, dass ich heute mit der Post zu späte gekommen bin, denselben vor seinem seeligen Ende noch einmal mündlich zu sprechen, denn wir sind in Wahrheit jederzeit sehr gute Freunde gewesen, ich bin gewisslich fast um keiner andern Ursache willen verreiset, als einen Gottes-Mann her zu führen, der euren Vater von dem Irrwege auf die rechte Strasse führen, und ihn zu einem wiedergebohrnen Menschen und rechtschaffenen Christen machen sollte, da ich aber von einem meiner Mittbrüder, nur vor wenig Stunden vernommen, dass er als ein bussfertiger und bekehrter Christ von der Welt geschieden, gönne ich ihm die seelige Ruhe von grund meiner Seelen gern, euch aber, mein Herr, will ich freundlich ersucht haben, mir um eine billige Bezahlung, dieses euren seel. Vetters hinterlassene chymische Schrifften zu überliefern, weil sie doch vermutlich euch schlechten Nutzen schaffen werden. Ich gab hierauff zur Antwort: dass mir an etlichen Talern Geldes wenig gelegen sei, jedoch weil ich dergleichen betrüglichen Plunder ganz und gar nichts achtete, wäre ich bereit ihm die Schrifften meines Vetters sehr gern zu überlassen, wenn erwehnter mein Vetter mir nicht vor seinem Ende befohlen, diese Schrifften viel lieber zu verbrennen, als mich selbst oder meinen Neben-Christen dadurch zu der gefährlichen und betrüglichen Goldmacher-Kunst zu verleiten. Ich halte euch, mein Herr! war des Frembden Gegenrede, euer Gespräch dissfalls zu gute, weil ich höre, dass ihr so wenig Wissenschafft von der himmlisch Göttlichen Kunst habt; als ein rechtschaffener wiedergebohrner Mensch seid. Jedoch übereilet euch nicht, mein Freund, dasjenige zu unterdrücken, was Gott durch seine unerforschliche Barmhertzigkeit, zu Vergrösserung seiner Herrlichkeit, auch einem schlechtglaubigen Menschen erfinden lassen, glaubet anbei sicherlich, dass euer Vetter den Welt beruffenen Stein der Weisen vor 1000. andern Artisten würde gefunden haben, woferne er nur etliche Jahre zeitiger Busse getan, und mit feuriger Andacht im lebendigen Glauben und Gebet, die Gnade des heil. Geistes angesucht, ja ich will fast glauben, dass er diesen kostbaren Schatz schon würcklich in seiner Gewalt gehabt, allein weil er bei seiner Arbeit nicht auf Teosophische Weise durch geheime gespräche mit Jehova, eine reine Gottesfurcht geübt hat, so sind ihm von der himmlischen Sophia die Augen seines Leibes und Gemüts gehalten worden, dasjenige nicht zu sehen, und zu begreiffen, was er doch würcklich vor Augen und unter seinen Händen gehabt hat.
Ich wurde über diesem gespräche dermassen verwirrt, dass ich nicht wuste, was ferner antworten sollte, endlich aber fragte ich, ganz in Gedanckenvertiefft: Mein Herr, wie ist euer Nahme? Mein gewöhnl. Name, sprach er, ist euch zu wissē ohne eintzigē Nutzen, mein Kunst-Nahme aber heisst Elisæus, habt ihr selbigen bereits erwehnen hören? Nein versetzte ich, sonsten aber fällt mir bei, in einem Tractætlein von einem Adepto gelesen zu haben, der sich Elias Artista genennet, bereits vor etlichen 40. oder 50. Jahren dem berühmten Haagischen Chymico Helvetio erschienen sein, und demselben den Lapidem Philosophorum nicht allein gezeigt, sondern auch etwas davon mitgeteilt haben soll. Eben dieser Elias, sprach der Frembde, ist mein Meister, er lebt biss diese Stunde noch in seinem 94ten Jahre, dermassen gesund und frisch, dass er jetzt vor einen Mann von etliche 40. Jahren anzusehen ist, denn die aus dem Lapide præparirte universal Medicin, bewahret ihn nicht allein vor aller Kranckheit, sondern auch die Teile seines Leibes vor aller Ungestaltniss, Runtzeln und andern gewöhnlichen Beschwerlichkeiten. Mein Freund, rieff ich endlich aus, wenn ihr mir diesen Wunder-Mann, so wohl als sein arcanum nebst der probe davon zeigen wollet, so bin ich nicht allein erbötig euch völlig Glauben zu zustellen, sondern über dieses meines Vettern hinterlassene Schrifften zu übergeben, welche euch aber meines Erachtens wenig nützen können indem, wie ihr sagt, euer Meister den Lapidem schon würcklich besitzet. Ich könnte euch, sagte der Frembde, durch eine kurtze Erzehlung sehr wunderbarer geschichte, gar bald aus dem Traume helffen, allein derjenige Eid, welchen ich meinem Meister geschworen; verbietet mir solches zu tun, doch verzeihet mir, dass ich mich über eure Einfalt wundere: ihr erbietet euch, daferne ihr meinen Meister nebst der probe von dem himmlischen Arcano zu sehen bekommet, der Sache völligen Glauben zu geben, und die Schrifften eures Vettern auszuliefern. Ist dieses auch etwas besonderes? O ihr törichter Mensch! warum woltet ihr euch nicht vielmehr bestreben sein Jünger und mein Mitschüler zu werden? Wie viel Könige, wie viel Fürsten, wie viel tausend gelehrte und ungelehrte sollten sich ein solches Glück nicht wünschen, und es mit der Helffte ihres Bluts erkauffen? Lebet wohl!