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habe, jedoch erträgt er sein Creutz mit ziemlicher Gelassenheit, und eben in diesem Zustande erfährt er meine Anwesenheit zufälliger weise, schicket deswegen seinen Aufwarte-Knaben so lange nach mir aus, biss selbiger mich endlich antrifft und zu ihm bringt.

Ich bejammerte meines Vaters elenden Zustand, und erfuhr, dass er keines Talers mehr mächtig wäre, sondern einzig und allein von der Gnade, seiner, selbst sehr armseelig lebenden, vermeintlichen Artisten, dependiren muste, weiln er ihrer Meinung nach, noch ein und andere Arcana auf dem herzen, so wohl auch in Schrifften verborgen hätte, die sie nach und nach von ihm heraus zu locken gedachten. Ich hergegen machte nunmehr alle Anstallten meinen Vater aufs beste zu verpflegen, jedoch durffte ich ihn in Anwesenheit anderer Leute, nicht Vater, sondern nur Vetter nennen, damit sein veränderter Nahme nicht verdacht erweckte. Wiewohl die Hoffnung zu seiner Genesung, schien ganz vergeblich zu sein, und binnen Monats-Frist wurde sein Zustand dermassen schlecht, dass er selbsten zu verstehen gab: welchergestallt sein Ende heran nahete, deswegen möchte ich mir weiter keine grössere Mühe geben, als ihm einen Luterischen Prediger zuzuführen, der ihn täglich etliche Stunden zum seel. sterben præpariren, und mit dem letzten Zehr-Pfennige, nämlich dem heil. Abendmahle, welches er seit 5. Jahren nicht empfangen, versehen möchte. Dennoch erkundigte ich mich mit allem Fleisse, nach einem recht exemplarischen Priester, war auch so glücklich einen solchen anzutreffen, und nachdem ich ihm den leiblichen und geistlichen gefährlichen Zustand meines Vaters, als ein besonderes geheimnis anvertrauet, liess er sich gefallen, denselben täglich, wenigstens 4. Stunden zu besuchen. Ich weiss nicht ob sich mein Vater mehr über die Gesellschafft seines Seelsorgers, oder dieser über das offenhertzige Bekänntniss, wahre Reue, ernstliche Busse und festen Glauben, des bisshero verirrt gewesenen Schaafs erfreuet; genug ich kan mich nicht erinnern, Zeit Lebens zwei vergnügtere Personen gesehen zu haben. Endlich aber da sich mein Vater wiederum völlig zur Evangelisch-Luterischen Religion gewendet, auch das heil. Abendmahl empfangen hatte, brach er bei immer mehr und mehr abnehmenden Kräfften in beisein des Priesters und meiner, in folgende Worte aus: GOTT sei gelobet! der mich armen fast gänzlich verlohrnen Sünder wieder zu Gnaden auf und angenommen hat, ja! nunmehr weiss ich gewiss, dass ich von den verguldeten Ketten des Teuffels befreiet bin, und die gewisse Hoffnung habe, ein Erbe der ewigen Seeligkeit zu werden. O du verdammter Gold- und Geld-Durst! O du verfluchte Begierde! hättest du mich nicht bald mit Leib und Seele in den ewig breñenden höllischen SchwefelPfuhl gestürtzt? Ja! bei nahe wäre ich aus dem zeitlichen ins ewige Verderben verfallen. Spiegle dich mein Sohn! sprach er zu mir, an meinem Exempel, und lass dich die zeitlichen Kostbarkeiten, Künste und Wissenschafften, die ich in Wahrheit nunmehr erstlich vor Kot, Eitelkeit und Stückwerck erkenne, niemals verleiten: GOttes darüber zu vergessen, oder solche Güter höher, als die unvergänglichen zu achten. bleibe, mein Sohn! beständig bei der einmal erkandten Evangelischen Wahrheit, so wirst du auf deinem tot-Bette nicht Ursache haben: dich, halb verzweiffelt, mit dem Teuffel und deinem bösen Gewissen herum zu schlagen, wie du leider, an mir zur Gnüge verspüret. Lass dich nicht zu solchen Sachen verführen, die dir zu hoch sind, sondern bleibe viel lieber in deinem stand und Beruff, lege dein Geld nicht an etwas ungewisses, zum wenigsten nicht mehr, als du ohne deinen Schaden verschencken oder verlieren kanst, sondern halt dasselbe zu rate, weil du an mir vermerckest, dass Armut im Alter und auf dem Siech-Bette wehe tut. Ja mein Sohn! strebe nicht so eiffrig nach Reichtum, denn es bleibt ewig wahr, was die heil. Schrifft sagt: die da reich werden wollen, fallen in Versuchung und Stricke, u.s.f. Hüte dich ein Weib zur Ehe zu nehmen, die anderer Religion ist als du, hauptsächlich aber vor einer Reformirten. Glaube mir, da ich jetzt zwischen Tod und Leben stehe, dass ein Reformirtes Weib den Grund-Stein zu meinem zeitlichen Verderben gelegt, GOtt erbarme sich ihrer und bekehre sie, wo sie anders noch am Leben ist. Uberhaupt lass dir gesagt sein, dass du dich nicht leicht einem andern Glaubens-Genossen anvertrauest, ich vor meine person weiss gewiss, dass ich unter hunderten kaum einen angetroffen, der ohne Falschheit gewesen. Die wenigen Scripturen so unter meinem Haupt-Küssen liegen, verbrenne viel lieber, als dass du dich selbst, oder deinen Neben-Christen zu der betrüglichen Kunst, ich meine die Alchymie, verleiten lässest. Deiner vollkommenen kindlichen Liebe bin ich mehr als zu viel versichert, dieses ist auch mein eintziges zeitliches Vergnügen, so ich noch vor meinem Ende empfinde und GOtt hertzlich davor dancke, dieserwegen will ich auch alle sorge vor meinen entseelten körper, deiner Treue einzig und allein überlassen, und dir den väterlichen Seegen erteilen, welchen GOtt wegen meiner Busse und Bekehrung bekräfftigen wird, teile du denselben mit deinen Geschwistern, daferne sie in der Gottesfurcht stehen, wo nicht, so bleibe derselbe allein auf deiner Scheitel.

Nach diesen und noch vielen andern treuhertzigen Vermahnungen, empfieng ich den väterlichen Seegen mit weinenden Augen, hierauf befahl er noch kürtzlich: was ich meinem Gross-Vater und der Schwester vermelden sollte, bekümmerte sich weiter aber um keine zeitlichen Dinge,