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aber nicht aus was vor Affection, den ganzen Handel, vielleicht aus besonderen Absichten meiner Mutter, und zwar annoch zur höchsten Zeit, diese aber hat doch noch die eintzige Barmhertzigkeit, ihren Eh-Gatten, der auf ihr Zureden, sein Alles in die Schantze geschlagen, mit etwa 500. Tlr. abzufertigen, und ihn auf einer schnellen Post des Landes auf ewig zu verweisen. Meiner Mutter Bruder hat nachher an einem sehr gewaltsamen hitzigen Fieber, und zwar auf einem, von Holtz und Stroh gemachten Sterbe-Bette, die Seele im Dampf und Rauche von sich blasen müssen. Ob ihm eine solche Todes-Art allzuschmertzlich angekommen? sollte man fast zweiffeln, weil Feuer, Dampff, Rauch und Gestanck, so zu reden, sein Element auf dieser Welt gewesen. Meine Mutter als ein sehr verschlagenes Weib, gedencket zwar, nachdem sie den Vater fort, und die meisten verdächtigen Sachen beiseits geschafft, den Kopff aus der Schlinge zu ziehen, und das Ihrige in Friede und Ruhe zu besitzen, jedoch sie kommt dem ungeachtet in die Inquisition, überstehet alle angetane Marter heldenmütig, ohne das geringste von ihrer Mit-Wissenschafft zu bekennen, schweret sich durch ein cörperliches Eid von der ganzen Sache loss, allein was halff ihr solches viel? denn alle ihre Güter wurden confisciret, meine Schwester in ein Waisen-haus zur Aufferziehung gebracht, sie aber selbst zu ewiger gefängnis condemniret, dahingegen mein Vater seine Flucht an einen solchen Ort genommen, wo er nicht leicht auszuspüren war.

So erging es den Meinigen, die sich von einem gottlosen Buben und Land-Streicher, und dann durch die schnöde Gold- und Geld Sucht ins Verderben stürtzen liessen. Ich habe ihnen aber, meine Herren, sagte hierbei Mons. Plager, diese geschichte dergestallt erzehlet, als ob ich bei allen gegenwärtig gewesen wäre, jedoch nichts weniger als dieses, denn ich bin von meinem 11ten Jahre an, auf inständiges Verlangen meiner Gross-Eltern, bei ihnen in Augspurg erzogen worden, und in meinem 17den Jahre, lieff daselbst die betrübte Zeitung von meines Vaters Gefahr und Flucht ein, jedoch alles was ich ihnen voritzo gemeldet, ist mir einige Jahre hernach von meinem Vater selbst, und zwar kurz vor seinem Ende offenbaret worden, wie der Verfolg meiner Lebens-Geschicht mit mehrern zeigen wird, als welche ich nunmehr so ordentlich als möglich fortsetzen will.

Mein Geburts-Tag war den 21. Decembr. des 1691sten Jahres, und die Aufferziehung also beschaffen, wie selbige von so wohlhabenden Leuten, als unsere Eltern zu sein schienen, verhofft werden konte. Da aber im Jahr 1702. mein Gross-Vater als ein noch sehr frischer Mann, meinen Vater besuchte, und mit heimlichen Verdruss wahrnahm: wie derselbe seine Kinder ebenfalls in der Reformirten Religion auferzöge, indem mein 15. jähriger Bruder bereits etliche mahl zum Tische des HErrn gegangen war, und ich ihm ebenfalls bald nachfolgen sollte; verfällt mein treuer Gross-Vater gleich auf ein gutes Mittel, mich in den Schoss der reinen Evangelisch Luterischen Kirche einzulegen, erhält deswegen nach vielen gütigen Versprechungen endlich so viel von meinem Vater, dass er mich etwa auff ein halbes Jahr lang, zu seinem, und der Gross-Mutter Vergnügen, mit nach Augspurg nehmen darff.

Er mein Gross-Vater war ein berühmter Mechanicus, und wuste mich durch allerhand Lieblosungen dergestallt an sich zu ziehen, dass ich mich nicht allein zu seiner Profession applicirte, sondern auch zur Evangelisch-Luterischen Religion bekennete, und durchaus nicht wieder zurück zu meinen Eltern verlangete. Mit den Jahren nahm die Lust zu denen Wissenschafften, und der Fleiss bei der Arbeit dermassen zu, dass mein Gross-Vater nicht nur ein ungemeines Vergnügen dieserwegen bezeigte, sondern auch den Trost gab: wo ich also fort führe, würde wegen meines guten Ingenii und geschickter Faust, mit der Zeit ein guter Meister aus mir werden. Die Grossmutter hatte ihre eintzige Freude an mir, weil sie noch kein eintziges von ihren Kindes-Kindern, als mich eintzig und allein zu sehen, das Glück gehabt, denn ihre andern zwei Söhne waren ebenfalls in der Ferne verheiratet, die eintzige Augspurgische Tochter aber unfruchtbar. Allein da, wie bereits gemeldet habe, in meinem 17den Jahre die erschreckliche Zeitung von dem Unglücke meines Vaters einlieff, zog sich die Grossmutter selbiges dermassen zu Gemüte: dass sie darüber ihren Geist aufgab, ja es fehlete wenig, meinem lieben Gross-Vater wäre ein gleiches wiederfahren, jedoch der Himmel liess ihn vielleicht zu meinem Troste noch eine Zeitlang leben. Wir hoffeten nach der Zeit immer auf Briefe von meinem Vater, allein ganz vergebens, endlich aber da im Jahre 1713. mein Gross-Vater vor genehm hielt, dass ich mich in frembde Länder begeben, und die Inventiones anderer geschickten Leute in Augenschein nehmen sollte; trieb mich dennoch die Liebe zum Vater-land in meine Geburts-Stadt, wiewohl ich mich daselbst unter einem andern Nahmen, ganz incognito auffhielt, und meine Mutter zu sprechen trachtete, allein selbiges war nicht möglich, dahingegen kundschaffte ich meine Schwester aus, die bei einer vornehmen Dame als Aufwarte-Mägdgen in Diensten stunde, und gewann dieselbe mit leichter Mühe, sich mit mir auf die Post zu setzen und den Gross-Vater zu zu eilen. Sie hatte ihre Mutter ebenfalls seit 5. Jahren nicht gesehen, sondern war, nachdem sie 3. Jahr im WaisenHause zugebracht, von besagter Dame heraus, und in ihre Dienste genommen, auch