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aber muste Herrn Mag. Schmeltzern einen concisen Bericht von dem Kramerischen Lebens-Lauffe abstatte, worüber wir zum Ruhme dieses werten Freundes unsere Penseen ausschütteten, und uns hernach zur Ruhe legten. Selbige Nacht aber passirte mir ein possierlicher Streich: denn früh Morgens da kaum der Himmel zu grauen begunte, erweckte mich eine stimme mit diesen Worten aus dem Schlaffe: Eberhard mein Sohn! weil nun selbige mit des Altvaters stimme eine genaue Gleichheit hatte, sprung ich augenblicklich aus dem Bette, warff meinen Nacht-Rock über, ging durch die offen stehende Tür in des Altvaters Cammer, tratt vor sein Bette und fragte: liebster Pappa was ist zu euern Diensten? Allein der Allvater lag in seinem natürlichen süssen schlaffe, weswegen ich mir die gäntzliche Einbildung machte, dass ich geträumet hätte, und mich wiederum zu Bette legte, auch gar bald wiedrum einschlieff. Jedoch bald hernach rieff es abermals: Eberhard mein Sohn! deswegen lieff ich zum andern mahle vor des Alt-Vaters Bette, und tat vorige Frage, da derselbe aber sehr stille lag und nicht das geringste Schnauben von sich hören liess, ergriff ich ihn bei der Hand und drückte selbige so lange, biss er sich aus seinem süssen schlaffe ermunterte, und mich fragte: was mein Begehren sei? lieber Pappa! gab ich zur Antwort, ich zittere vor Bangigkeit, weil ich vermute dass euch ein übler Zufall im Schlaffe begegnet sei, denn ihr habt mich nun zweimahl geruffen! Eberhard mein Sohn! die zu euren Füssen liegenden Knaben aber, schlaffen wie die Ratzen. Nein! mein Kind, versetzte der Altvater, ich habe euch mit meinem wissen nicht geruffen, sondern sehr vergnügt und wohl geruhet, es muss euch geträumet haben, gehet in GOttes Nahmen wiedrum zu Bette, denn die Sonne wird in drei Stunden noch nicht auf unsere Insul scheinen. Ich gehorsamete, jedoch etwa eine Stunde hernach, erweckte mich eben dieselbe stimme zum dritten mahle. Ich stunde wieder auf, ging vor des Altvaters Bette fand denselben im süssen Schlummer liegen, trat deswegen an das Fenster, öffnete selbiges und sagte mit ängstlicher stimme: Mein GOTT! bin ich denn heute ganz und gar betört, es ist ja unmöglich dass ich dreimahl hinter einander also geträumet habe. Hierüber konte endlich der Altvater sein heimliches lachen nicht länger verbergen, sondern sagte: Mein Sohn! macht euch keine kümmerenden gedanken, ich bin wahrhafftig unschuldig, aber legt euch noch einmal stille hin und wachet, so werdet ihr erfahren wer der Stöhrer eurer Ruhe sei. Ich wuste mich auf keinerlei Weise aus dem Handel zu finden, gehorsamete aber seinem Befehle, legte mich in aller Stille nieder, und blieb munter.

Ehe ich mich nun dessen versahe, liess sich oberwehnte stimme mit eben denselben Worten zum vierdten mahle hören, und also kam es endlich heraus, dass mein schöner Vogel, den ich vor einigen Wochen in des Altvaters Cammer-Fenster gehängt hatte, diese Worte, mit welchen mich der Altvater gemeiniglich zu ruffen pflegte, auffgefangen, und auswendig gelernet hätte. Kein Fürstentum oder Königreich wäre nunmehr capable gewesen, bei mir ein Æquivalent, gegen diesen vortrefflichen Vogel abzugeben, ja ich war dermassen vergnügt über diese Curiositee, dass nicht viel fehlete, ich hätte desswegen an alle Insulaner ausserordentliche Notifications-Schreiben abgesendet. Der Altvater selbst hatte eine solche Freude über meine Freude, dass er von nun an, niemanden als sich selbst, die sorge vor diesen unvergleichlichen Vogel anvertrauen wolte.

Ich will diejenige Lust, welche mir der possirliche Vogel nachher gemacht, biss zu gehörigen platz versparen, voritzo aber berichten: dass wir folgendes Tages Mons. Plagern in seiner Werckstadt plötzlich überfielen, ihm vor dissmahl Feierabend zu machen, und uns aufs beste zu bewirten geboten, auch alle Anstallten selbst besorgen halffen, biss sich endlich Mons. Kramer ebenfalls noch zu rechter Zeit bei der Tafel einstellete. Nach eingenommener Mahlzeit, da sich unser guter Wirt sehr vergnügt und gefällig bezeigte, liess der Altvater nicht ab, denselben so lange mit freundlichen bitte-Worten zu unterhalten, biss er sich endlich beqvemete in unser aller Verlangen zu willigen. Und also setzten wir uns zusammen, und höreten mit auffmercksamen Ohren auf

Mons. Plagers Lebens-Geschicht.

Wenn ich ihnen, meine Herrn! fing er an, eine auffrichtige Erzehlung meines bissherigen Lebens-Lauffs abstatten soll, so bitte voraus, nicht übel auszulegen, wenn ich die Fehler und Verbrechen meiner Eltern und Freunde mit lebendigen Farben abmahle, auch die Sünden und torichten Streiche meiner selbst eigenen Jugend nicht heuchlerischer weise zu vermänteln suche. Anbei aber bitte den Unterscheid zu betrachten, was ich nämlich vor diesem vor ein Früchtgen gewesen, und wie ich dargegen jetzt gesinnet bin. GOtt lob! mein Sinn hat sich bereits vor etlichen Jahren zu bessern angefangen, und ich verhoffe nunmehr im stand zu bleiben, mich biss an mein Ende vor allen mutwilligen Sünden zu hüten, auch GOTT und meinem nächsten desto eiffriger und nützlicher zu dienen. Mein Vater war von Geburt ein Augspurger und von solchen Eltern gezeuget, welche die Evangelisch-Luterische Religion äuserst bekeñeten, auch alle ihre Kinder darinnen wohl erzogen hatten. Da aber mein Vater nachher, als ein junger Goldschmidts-Geselle in die Frembde reiset, und zu Schaafhausen in der Schweitz, sein zeitliches Glück, vermittelst einer reichen Heirat zu machen, gelegenheit findet, lässt er sich verblenden, die Luterische Religion mit der Reformirten zu verwechseln. Zehen biss zwölff Jahr hat er nachher zwar in ziemlich ruhigen