den ich folgende Nacht um 1 Uhr aus meinem Fenster hinab lassen werde, eine lange doch NB. feste Leine anzuknüpffen: vermittelst welcher ich mich hinunter auf die Strasse zu kommen getraue, kauffet oder bestellet indessen ein paar flüchtige Pferde, und lasset dieselben Nachts zwischen den 11. und 12ten huj. vor der Stadt hinter den Gärten ohnweit der K. – – – Strasse warten. Lasset euch die wenigen Sachen, welche ihr etwa zurück lassen müsset, nicht abhalten, mir die allerstärckste probe, der jederzeit verspürten Liebe und Treue zu zeigen, ja würcklich zu leisten. So bald ich nur den – – – Hof erreicht, hat es mit uns weder Gefahr noch Not. Erweiset euch als einen Mañ, und wisset, dass ihr solchergestallt das Leben erhaltet
eurem Freunde. – – –
Allem Ansehen nach, war dieser Brief, vielleicht in Ermangelung der Dinte, mit Blut, und zwar durch eine ungewöhnliche Feder geschrieben, welches den Affect des Mitleidens und der Erbarmung dergestallt in meiner Seelen erregte, dass ich ohne alles fernere überlegen den Schluss fassete: demjenigen meine Hülffe nicht zu versagen, welcher sich seitero so ungemein auffrichtig gegen mich bezeigt hatte.
Von stunde an machte ich also die klügsten Anstallten hierzu, und weil mein Geld-Beutel nicht zureichen wolte, fassete ich das Hertze, von einem mann, der meines Herrn und mein eigener heimlicher guter Freund war, noch 30. Tlr. auffzunehmen, gab also einem Reit-Knechte meines Herrn, der sich seit etlichen Tagen bei mir gemeldet hatte, und sonsten ein sehr getreuer Mensch war, 60. Tlr. zu Erkauffung drei tüchtiger Kläpper, mit völliger Instruction, wie er sich damit verhalten solle, mittlerweile besorgte ich alles übrige selbsten aufs beste, und nachdem mir der Kerl von seiner guten Verrichtung, am bestimmten Abende, behörigen Rapport abgestattet, auch weitere accuratesse zu beobachten versprochen, legte ich die letzte Hand an das Werck, brachte auch meinen Herrn glücklich zur Stadt hinaus, und zu Pferde. Aber! aber! da wir uns in der sehr dunckeln Nacht verirreten, erschien zu unsern allergrösten Schrecken, hinter uns ein Troupp Reuter mit vielen fackeln, der ReitKnecht und ich, setzten über einen Graben, mein Herr aber, der doch das allerbeste Pferd ritte, mochte wohl das Tempo nicht recht in acht genommen haben, stürtzte also hinein und wurde gefangen, des ReitKnechts Pferd unter seinem leib erschossen, ich aber entkam en faveur der dunckeln Nacht glücklich, ungeachtet mir 3. oder 4. Kugeln nahe an den Ohren vorbei sauseten. Das arme Pferd muste so lange lauffen, biss es endlich folgenden Vormittags in einem dicken wald unter mir nieder sanck, weswegen ich abstieg, Grass ausrauffte und ihm selbiges zu fressen gab, auch in meinem hut wasser vorhielt, wodurch es sich binnen etlichen Stunden wiederum erholte, so dass ich, nachdem mein hefftiger Hunger mit etwas Brod und Erdbeeren gestillet war, die fernere Reise antreten und Abends ein Dorff erreichen konte, wo die Leute meine Sprache nicht einmal recht verstunden. Bei allen meinem Unglücke schätzte ich es dennoch vor das allergröste Glücke, dass mich nach eingezogener gewisser Kundschafft, auf solchem grund und Boden befand, da meine Verfolger sich nicht hinwagen durfften, deswegen begab mich in das nächst gelegenste Städlein, wo nicht allein die Posten durch passireten, sondern auch gute deutsche Leute anzutreffen waren. Von dar aus, überschrieb ich unsere unglückliche Avanture, an meines Herrn Gemahlin und leiblichen Bruder, und bat dieselben, mich wegen meiner treu geleisteten Dienste, und starcken Verlusts mit etwas Gelde zu secundiren, indem ich in Wahrheit nach verkauffung meines Pferdes, nicht mehr als etwa noch 35. Tlr. baar Geld, nebst sehr schlechten Kleidungs-Stücken besass. Jedoch ich bekam von der geitzigen Gemahlin nicht mehr als 100. spec. dukaten überschickt, nebst dem Versprechen, dass so bald ihr Herr seine Freiheit erhalten hätte, welches vielleicht in wenig Wochen geschehen könnte, indem seine Affairen nicht so gefährlich stünden als man wohl vermeinete, mir mein Verlust gedoppelt ersetzt werden sollte. Allem ich konte nach der Zeit keinen heller mehr erhalten, ungeachtet ich binnen 3. Jahren mehr als 50. Briefe an diese Dame abschickte. Vorerwehnten guten Freunde übermachte ich die von ihm geborgten 30. Tlr. redlich wieder, erhielt von demselben eine sehr verbindliche Dancksagungs-Schrifft, nebst der Nachricht: dass von meinem Herrn sehr klägliche gespräche rouimen, denn selbiger wäre auf ein anderes Schloss in weit strengere Verwahrung gebracht, welches gar keine gute Anzeigung sei, ich aber hätte zu meinem grössten Glücke das beste teil erwehlet, und möchte mich ja hüten, den vor mich gefährlichen Boden wiederum zu betreten.
Wenige Wochen hernach hat mich geträumet: dass meinem guten Herrn der Kopff abgeschlagen sei, ob es würcklich also geschehen, kan ich nicht sagen, jedoch es ging mir auch dieses geträumte TrauerSpectacul dermassen nahe, dass ich um selbige Gegend, zumahl da ich weder von meinem guten Freunde, noch von meines Herrn Anverwandten einige Antwort erhalten konte, nicht länger zu bleiben wuste, sondern die Reise nach einer berühmten Hansee-Stadt antrat. Daselbst sah ich mich, wegen ziemlich zerschmoltzenen Geldes genötiget, Condition bei einem sehr berühmten Chirurgo zu acceptiren, der aber nunmehr auch sehr alt und stumpf zu werden begunte, daher sich in allen Stücken auf mich verliess, und da er binnen andertalb Jahren meiner Dienstfertigkeit und Treue wegen, sattsame Proben erhalten, vermachte er mir vor seinem bald darauff folgenden