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ging ich im darauff folgenden Früh-Jahre, mit vergnügen zu feld, in Meinung folgenden Winter, oder doch aufs längste binnen zwei oder drei Jahren wieder bei meiner Braut zu sein. Allein es wurden vollkommene 5. Jahr daraus, binnen welcher Zeit ich zwar etliche Briefe an dieselbe und ihre Eltern schrieb, auch auf alle die angenehmsten Antworten erhielt; jedoch da vor gäntzlicher Beilegung des krieges, keine Hoffnung zum Abschiede vorhanden, mussten wir uns auf allen Seiten mit Gedult schmieren. Nun sollte Ihnen, meine Herren, sagte hierbei Mons. Kramer, auch eine ausführliche Beschreibung von meinen zugestossenen krieges-begebenheiten machen, allein ich fürchte, es möchte selbige auf einmal, wegen der Langweiligkeit verdrüsslich fallen, deswegen will dergleichen, biss auf eine andere Zeit versparen, und voritzo nur melden: dass, nach glücklich abgelegten Rück-March, kaum mein StandQuartier bezogen hatte, da ich sogleich um Uhrlaub bat, und die Reise zu meiner Liebsten antrat. Aber, aber! indem ich dieselbe unverhofft zu überfallen, und desto mehr Freude zu verursachen gedachte, traff ich im haus alles consternirt, betrübt und gegen mich kaltsinnig an. Meine Braut sollte vor wenig Wochen zu einer ihrer Muhmen gereiset sein, welche selbige nicht so bald wieder hätte von sich lassen wollen; Ich machte mir allerhand gedanken bei solchen verwirreten und kaltsinnigen Wesen, jedoch was will ich jetzt viele Umschweiffe machen? die saubere Rosine hatte bei ihrer grossen Klugheit ins Nest hofieret, deutlich aber zu sagen: ein Jungfer-Kindgen bekommen, und zwar von einem solchen Spaas-Galane, der sie Standes wegen nicht heiraten durffte oder wolte.

Ihre Eltern liessen mir dieses Malheur, durch den dritten Mann, in einem Säfftgen beibringen welcher hoch und teuer versicherte: dass diese Sache ganz und gar noch nicht kundbar wäre, sondern ganz artig vermäntelt werden könnte, wenn ich vor 1000. Tlr. besondere Discretion, mich ins Mittel schlagen, Vater des Kindes heissen, u. die Geschwächte heiraten wolte. Allein hierzu war der ganze Kerl, über alle massen delicat, und ungeachtet die schwangere Jungfer vor ganz ausserordentlich schön ausgeschryen, auch mir eine noch stärckere Discretion angeboten wurde, so blieb ich dennoch bei meinem Eigensinne, verlangte nicht mehr als 300. Tlr. vor meine ehemahls gegebenen Geschencke und Reise-Kosten, versprach auch davor alle honette Verschwiegenheit zu halten, und reisete, nachdem ich solch gefordertes Geld, ohne die geringste Weigerung, gegen einen ausgestelleten Revers erhalten, fast noch vergnügter zurück, als ich daselbst angelanget war. Zwar kan ich nicht läugnen, dass mir das wohlgebildete gesicht und artige Conduite meiner gewesenen Liebste, dergestallt vor Augen und in gedanken schwebete, dass ich nachher lange Zeit nicht ohne besondere Betrübniss an ihr Malheur gedencken konte, jedoch wenn ich im Gegenteil bedachte: dass dergleichen Aufführung eines verlobten Frauenzimmers, eine verzweiffelte Leichtsinnigkeit und liederliche Lebens-Art anzeigte, begunte nach und nach die Empfindlichkeit zu verschwinden.

Nachdem hierauff etliche Monate verstrichen waren, erhielt ich endlich den inständig gesuchten Abschied, und war nunmehr gesonnen, ein Oertgen auszusuchen wo ich mein Leben in guter Bequemlichkeit hinbringen könnte, weil sich das Vermögen an baaren Gelde und andern Mobilien, doch auf 800. Tlr. belieff. Mein missgönstiges Verhängniss aber hatte das Wieder-Spiel beschlossen, denn ich liess mich von einem gewissen Cavalier, der eine hohe Charge an einem, der vornehmsten Höfe in Deutschland bekleidete, in Dienste zu treten, bereden. Selbiger war in der Tat ein ungemein wohl conduisirter Herr gegen seine Bedienten, absonderlich konte ich mit Recht, vor andern, mich ganz sonderbarer Gnade von ihm flattiren, denn er tractirte mich jederzeit mit solcher gefälligkeit, die den charakter, unter welchen ich mich bei ihm engagirt hatte, sehr weit überstieg. Binnen etlichen Jahren, hätte ich durch seine Unterstützung, mein Glück zum öfftern durch Heiraten und mittelmässige Aemter gar wohl machen können, allein er inspirirte mir selbsten immerfort die Hoffnung, auf etwas noch besseres. Aber, aber! da ich solchergestallt dem Glücke am allerbesten im Schoosse zu sitzen vermeinte, wurde mein Herr des Nachts plötzlich von etlichen Officiers und Soldaten überfallen, in einen verdeckten Wagen gesetzt, und nach einem festen schloss in Arrest gebracht. Meine person muste unvermuteter Weise par Compagnie auch mit, wurde gleichfalls in das wohl verwahrte Zimmer eines Turms gesetzt, und zwar ein Stockwerck höher als mein Herr, mit dem ich in folgender Zeit kein Wort zu sprechen gelegenheit nehmen durffte. Ich habe niemals erfahren können, was ihm eigentlich und hauptsächlich vor ein Verbrechen schuld gegeben worden, aus denenjenigen Articuln aber, worüber man mich vernahm, konte ich leichtlich schliessen, dass es Sachen von grosser Wichtigkeit sein müsten. Nachdem ich nun ein halbes Jahr weniger 4. Tage gefangen gesessen, unschuldig befunden, und endlich frei gelassen worden, also nichts mehr abzuwarten hatte, als die Auslieferung meiner Gelder und Sachen, welche unter meines Herrn Meublen mit hinweg geschafft waren, die Zeit aber mir dessfalls verzweiffelt lang gemacht wurde, steckte mir eines Tages ein Soldat einen kleinen Brieff in die Hand, den ich nach Eröffnung also gesetzt fand:

Mein liebster Kramer!

Nehmet euch meiner in dieser Not an, und zweiffelt im geringsten nicht an meiner raisonablen Erkänntlichkeit, denn ihr wisset ja selbst, dass ich ausserhalb Landes, an sichern Orten solche Capitalia zu heben habe, wovor ich und ihr Zeit Lebens gnugsamen Unterhalt finden können. Es wird euch weiter keine Mühe machen, als mir an denjenigen Faden,