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, wenn die Dunckelheit ihn nicht verhindert hätte, Gold- und Silber-Geld zu unterscheiden.

nunmehr setzte ich meine Reise in gröster Geschwindigkeit nach bezeichneter Stadt fort, und erreichte dieselbe noch vor anbrechenden Tage. Mein ganzes Vermögen belieff sich auf 43. spec. dukaten, und etwa 12. biss 15. Tl. Silber-Geld, deswegen konte noch wohl das Hertz haben, mich in einen reputirlichen Gastoff einzulogiren, wo ich ebenfalls sehr guttätige Leute antraff, mich mit reinlicher neuer Kleidung und Wäsche versorgte, nach Mühlhausen zu einem weitläufftigen Befreundten reisete, und von daraus, an meinen ungewissenhafften Vormund schrieb, um zu vernehmen, ob er mir noch etwas von meinem Erbteile heraus geben wolte oder nicht. Allein ich hatte die gröste Ursache, das daran gewendete Post-Geld zu bedauren, denn die Antwort fiel accurat also, wie ich mir dieselbe eingebildet hatte, nämlich, ich sollte erstlich kommen, mich mit ihm berechnen, seinem Sohne, die, meuchelmörderischer weise abgehauene Hand, bezahlen, und so dann den Galgen, wegen meiner Desertion an statt des Rests zu fordern haben. Derjenige Brief, welchen ich ihn hierauf geschrieben, wird schwerlich einem andern lebendigen Menschen, als uns beiden, vors gesicht gekommen sein, mich aber gereuet es fast, dass das Concept nachher von mir verbrandt worden.

Diesemnach hiess es nun mit mir: Omnia mea mecum porto, wiewohl ich dieserwegen den Mut ganz und gar nicht sincken liess, sondern mein niedergedrucktes Glücke, auf einer andern Universität wiederum aufzurichten verhoffte; Allein die Herrn Soldaten verrückten mein Concept zum andern mahle, und forcirten mich bei damahliger starcken Recreutirung, mit Gewalt Dienste zu nehmen, doch war diese Art gegen die vorige Englisch zu nennen, denn ich konte und durffte bei ihnen doch dasjenige, wovon ich Profession machte, unter einer reputirlichen Charge practiciren, bekam auch von einem recht liebreichen Officier hinlänglichen Sold, und machte mir also nicht das geringste Bedencken, hinkünfftig ein oder etliche Campagnen mit zu wagen.

Inmittelst waren nunmehr 7. monat verstrichen, seit dem ich von meiner allerliebsten Eleonore Abschied genommen, und ihr binnen der Zeit mehr als 8. Briefe geschrieben, jedoch nicht die geringste Antworts-Zeile erhalten hatte. Ich habe von meiner allerliebsten Eleonore geredet, nämlich von derjenigen Eleonore, welche mir mit unverlangten grausamen Eid-Schwüren versprochen: ehe 1000. mahl zu sterben, als sich, Zeit meines Lebens, an eines andern Seite zu legen, ja man sollte sie eher in Stücken zerreissen, als mit einer anderen Manns-person ins BrautBette bringen. Uber dieses hatte sie jederzeit eine dermassen strenge Tugend gegen mich bezeuget, dass meine Caressen bei ihr niemals einen höhern Grad erreichen dürffen, als ihre Hand und Mund zu küssen. Allein nunmehr berichtete mich ein guter Freund: dass dieselbe noch kein eintziges mahl gestorben, vielweniger, seines Wissens, ein eintziges Stück von ihrem leib abreissen lassen, und dennoch bereits vor 3. Monaten, ohne allen Zwang, einen Licentiaten geheiratet hätte.

Eben da dieser Brief bei mir einlieff, war ich im Begriff, eine Comœdie, von dem philosophischen Harleqvin Diogene, und zwar diejenige Passage zu lesen, da man ihm berichtet: wie sein Knecht Manes darvon gelauffen sei. Worauf er zur Antwort gegeben: Kan Manes ohne Diogene, so kan auch wohl Diogenes ohne ihn leben. deswegen applicirte ich dieselbe Passage auf mich und meine ungetreue Liebste, imitirte also diesen klugen Narren zu meiner ungemeinen Gemüts Befriedigung. Weil ich mich aber erinnerte: ihr, nebst einer Englischen Uhr, noch andere pretieuse Sachen, die am Wert mehr als 150. Tlr. betrugen, auf die Treue gegeben zu haben; so konte doch nicht unterlassen, einen stacheligen Gratulations-Brief an dieselbe zu schreiben, und meine Sachen wieder zurück zu verlangen, mit der Bedrohung, dass ich auf den Verweigerungs-Fall, andere, ihr vielleicht nicht sonderlich renommirliche Messures nehmen würde. Mein Special-Freund hatte diesen Brief der Dame zu eigenen Händen geliefert, und durch mündliches Zureden so viel ausgewürckt, dass sie mir endlich meine Uhr nebst 100. Tlr. baaren Gelde remittirte. Ihren mit allerhand kahlen Entschuldigungen und läppischen Fratzen angefülleten Brief, habe kaum des Lesens gewürdiget, hergegen kam mir das überschickte desto besser à propôs. Denn ich konte damit meine Equippage, gegen bevorstehende Campagne, nicht allein in desto bessern Stand setzen, sondern auch in gegenwärtigen Winter-Quartiere, eine solche Figur machen: dass sonderlich das Frauenzimmer besonderen Estim vor meine person zeigte.

Weil nun die Liebe durchaus, an Eleonoren, Revange zu nehmen, verlangte, um selbiger ungetreuen person zu zeigen, dass ihr Verlust sehr leicht und zwar weit vorteilhaffter zu ersetzen sei; liess ich mir durch die Reitzungen einer artigen Rosine, abermals das Hertze rauben, und weil dieselbe von guten Geschlechte, ziemlichen Vermögens, darbei auch recht artiger Bildung, und sonderlich eines aufgeweckten und klugen Geistes war, schlossen wir, mit Genehmhaltung ihrer Eltern, ein festes liebes-Verbindniss, wobei mir jedoch erlaubet wurde, vor Vollziehung desselben ein oder etliche Campagnen unter der Soldatesque zu tun, indem mein Schatz nur erstlich 17. Jahr alt, also wohl noch einige Jahr warten konte. Nach glücklicher Zurückkunfft, sollte mir von meines Schwieger-Vaters Bruder, der keine Erben hatte, die Stadt-Apoteke zugeschlagen werden, damit ich, nach Belieben, alle drei Species der Medicin, nämlich Medicinam selbst, anbei auch Chirurgiam und Pharmacopœam practiciren könnte.

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