sie befürchteten, ich möchte durch dieselbe etwa eine geheime Correspondenz, meiner Befreiung wegen, anzuspinnen suchen, dem ungeachtet war doch meine Eleonora endlich so inventieus, dieselben zu betriegen, denn sie hatte auf ganz subtile Art, ein kleines Briefgen folgendes Innhalts mit dem Messer in mein mittägiges Dreier-Brod geschoben:
Mon Ami,
Ihr könnet seit der fatalen Nacht, eurer Händel wegen, unmöglich in grösseren Aengsten geschwebt verfluchten Creti und Pleti, meinen Abgeschickten so wenig, als andern guten Freunden, erlauben wollen, euch zu sprechen, oder einen Brief zuzusenden, doch fasset nunmehr guten Mut, denn mein Papa hat heute den Patienten selbst besucht, und ihn besser befunden, als die Rede gehet, deswegen hat bald Hoffnung, in erwünschter Freiheit einen Russ von euch zu empfangen
vôtre amie Eleonore N.
Gleich nach Verlesung dieses, mit meinem BrodMesser unversehener weise durchschnittenen briefes, wurde mir das Hertze um etliche Centner leichter, ich muste aber doch überhaupt 5. Wochen weniger 2. Tage pausiren, ehe sich meine Freiheit vor 53. Tlr. Unkosten und Straff-Gelder erhalten liess. Allein was halffs? da ich nunmehr den Vorsatz gefasset, wieder umzukehren, meine vorige fleissige Lebens-Art von neuen anzufangen, und die Tochter dem Vater nach Jacobs Weise abzuverdienen, wurde ich eines Abends, da ich mit meiner Liebste in der haus-Tür stunde, von einem vorbei gehenden Meuchelmörder, unversehens durch und durch gestochen, so, dass ich augenblicklich zu Boden sanck, weil aber der MordStich nur durch die Weichen gegangen war, und keine von den edelsten Teilen berühret hatte, wurde ich auszugehen. Jedoch gleich am ersten Abende meines Ausgangs, hatte ein unbekandter Bote, einen an mich gestelleten Brief ins haus gegeben, den ich also gesetzt befand:
Monsieur,
Wenn euch eures Lebens wegen zu raten stehet, so fasset entweder den Schluss, aufs eiligste diesen Ort zu verlassen, oder eure, der Sage nach, höchst-geliebte Eleonora gänzlich, und zwar vermittelst einer öffentlichen prostitution zu quittiren. Das letztere wird euren, vermutlich redlichen, Gemüte vielleicht unmöglich sein, deswegen überleget das erste, und bedenckt euer bestes, denn einer solchen Zusamen-Ver schwerung, als eurentwegen geschehen, seid ihr und alle eure gönner, in Wahrheit nicht capable zu widerstehen. Gebrauchet Raison, Monsieur, und machet von dieser meiner Schrifft kein Bruit, sonsten wird der Verdacht unfehlbar auf eine person fallen, die nur das Plaisir gehabt hat, euch von ferne kennen zu lernen, sich aber dennoch nennet
Monsieur,
eurer Liebsten und eure
gute Freundin in N.N.
Bei so gestalten Sachen konte ich wohl ohne
Schertz sagen: Inter sacrum & saxum sto! Friss Vogel oder stirb. Jedoch muste die Sache erstlich mit meinen, in Hoffnung habenden Schwieger-Eltern, so wohl als mit der Liebste selbst überlegen, und da diese ingesamt rieten: nur aufs eiligste abzureisen, und nicht eher wieder zu kommen, biss sie mir die Versicherung überschrieben, dass sich der itzige Sturm gelegt, oder ich mir selbst eine gute bleibende Stätte ausgemacht hätte, ging ich mit der ersten Post auf mein VaterLand zu, nachdem mir Eleonore die kräfftigsten Versicherungen gegeben: nimmermehr keinen andern als mich zu heiraten, sondern viel lieber Zeit Lebens ledig zu bleiben.
Zum grössten Unglücke war ich auf die gedanken geraten: meinem Vormunde einen Brief voraus zu schicken, und ihm den Post-Tag zu melden, an welchen ich bei ihm eintreffen, mich aufs eiligste mit ihm berechnen, und so dann die Reise nach einer andern Universität fortsetzen wolte, denn es wurde mir mein Concept gewaltig verrückt, da mich ungefähr 8. oder 9. Meilen vor meiner Geburts-Stadt, beim PostWechsel, ein Troupp Soldaten umringete, nebst meinen bei mir habenden Sachen, auf einen andern Wagen setzte, über Stock und Stiel fortführete, und endlich in einer ziemlichen Vestung auf die HauptWache lieferte. Was mir daselbst vor Schmach und Qvaal angetan worden, da ich durchaus nicht willigen wolte, eine Musquete auf die Schulter zu nehmen, ist wahrhafftig nicht auszusprechen, mein Vorschlag war jedennoch, 500. Tlr. vor den Abschied zu geben, und da solches verweigert wurde, einen FeldscheersDienst anzunehmen, auch auf 3. oder 4. Jahr zu capituliren, allein es war alles vergebens, denn die Officiers sagten mir frei ins gesicht: dass sie eben keine lang gewachsenen Feldscheers, wohl aber lange Musquetirs brauchten. Endlich da ich 2. Tage und 3. Nacht krumm zusammen gebunden, unter der Pritsche schwitzen müssen, und kein anderes Laabsal oder Nahrungs-Mittel empfangen hatte, als HeeringsKöpffe, welche mir einmal über das andere in den Mund gesteckt wurden, war es unmöglich, die Marter länger auszustehen, sondern ich muste mich endlich entschliessen, einen höchst-gezwungenen Eid zur krieges-Fahne abzulegen. Nun hätte sich zwar nach und nach vielleicht die Gedult bei mir eingefunden, diesem widerwärtigen Verhängnisse so lange stille zu halten, biss sich mit der Zeit gelegenheit gefunden, selbiges mit guter Manier zu verbessern, allein das unerhört grausame Tractament, welches ich alltäglich von den Unter-Officiers, und sonderlich dem Sohne meines Vormundes, der Corporal hiess, erdulden muste, war abermals unerträglich. Ich glaube, dass letzt erwehnter Bösewicht, mir lediglich auf Anstifften seiner vergällten Mutter, so viel Hertzeleid zufügte, und auch seine andern Cameraden dazu anreitzte, denn wenn ich beim privat-exerciren nur das Weisse in den Augen ein wenig verwendete,