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niemand unter ihnen so geschickt sein, einmal einen menschlichen körper auf unser Teatrum anatomicum zu verschaffen, damit wir an selbigen, diejenige curiositeé untersuchen könnten, welche sich der Professor einer benachbarten Universität jüngstin ganz neu erfunden zu haben rühmet? Es gibt ja Leute genug, die sich eben kein überflüssiges Gewissen machen sollten, uns einen toten körper zu verkauffen, daferne man ihnen nur die gute Manier inspiriret, wie es zu practiciren und heimlich zu halten ist. Und wir werden ja alle zusamen auch noch etwa ein 100. Tl. daran spendiren können, ich gebe 10. Tlr. vor meine person, hoffe, die Herrn werden ein paar Lumpichte Taler auch nicht æstimiren, und sich die Sache angelegen sein lassen, denn es ist hierbei Ehre, Ruhm und Nutzen zu erwerben.

Wie gesagt, dieser Vortrag fällt dem armen Studioso eben in der letzten Nacht ein, da er die Wache ganz allein bei der im Sarge liegenden Mutter halten muss, und weil seine Schwester sehr feste schläfft, nimmt er den toten Leichnam aus dem Sarge heraus, wickelt denselben in ein altes Tuch, versteckt ihn auf dem Boden hinter das Feuer-Gemäuere, an dessen Stelle aber legt er etwas Heu, Stroh und Steine in den Sarg, und vernagelt denselben aufs allerfesteste. Folgenden Morgen kam er in aller Frühe zu unsern Professore gelauffen, meldet, dass er ein Subjectum anatomicum humanum ausgekundschafft habe, selbiges aber unter 100. Tlr. nicht erhandeln können, deswegen er sich bei ihm erkundigen wolle: ob es davor anständig sei oder nicht. Viele haben nachher zwar statuiren wollen, dass er dem Professori das ganze geheimnis ohne Scheu entdeckt, ich aber lasse solches dahin gestellet sein. kurz! unser Professor ist mit dem Quanto zu frieden, gibt ihm so gleich 50. Tlr. in Abschlag, und verspricht den Rest, so gleich bei Empfang des Cadaveris zu bezahlen, welches dieser arme Schlucker folgendes Abends selbst zu überbringen, und in seine hände zu liefern angelobet. vorher aber, liess er Nachmittags, an statt seiner Mutter, den mit Steinen und Stroh gefüllten Sarg, öffentlich und mit allen gewöhnlichen Ceremonien zur Erden bestatten, und so bald es dunckel worden, steckt er den bereits wohl eingewickelten mütterlichen körper, in einen alten Sack, um damit nach des Professoris haus zu zu wandern. Unter weges begegnet ihm ein anderer bekandter Studiosus, der, ungeachtet er sich möglichst zu verstellen gesucht, ihn dennoch erkennet, und nicht ablässet zu fragen: was er unter dem Mantel trüge? über dieses gar, den Mantel aufzudecken, Miene macht. Allein der arme bestürtzte Schlucker wickelt sich endlich doch von ihm loss, und gibt zur Antwort: Herr Bruder! lass mich nur zu frieden, ich trage eine alte Bass-Geige. Solchemnach kommt er, ohne fernern Anstoss, glücklich in unsern haus an, und empfängt von dem Professore die annoch restirenden 50. Tlr. als womit er sich vor dasmahl aus aller seiner Not und Schulden gerissen, vielleicht auch noch etwas erübriget hat. Folgenden Tages fanden wir sämtlichen Interessenten, ein so lange gewünschtes menschliches Cadaver, bezahleten deswegen des Professoris Vorschuss reichlich wieder, und machten uns an die Arbeit, der arme Schlukker zahlete zwar pro forma auch 2. Tlr. 16. Gr. dazu, und halff getrost mit in seiner Mutter Haut und Fleisch hinein schneiden, vermeinete auch, die Sache sollte um so viel desto mehr unverdächtig und verschwiegen bleiben, allein da der Professor bei Demonstration der partium genitalium in etwas moralisirte, beim Utero aber solche Worte gebrauchte: Dieses ist der Gelehrten und Ungelehrten allererste Studier-stube; Ein anderer aber hinzu setzte: Welche der grimmige Nero in seiner eigenen Mutter zu betrachten, so unmenschlich curieux gewesen; fand sich offt erwehnter Mutter-Verkäuffer, dermassen betroffen, dass er bei nahe in Ohnmacht gesuncken wäre, da doch zur selbigen Zeit noch niemand als ich und ein anderer guter Freund um den ganzen Handel Bescheid wusten. nachher wurde das vermeinte geheimnis, zwar freilich etwas weiter fortgeweltzt, ob es aber völlig ruchtbar und Stadt-kündig worden: weiss ich nicht, weil mich nach diesem, selbiges Orts nicht lange aufgehalten habe.

Meine Particulair-Avanturen nunmehr weiter zu verfolgen, muss ich berichten: dass bald hernach zwei reichere, dabei aber ungezogenere Pursche, als ich, von der Magd im haus erfuhren: wie Eleonore mich vor allen andern wohl leiden könnte, und weil deren Vater sich sonderlich gütig gegen meine person bezeigte, wäre leicht zu vermuten, dass ich diese artige Schöne biss auf weitern Bescheid mir zu eigen machen könnte. Da nun diese beide, recht ernstaffte NebenBuhler wären, fand sich bald gelegenheit, einander die Degen-Spitzen zu zeigen. Jedoch ich war so glücklich, in einer Woche alle beide mit blutigen Denckmahlen abzufertigen, deswegen entbrandte ihr Grimm nur um so viel desto hefftiger, so, dass sie noch etliche so genannte, aber nur eingebildete Renommisten zu sich nahmen, und unter dem prahlhafften Titul: Die heroische Brüderschafft, manche Nacht durch die Strassen schwermeten, allen eintzelen Leuten Verdruss und Schmach antaten, unter andern aber auch ein blutiges Absehen auf meine person hatten, und mich, bei gelegenheit tüchtig zu zeichnen, sich verlauten liessen. Nun brauchte ich zwar alle behörige Vorsicht, mich nicht leichtlich in mutwillige und unnötige Händel einzumischen, jedoch da ich einsmahls zur Nachts-Zeit, von einem wohlbekandten Freunde aufgeruffen worden, um einen gefährlichblessirten Studenten eiligst zu verbinden, und wir