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Catalogum dererjenigen inscribiren lassen, die unter Hygæens Panier ihr Heil versuchen wolten. Das ist so viel gesagt, ich changirte die Bartschererei, und wurde ein ernstlicher Studiosus Medicinæ. Durch treulichen Vorschub meines Stuben-Purschen und gute Recommendation bekam ich erlaubnis, verschiedene Collegia frei zu besuchen, die übrigen höchst nötigen aber vor halbes Geld. Weilen nun albereits ratione meiner Profession und fleissigen Bücher-Lesens einen guten Vorsprung vor andern hatte, brauchte es bei mir halbe Arbeit, deswegen wendete die beste Zeit darauf an, die Anatomie, Physicam experimentalem, Materiam medicam und die Botanic gründlich zu fassen. Inmassen es nun an keiner gelegenheit fehlete, mich in allen solchen Stücken aufs beste zu exerciren, anbei unter der Hand durch heimliche Chirurgische Curen, mit Beihülffe meines Lands-Mannes, manchen schönen Taler Geld zu verdienen, so wurden die ersten 5. Viertel-Jahre ungemein fleissig und stille verbracht, so bald aber die Wissenschafften dergestalt etwas zugenommen, wuchs auch die Ambition, mich unter andern eingebildeten Gelehrten, ebenfalls etwas breit zu machen, und weil die douce Praxis, immer mehr Geld einbrachte; fing ich an, ein und andern Schmause beizuwohnen, selbsten dergleichen auszurichten, und mir vor allen Dingen etwas liebes anzuschaffen, denn zur selbigen Zeit konte niemand vor einen galanten Purschen passiren, der nicht zum wenigsten eine Spass-Courtoisie mit einem oder andern Frauen-Zimmer unterhielt. So bald ich mir also nur ein rot Kleid geschafft, und auch in anderer Aufführung einigen Etaat blicken lassen, zeigten sich also bald ein paar Syrenen von nicht geringen stand, welche meiner Meinung nach, ihre charmanten Blicke und Minen nur darum gegen meine person spieleten, dass sie einen so galanten Herrn, der aufs längste binnen andertalb Jahren den Doctor-Hut auf dem Schädel haben müsse, ja fein bei zeiten zur Gegen-Liebe bewegen möchten, um mit der Zeit sein Hertz zu erbeuten, und durch ihn Frau Doctorin genennet zu werden. Etwas verzweiffeltes war es, dass ich so wohl als alles andere Leute, die um mein Wesen Bescheid wusten, in der Persuasion stunde: mein Vormund müsse mir wenigstens noch 8- biss 900. Tlr. baar Geld auszahlen, denn ich glaube, bloss dieses war genug, mir den Zutritt bei vielen Frauenzimmer von Condition zu verschaffen, allein ich ging doch in diesem Stück noch ziemlich behutsam, und nahm mich sehr genau in acht, nicht etwa unbesonnener weise einzuplumpen, und meine Freiheit einer zukünfftigen vielleicht allzu späten Reue aufzuopffern, zumahlen da die tägliche Erfahrung lehret: dass das Universitäts-Frauenzimmer gemeiniglich von Flandern, und selten länger getreu zu lieben pflegte, als man bei ihnen sitzt und spendiret. Endlich vermeinete ich doch eine ganz besonders getreue Seele angetroffen zu haben, weil sich selbige in ihren ganzen Wesen ungemein still und sittsam, gegen mich aber sehr keusch und züchtig verliebt anstellete. deswegen riss sich meine hin und her wanckende Liebe, von allen andern Gegenständen loss, und blieb eintzig und allein, an dieser Schönen hangen, die sich Eleonore nennete. Ja! nachdem sich mein Lands-Mann von dieser Universität hinweg, und auf eine andere begeben, war ich meiner Einbildung nach, vor hundert andern, so ungemein glücklich, bei der Liebens-würdigen Eleonore ein haus-Pursche zu werden. Die gelegenheit war also recht erwünscht vor mich indem ich nicht allein die Beqvemlichkeit hatte, meine Liebe durch tägliche Hertz-brechende Unterredung auf festen Fuss zu setzen, sondern nechst dem, bei einem solchen mann im haus zu wohnen, welcher das Studium anatomicum als sein Hauptwerck triebe, und darinnen etliche 50. Studenten privatim informirete, hierzu fein eigenes compendieuses Teatrum anatomicum angelegt hatte, und sich die gröste Mühe gab, an den Leibern aller Tiere, so er nur habhafft werden kunte, das merckwürdigste und nützlichste zu zeigen. Ich war hierbei dermassen geschäfftig, dass ich in kurtzen sein Profector wurde, welche Ehre und Vorzug mir bei einigen andern ziemlichen Neid und Verfolgung erweckte, zumahlen da mit der Zeit, mein geheimes liebes-Verständniss mit Eleonoren ruchtbar zu werden begunte. Jedoch ehe ich meine eigenen fernern geschichte verfolge, und eben jetzt noch von der Anatomie gedacht habe, muss ich einer seltsamen Begebenheit erwehnen, welche beweiset, dass die Lust zur Anatomie, oder welches fast glaublicher, der Geld-Mangel, den Affect der Liebe eines Kindes gegen seine Mutter, allem Ansehen nach sehr zu mindern, ja gänzlich auszurotten vermögend ist.

Es wohnete in dasiger Vorstadt ein armer Studiosus Medicinæ, nebst seiner bei nahe 70. jährigen Mutter und leiblichen Schwester, in einem kleinen haus zur Miete, und erhielt dieselben von den wenigen Geldern, die er sich etwa mit seiner schwachen Praxi, und Information einiger Kinder erwerben konte, wiewohl die Schwester mit ihrer Hand-Arbeit auch etwas beigetragen haben mag. Nachdem aber endlich die Mutter verstorben, muss er alle seine und ihre fahrende Haabe, entweder verkauffen oder versetzen, um dieselbe nur mit Ehren unter die Erde zu bringen, welches dem armen Schlucker dermassen zu herzen gehet, dass er, indem das Begräbniss etliche Tage aufgeschoben werden muss, vor Sorgen und Grillen sich nicht zu lassen, auch nirgends Trost zu suchen weiss. Doch in der letzten Nacht vor dem mütterlichen Begräbnisse, fällt ihm ein, dass unser Anatomicus, dessen Privat-Collegia er fleissig besuchte, nur vor wenig Tagen uns folgender gestalt angeredet: Messieurs! Sie reiten, fahren und spaziren ja doch immer auf den Dörffern herum, sollte denn