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dass sein ganzer Professions-Bau auf einem wacklenden grund ruhete. In der Prahlerei, Aufschneiderei und läppischen Raisonir-Kunst hatte er hingegen einen dermassen starcken Habitum, dass er sich auch nicht scheuete vor geschickten und gelehrten Leuten, ohne Scheu, alles heraus zu platzen was ihm nur vors Maul kam, es mochte practicable, wahrscheinlich, und vernünfftig sein oder nicht. Einsmahls wolte er einem gestürtzten Patienten, ein grosses Stück des Cranii ausgehoben, duram matrem zerschnitten, piam matrem aber vom cerebello abseparirt, und das geronnene Geblüt, wie auch 11/2 Lot vom Gehirne selbst mit dem Tee-Löffel heraus genommen haben. Einem andern Patienten hatte er, seinem sagen nach, einen Polypum cordis, oder so genandten HertzWurm per fedes abgetrieben, und zeigte denselben annoch in einem mit Spiritu Vin. angefülleten Glase. Wieder einem andern sollte durch seine Geschicklichkeit, und künstliche Hefftung, die mit groben Schrot durchschossenen dünnen Gedärmer, und des Magens, das liebe Leben erhalten sein. Alle Arten der Blindheit, so gar auch des schwartzen Staars, vermass er sich ohne eintzige innerliche oder äuserliche Medicin, bloss vermittelst eines geheimnis-vollen sympatetischen Schnupff-Tobacks zu curiren: allein ich habe niemand ausforschen können, der eine probe davon gesehen oder empfunden.

Indem aber, mehrere Exempel seiner Quacksalberischen Prahlereien anzuführen, vor allzu weitläufftig halte, muss ich doch ein und andere eigenhändige probe seiner jämmerlichen Chirurgischen Berichte, Wund-Zeddel und Recepte aufzeigen. Hiermit stunde Mons. Kramer auf, und holete einige Scripturen, welche, nachdem er uns dieselben vorgelegt, wir also gesetzt befanden:

(I.) Bericht: Num. 9. anno 1710. den 5. Sept.

Auf Begehren eines Hochlöbl. Amts-Gerichts alhier u. auch auf gnädigen Specigal Befehl des – – – – meines gnädigen Herrn, habe Ich Endes unterschriebener Chyrugus N.N. obigen datum, Nach Mittage um Eins den entleibeten Körber des verstorbenen und vorher unwissend von wem er mordet worden, – – – – in seiner Behausung auf einer Taffel, nebst meinem Gesellen und Lehr-Jungen, nechst diesen in Beisein des Herrn Stadt- und Land-Fisicus Herr D.N.N. zu seciren und antomiren angefanget, und habe also an selbigen Körber wie folget angemerckt und obselviret.

1. Mag ihn der Mörder einen Schlag etwa mit einen Stuhl-Beine auf das Cramgum gegeben haben, denn es war die ganze Schwarte auf dem Kopffe sehr mit Blut unterlauffen, deswegen habe ich das Cranigum Kunstmässig abgesegt, aber innwendig nicht beschädiget gefunden, sondern es war alles gut und die turra mater und bia mater frisch, ausgenommen dass das Cereberum und die meningnes nieder gesuncken waren, welches von Schrecken hergerühret hat, es war sehr viel von den Cereberum im Kopffe, also kein Wunder, dass der Mann sehr klug gewesen ist. 2. War ihm die rechte claviculam entzwei geschmissen geworden.

3. Hatte er 5. Stiche auf den Ossa sternium und auf der Pectus wovon aber nur zwei durch die costa verœ gegangen und nachdem ich die cartilago welche das Ossa sternium mit den costas verbinden (und welche Verbindung oder Zusammenfügung die antomicis Synchonderosis nennen) kunstmässig durchschnitten und das Ossa sternium aufgehaben, ging der rechte Stich durch den Musculus serratus major anticus oder pectoralis in einen globum pulmonis, durch und durch und hinten bei den vertebras torsis wieder heraus, es war auch ein ramum von der vena pulmonaris abgeschnitten, und schrecklich viel Blut in der cavitatis torazcis gelauffen. Der andere lædale Stich ging durch die Vena pulmonalæ oder arteria pulmonala welches ich wahl haben will, und durch das lincke auriculæ cordis ins Cor hinnein und blieb in den Ventriculus sinistri cordis sitzend, welches wohl hauptsächlich causa mordis sein möchte, doch sind die andern vulneris auch dabei in consiteratigon zu ziehen.

4. Die Mörder mochten ihn auch brav auf den leib herum gesprungen sein, denn die Urin Vesica war ihm im leib geplatzt und der Scrotus sehr geschwollen auch mit vielen geronnenen sangvinis unterlauffen und die Testiculis und vasa spergemanica jämmerlich zerqvetzt. Die Hepar und die Splen oder Lien sahen auch nicht natürlich aus, in summa es war dem, in seinem Leben ehrlichen Körber, noch elender mit gespielet als dem der zu Jericho unter die Mörder gefallen war. Da aber er doch nicht zu curiren gewesen wäre wenn er gleich noch einige Tage gelebt hätte, indem man zu seinen hauptsächlichen Vulnera nicht hinzu kommen und weder ingectigon noch Wund-Balsam abeliciren können, so folget daraus dass diese lesionen ber se & absolud ledal zu nennen zu achten und zu halten sein, und hoffe ich, dass alle Vaculteten es mag hin geschickt werden wo es hin will mit mir darinnen überein stimmen werden, es müste denn jemand Lust zu disbutiren haben. Uhrkundlich habe ich diesen chyrurgischen Bericht eigenhändig unterschrieben und mit meinen gewöhnlichen Perschafft bestärckt, verbleibe auch

Des Hoch Löbl. Amts-Gerichts

Dienstwilliger

(L.S.)

N.N.

– – – – wohlbestalter Hof-Stadt- und

Land-Chyrurgus juratius.

(II.) Wund-Zettel Num. 86. den 13. Jan. 1712.

Ich Endes unterschriebener bekenne hiermit dass ich vergangene Nacht etwa um 2. Uhr N.N. in die Cur bekommen und an ihn folgende Plessuren befunden: Erstlich einen gefährlichen Hieb über den lincken Elbogen, wobei die Tenda und Flexores gänzlich zerschnitten einfolglich die Gunctura nicht wieder wird curiret werden können, sondern er wird einen lahmen Arm behalten, den ich ihn nach