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habenden Kohlen-Töpffen zu gebrauchen. Demnach war ich Tag und Nacht auf Revange, wegen des letzt gespielten groben Possens, bedacht, und endlich wurde folgender Streich so verbracht wie ausgesonnen. Ich nahm etliche Kohlen, hölete dieselben aus, und setzte kleine Schwermer mit geriebenen Schiess-Pulver hinnein, vermachte die Löcher wiederum so, dass an den Kohlen kein Betrug zu mercken war, legte hernach selbige, indem ich abermals Kohlen vor den liederlichen Weibs-Bildern vorbei tragen wolte, ganz zu oberst auf den Korb, tat als ob ich stolperte, und liess dieselben ganz unachtsam herunter fallen, welche denn von ihnen begierig auffgehoben und in die Kohlen-Töpffe gelegt wurden. Ich lieff gegen über in ein bekandtes haus und wartete daselbst die Zeit ab, biss das sprudelende Pulver Feuer fing, und ein verzweiffeltes Lermen, doch aber weiter keinen Schaden anrichtete. Allein da die Sache an meinen Herrn gelangete, bekam der künstliche Feuerwercker seinen verdienten Lohn.

Nach ausgestandenen Lehr-Jahren ergriff ich den Wander-Stab, und reisete von meinem Vormunde mit 10. Tlr. Gelde und nötigster Equippage abgefertiget in die Welt, weiln ich aber in meiner Lehre von der Generositeé einiger vornehmen Patienten, welchen ich unermüdet aufgewartet, bei nahe 50. Tlr. profitiret und heimlich gesammlet hatte, schien es mir ungemein despectirlich und beschwerlich zu fuss zu reisen, und noch viel verdrüsslicher, der Professions-Gewohnheit nach, bei andern Chirurgis das Gnaden- oder wie es etwas ehrbarer klingt, das Frembd-Gesellen-Brod zu essen, reisete deswegen so lange mit der Post herum, biss mein unüberwindlich scheinendes Capital, dermassen auf die Neige kam, dass ich nunmehr an statt der Taler kaum so viel Groschen zählen konte.

Da! war der Haase gefangen, die Gelder verschwunden, die Kleider auf dem Post Wagen ziemlich verschabt, der Winter vor der tür, zu guter Condition kein Anblick, hergegen desto mehr Ambition vorhanden, dem Vormunde meinen Fehler zu entdecken, und von ihm etwas Geld zu verlangen. Jedoch ich fassete kurtze Resolution, entschloss mich nunmehr post Festum zu fuss zu gehen, erreichte eine berühmte Residentz-Stadt, weil aber in selbiger vor mich keine Condition offen, kein eintziger Barbier-Geselle auch so höfflich sein, und mir die seinige abtreten wolte, sah ich mich genötiget, aus dringender Not, bei einem so genandten Bein-Haasen, der eine GnadenBarbier-stube in der Vorstadt hatte, Condition anzunehmen. Es war derselbe, ungeachtet ihn die andern Chirurgi sehr hasseten, ein ehrlicher, vernünfftiger und wohlerfahrner Mann, der seine Profession nicht allein Zunfftmässig gelernet, sondern auch in verschiedenen Feld Zügen sehr wohl excoliret hatte, seine Praxis ging sehr stark, woher denn kam, dass ich binnen andertalb Jahren nicht allein ein sehr vieles in der Kunst und Wissenschafft von ihm profitirte, sondern auch meine Kleidung und Sachen wiederum in guten Stand setzte, über dieses alles, etliche 60. Tlr. baares Geld sammlete, worzu die Verachtung meiner Professions-Genossen, kein geringes beitrug, denn selbige achteten mich darum, weil ich bei einem Pfuscher servirte, vor einen infamen Kerl, welcher nicht würdig wäre: dass redliche Barbiers-Gesellen eine Kanne Bier mit ihm träncken. Mittlerzeit aber sparete ich mein Geld, entging vielen Verführungen, und konte zuletzt, meinen so genandten abscheulichen Schand-Fleck, sehr leicht vermittelst eines halben Fasses Bier wieder abwaschen, welches die Herrn Cameraden noch lange nicht ganz ausgesoffen hatten; da ich schon wieder so ehrlich, ja ich glaube, in ihren herzen vor noch weit ehrlicher als vorhin geachtet war. Nichts als die Curiositee, noch mehr grosse Städte zu sehen, trieb mich von diesem mann hinweg, deswegen ergriff abermals meinen Wander-Stab, setzte mich aber nicht wie ehermahlen auf die geschwinde Post, sondern glaubte dem experto Ruperto, und marchirte per pedes Apostolorum fort, nachdem ich meinen Coffre zurück in Verwahrung gelassen. Die am Rhein, Neckar, Mosel und Mäyn gelegenen Städte, waren mir sehr herrlich beschrieben worden, und weiln ich ohne dem lieber Wein als wasser trincken mochte, ging die Reise darauff zu. Nun fand mich zwar, wegen des so sehr gerühmten Weins gar nicht betrogen, allein wo ich nur hin kam, muste ich vernehmen, dass es wegen der Conditionen ausser der Zeit und wenigstens in einem halben Jahre nichts zu hoffen sei, über dieses war kein eintziger Professions-Genosse der Ehren, mir nur einen Bissen Brod vorzusetzen, sondern ich muste überall vor mein baares Geld zehren. Hierbei befand sich nun der Magen, welcher auch den allerbesten Wein ziemlich vertragen lernete sehr wohl, allein der Beutel bekam nach und nach den stärcksten Ansatz zur Schwindsucht, so dass ich dieses Land aufs eiligste zu verlassen, und die Lufft zu verändern suchen muste, woferne besagter mein Beutel, nicht sein ganzes Eingeweide aussspeien sollte. Demnach wanderte auf den Saal-Strohm loss, und demselben so lange entgegen, biss sich endlich in einer Fürstl kleinen Residentz-Stadt, Condition vor mich fand. Mein Herr war Hof-Ammts- und Stadt-Chirurgus, über alles dieses noch Cammer-Diener bei dem Fürsten, und hatte solchergestallt mehr Glücke als Verstand, denn ich nicht leichtlich einen Chirurgum angetroffen, der, der leidigen Trunckenheit mehr ergeben gewesen, als eben er. In Praxi war ihm ein und andere Cur von ungefähr noch so ziemlich eingeschlagen, doch in Teoria alles sehr schwach und elend bestellet, woher denn kam: