einmal in Arrest, so siehts um euren Kopff gefährlich aus. Endlich kam ich mit grosser Mühe zu einigen verstand, zohe das Mägdgen meiner seeligen Liebste auf die Seite, und gab derselben ein und andere verwirrte Ratschläge, bat sie, wenn ihrer Gebieterin der letzte liebes-Dienst geleistet worden, bei meinem Vetter Rapport von ihren Verrichtungen abzustatten, küssete den erblasseten Mund und hände meines liebsten Engels noch zu guter letzt unzählige mahl, setzte mich hernach auf inständiges Anhalten nebst meinen Compagnons zu Pferde, und suchte aufs eiligste über die Gräntzen dieses mir höchst fatalen Ländgens zu kommen.
Wir hielten uns ohne die äusserste Not in keinem Quartiere sehr lange auf, biss endlich die berühmte Stadt Strassburg erreicht war. Von hier aus schrieb ich an meinen Vetter den Secretarium, berichtete demselben das mir zugestossene Unglück mit behörigen Umständen, und bat, so ferne meiner seeligen fräulein Bediente bei ihm angelanget, mir ihren abgestatteten Rapport aufs eiligste zu überschreiben, weil ich an ermeldten Orte biss zu Einlauff seiner Antwort verziehen wolte. Vier Wochen hernach bekam ich also sein Antworts-Schreiben, und erfuhr, dass kein Mägdgen zu ihm gekommen, sondern dieselbe vermutlich des nächsten weges nach ihrer Heimat gereiset wäre, immittelst hätte er so viel vernommen, dass so wohl mein seel. fräulein als der körper des entleibten von P.** in eine kleine Dorff-Kirche, vor den Altar nahe beisammen begraben worden, welches Glück ich dem Stöhrer meines Vergnügens durchaus nicht gönnete, und solches dennoch leiden muste. Im übrigen hatte mein Vetter ausgekundschafft, dass meine Angelegenheiten beim Regiment auf sehr schlimmen fuss stünden, fintemahl ich ohne Uhrlaub hinweg gereiset, und über dieses dergleichen blutige Tragoedien angestifftet hätte. Demnach wäre sein getreuer Rat, dass ich die Sächsischen, Brandenburgischen, Anhältischen und angräntzende Länder gutwillig vermeiden, ja viel lieber mein Glück ausserhalb des Römischen Reichs suchen, und die zurück gelassenen Sachen nur immer vergessen möchte.
Dieser Rat war bei so gestalten Sachen wohl der beste, deswegen nahm von meinen beiden Compagnons, welche sich zurück in Käyserliche Guarnisons-Dienste begeben wolten, Abschied, und reisete mit meinem Diener nach Paris, wo ich denselben bei einem vornehmen deutschen Herrn als Laqvei anbrachte, mich auch selbsten in dessen Dienste en qualité eines Reise-Secretarii begab. Dieser mein neuer Herr war im Begriff, incognito frembde Länder zu besehen, wannenhero ich das Glück hatte, bei solcher gelegenheit von seiner Curiositée zu profitiren, und sonsten wenig andere Arbeit zu haben, als seine Rechnungen über Einnahme und Ausgabe, ingleichen ein accurates Journal über alles dasjenige, was uns remarquable vorkam, zu führen. Wir besahen demnach erstlich Franckreich, hernach Italien, Spanien, Portugall, Engelland, und letztlich die Spanischen Niederlande. Es sind gewisslich in allen diesen Ländern, verschiedene teils angenehme, teils verdrüssliche begebenheiten aufzuzeichnen vorgekommen, wie denn mein eigenes vor mich geführtes Journal solches mit mehrern besaget, jedoch ich werde in zukunfft bei gelegenheit, solches Stückweise communiciren, und voritzo nur zum Schlusse meiner heutigen Erzehlen eilen.
Diesemnach muss ich melden, wie mein vornehmer Principal, nach Besehung der besten Städte in Holland, Braband und Flandern, seine Retour antreten wolte, ich ganz untertänigst um meine Dimission bat. Nun wuste er zwar wohl die ursache, warum ich mich nicht wiederum nach Teutschland wagen wolte, versprach deswegen, seinen eignen Credit und Kosten anzuwenden, mir alle Sicherheit zu verschaffen, und die vielleicht ohnedem mehrenteils vergessenen Händel gänzlich beizulegen, allein der Teutsche, vor mich unglückseelige Boden, war mir ein vor allemahl höchst zum Eckel worden, und weil ich ausserdem, seit dem Absterben meiner Geliebten keine rechtschaffen fröliche Stunde gehabt, machte ich mir die Vorstellung, dass sich mein stilles Wesen endlich wohl gar in eine würckliche Melancholie verwandeln könnte, wenn ich den Tummel-Platz meines widerwärtigen Glücks aufs neue beträte. Solcher gestalt bekam ich, nebst meinem honorablen Abschiede, eine Summe von 400. Tlr. teils verdienten, teils geschenckten Geldes, mit welchen ich mich auf die Reise machte, annoch die beiden Nordischen Cronen, nämlich Dännemarck und Schweden zu sehen, und zu versuchen: ob ich unter deren Schatten etwa eine Kühlung, meiner annoch beständigen Schmertzen finden könnte. Im Junio des 1722ten Jahres kam ich also in Coppenhagen an, wo ich mich auf dem neuen Königs-Marckte einlogirte, doch in wenig Tagen bei einem berühmten Matematico bekandt und in sein haus genommen wurde; dessen 15. jährigen Sohn in der Französischen Sprache, wie nicht weniger in der künstlichen Zeichnung, privatim zu informiren. Weiln sich nun in kurtzen noch einige andere Scholairs dazu fanden, konte ich ohne die Kost und andere Bequemlichkeit, bloss durch das informiren jährlich fast mehr als 150. Tlr. verdienen. Uber dieses hatte noch Zeit genug übrig, auf dasiger Universität meine ziemlich verwelckten Studia in etwas wiederum zu erfrischen, und mir die vortreffliche publique Bibliotec, worin ich sonderlich des berühmten Matematici Tychonis de Brahe und anderer Matematicorum Bücher fleissig durchsuchte, gar sehr zu Nutze zu machen. Selbige ist in einem runden Turme verwahret, auf welchen man von unten an biss oben aus, mit Wagen und Pferden fahren kan. Der Eingang in die Bibliotec aber ist wöchentlich zweimahl erlaubt. So lange ich frei und ungebunden leben konte, war mein Sinn noch ziemlicher massen vergnügt, ohne wenn ich dann und wann mit den gedanken auf meine Hertzkränckende Avanturen verfiel, und mich nicht selten ganze Nächte, mit dergleichen melancholischen Grillen herum schlug. Allein, so bald mir einige nicht übelgesinnete