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uns nebst andern klugen Vorstellungen, den nicht unebenen Rat gab, eine Reise an einen sichern Ort zu tun, und uns daselbst von einem Römisch-Catolischen Priester copuliren zu lassen, weil, wegen des allzu scharffen Verbots kein Luterischer solches wagen dürffte, mitin würde solcher gestalt der gröste Scrupel gehoben, und wegen des übrigen könnte mit der Zeit schon ein Vergleich, zwischen den Hoch-Adelichen eigensinnigen Befreundten, getroffen werden. Ach wolte GOtt! meine Charlotte hätte sich entschliessen können, diesem gegebenen Rate zu folgen, allein sie war nicht zu erweichen, sondern schützte vor: nunmehr da ich dem Herrn von V.** Trotz dieten, und seinen Conses mit Gewalt zu erlangen, mich getrösten könnte, dörffte ich mich ja nur bemühen, ihn aus falschen herzen und verstellter Submission, zu meinem Willen zu disponiren. Solchergestalt verführen wir, ihrer Meinung nach, ordentlich, hätten vielleicht keine scrupulöse Copulation nötig, konnten auf dessen Verweigerung dennoch tun was wir wolten; zumahlen da sie sich in stiller Sicherheit befände, und so zu sagen, unmöglich ausgeforscht werden könnte.

Ich sah mich gezwungen, meiner Gebieterin zu gehorsamen, reisete deswegen in das, ohnweit des Herrn von V.** gelegene Städtgen, suchte von daraus durch Briefe, und einen abgeschickten sehr klugen Advocaten, zu tractiren, jedoch es war in allen Stükken Hopffen und Maltz verlohren, an statt der Antwort liess man mir die schändlichsten Injurien sagen, von welchen mich nichts ärger verdross, als dass ich ein Bettler, barmhertziger Officier und Fräuleins-Räuber wäre, oder doch zum wenigsten den Spitz-Buben Geld gegeben hätte, das fräulein Charlotte zu entführen. Ja Ferdinand hatte in Gegenwart des Cavaliers Herrn von P.** und verschiedener anderer von Adel dennoch behaupten wollen: Ich wäre cum infamia von dem Regiment verjagt worden. Nun war zwar P.** noch so klug gewesen, in diesem Stücke das Gegenteil zu erweisen, jedennoch desto unbesonnener meinen Stand und Wesen aufs allerverächtlichste durchzuhecheln, und weiln mir solches gleich andern Tages von andern vernünfftigen Edelleuten, die sich ein Plaisir aus meinen Umgange machten, gesteckt wurde; setzte ich so gleich ein Cartell auf, welches ich mutatis mutandis eigenhändig schrieb und unterschriebe, einem jeden von diesen beiden, durch zwei junge Cavaliers überschickte, die sich selbst nicht allein zu Uberbringern, sondern auch zu meinen Secundanten erboten:

Verwegene Massette,

So bald ich vernommen, dass deine canailleuse Zunge, meine Renommeé aufs allerempfindlichste angetastet, hat meine Hand die Feder ergriffen, dir zu vermelden: wie ich die Auslegung deiner schelmischen Worte nicht anders als durch den raisonanz des Degens oder der Pistolen zu hören und zu sehen verlange. Hastu demnach nur etwa ein halbes Quentlein Adeliches Blut im leib, woran aber nicht ohne Ursache zu zweiffeln ist, so zeige dich Morgen frühe um 4. Uhr auf dem – – – platz, wo einen Cujon nach dem andern abzufertigen, oder aus Liebe zu der englischen Charlotte, sein Leben zu lassen, gesonnen ist

der Lieutenant Friedrich Litzberg.

Folgenden Morgen machte ich mich also nebst zweien Secundanten und eben so viel Adelichen Zuschauern auf, traff an statt des von P.** welcher schon verreiset gewesen, Charlottens Bruder Augustum an, der sich zu seiner Lust den Degen erkiesete, Ferdinand hingegen bezeugte Appetit Kugeln zu wechseln. Es wurde demnach wenig Federlesens gemacht, sondern August, welcher sein Heil am ersten versuchen wolte, wurde mit einem sehr gefährlichen Stiche in die Seite bezahlt, Ferdinand aber erstickte an meiner zweiten Pistolen-Kugel, weil ihm dieselbe accurat über der Brust die Lufft-Röhre abgerissen hatte. Diesem nach hielt ich nicht vor ratsam, länger in dieser Gegend zu verweilen, sondern beschleunigte meine Reise, um Charlotten meine begebenheiten selbsten mündlich zu hinterbringen, war aber 4. Tage hernach so unglücklich mit dem Pferde zu stürtzen, und die Rippen der lincken Seite dermassen anzuscheuern, dass ich vor grausamen Seitenstechen und Schmertzen auf keiner Stätte liegen bleiben, vielweniger das Reisen fortsetzen konte, hergegen 4. volle Wochen auf meine Cur wenden muste. Meine zwei Secundanten, welches ein paar junge hertzhaffte Sächsische Edelleute waren, verliessen mich nicht in dieser Not, sondern blieben bei mir, biss ich mich völlig curiert, wiederum auf den Weg machen konte, reiseten auch mit biss zu meinem Vetter, wo ich Charlotten unfehlbar noch anzutreffen vermeinete. Allein zu meiner allergrösten Bestürtzung muste erfahren: dass der Herr von V.** Charlottens Auffentalt ausgekundschafft, dero Auslieferung von dem regierenden Landes-Herrn durch untertänigste Vorstellungen erhalten, und endlich den Cavalier P.** abgeschickt hätte, seinen kostbarn Schatz abzuholen, und zu führen, wohin ihm beliebte. Dieser wäre nun auch allererst gestern Mittags, auf einen commoden Wagen, in aller Sicherheit davon gefahren, weiln er leichtlich mutmassen können, dass, da ich seiner Meinung nach Land-flüchtig werden müssen, ihm sonst niemand Verdruss machen würde. Zu meinem vermeinten grössten Glücke, fand sich jemand, der mir seine erwehlte Strasse mit Anführung glaubhaffter Umstände sehr klüglich bezeichnete, deswegen setzte mich, ohne den Rat meines Vettern anzuhören, nebst meinen beiden Compagnons, die so wohl als ich junge Wagehälse waren, eiligst wiederum zu Pferde, ritten fort, nahmen, um Tag und Nacht hindurch desto besser nachzueilen, aller Orten frische Pferde, und erreichten endlich am 5ten Tage, auf dem Hessischen grund und Boden, den Wagen, worin Charlotte bei dem von P.**, ihr Mägdgen aber rückwerts sass. Ich hiess dem Kutscher stille