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versichert die erste vergnügte Stunde, so derum zu empfinden habe. Ihr bleibet, so lange ein Otem in mir ist, dennoch der Meinige und ich die Eurige, und wenn sich gleich die ganze Welt darwieder setzte. Seid so gütig, und traget im Post-haus noch in etwas Gedult, Morgen mit den allerfrühesten, wird mein Bruder mit seinem unflätigen Compagnon abreisen, gegen Abend aber sollet ihr von meinem getreuen Mägdgen fernere mündliche und schrifftliche Nachricht empfangen, Lebet wohl mein HertzensSchatz, ich bin

eure getreue Charlotte.

niemals habe ich einenen spec. Taler mit grösseren Vergnügen ausgegeben, als denjenigen, welchen mein glücklicher liebes-Courier, nämlich der Galanterie-Händler, jetzt von mir empfieng, so lange aber meiner Augen höchst ergötzliche Weide, sich noch am Fenster blicken liess, ging ich nicht von der Stelle, sondern wartete so lange im Wein-haus, biss sie sich endlich in den Wagen setzte, und davon fuhr, da ich denn wiederum zurück ins Post-haus ging, und meine Zeit mit verliebter sehnsucht so lange vertrieb: biss folgenden Tages fast gegen Abend Charlottens Getreue mir folgende Zeilen überbrachte:

Mein Liebster!

Folget der Uberbringerin dieses, meinem getreuen Mägdgen ohne Scheu an denjenigen Ort, wo sie euch hinführet, damit ich das Vergnügen habe, euch auf einige Stunden zu sprechen. Nehmet mir immittelst nicht ungütig, dass voritzo nicht weitläufftiger geschrieben, denn eine gute Freundin hat mich auch bei nächtlicher Weile, an dieser mir sonst höchst ergötzlichen Arbeit verhindert. Meine Peiniger sind fort. Adieu mon coeur.

Dieser angenehmen Ordre schuldige Folge zu leisten, begab ich mich mit herein brechender AbendDemmerung, nebst meiner Führerin, auf den Weg, und wurde, nachdem wir eine starcke Stunde weges zurück gelegt, durch einen Bauern-Garten in ein dergleichen haus geführt, woselbst mich ein alter 70. jähriger Mann nebst einer, vielleicht um sehr wenig Jahre jüngern Bauer-Frau, nach ihrer Art sehr höflich und freundlich bewillkommeten. Mein englisches fräulein stellte sich um die Mitternachts-Zeit auch daselbst ein, fuhr aber entsetzlich zusammen, da sie von mir, als einem Zigeuner ähnlichen, schwartzbraunen Peruqven-Hanse, empfangen wurde. Jedoch ich liess sie nicht lange in dieser Verwirrung stecken, sondern, war bemühet durch die Krafft meines Pulvers, und etwas warmen Wassers, meine natürliche Gestalt herzustellen, welche nach abgelegter Peruqve, ein unzweiffelhafftes Attestat von meinen eigenen Haaren empfieng.

Wir belachten hierauf diesen Spaass eine kurtze Zeit, liessen die alten Leute immerhin bei den gedanken: dass ich mehr als Brod fressen könnte, und fiengen hernach in ihrer Gegenwart unsern Discours in Frantzösischer Sprache an: Dergestalt erfuhr ich nun, dass unser geheimes liebes-Verständniss, durch niemand anders als durch Charlottens eigenen Bruder entdeckt und ausgebreitet worden, denn dieser liederliche Wildfang, hatte einsmahls durch einen Ritz in Charlottens stube geguckt, und observiret: dass dieselbe mit weinenden Augen, einige, aus ihrem Chattoull hervor gelangte Briefe gelesen, hernachmahls selbige verschiedene mahl geküsset und wiederum aufs sorgfältigste verwahret hatte. Da nun Ferdinand gleichfalls ein Zeuge darvon gewesen, gehen sie mit einander zu rate, und erbrechen nachher einsmahls unter der Kirche Charlottens stube und Chatoull, finden alle meine Briefe nebst den meisten Concepten ihrer Antwort, und zeigen dieselben, um Charlotten nur recht zu prostituiren, erstlich allen Leuten, und auf die letzte auch dem Herrn von V.**

Was die gute Charlotte dieserwegen vor Verdruss und Qvaal ausstehen müssen, und wie es über mich armen Schöps hergegangen, ist leichter zu vermuten als zu erzehlen. Ferdinand, dessen Liebe dieserwegen dennoch nicht verschwindet, sondern um so viel desto mehr Nahrung empfängt, weil er nunmehr versichert ist, dass Charlotte gar wohl lieben kan, wenn sie nur will, vermeinet bei solchen Umständen im trüben zu fischen, und es dahin zu bringen: dass Charlottens Ausschweiffung, (wo es anders menschlicher weise also zu nennen) sich mit seinen groben Schand-Flekken compensiren soll. Allein diese fasset einen Helden-Mut, und saget franchement heraus: dass sie 1000. mahl eher einen gemeinen Musquetier von guter Conduite, als einen solchen Edelmann heiraten wolle, der sich mit allen Vieh-Mägden auf dem Miste herum geweltzt, und so viel Hur-Kinder zu ernähren hätte, dass in zukunfft seine Korn- und Wäitzen-Erndte nicht einmal hinlänglich sein würde, selbigen die veraccordirten Mund-Portiones zu reichen.

Der Herr von V.** fasset sich dieses einiger massen zu herzen, und weil er Charlotten, von Jugend auf nicht viel geringer als seine eigene Kinder geliebt, erlaubt er zwar, dass sich Ferdinand weiter um sie bemühen möchte, gibt aber anbei zu verstehen: dass er das fräulein zu keiner Heirat zwingen, jedennoch auch bei seinen Lebzeiten nicht erlauben wolte, dass sie mich, oder einen andern, der nicht Adeliches Herkommens sei, zum mann bekommen sollte.

Solcher gestalt wird die liebe Charlotte auf allen Seiten, und zwar von ihren leiblichen Bruder am meisten geplagt, biss endlich die Zeitung von dem Rück-March der Sächsischen Trouppen einläufft. Mein Avancement ist ihnen allerseits schon bekandt, deswegen befürchten sie nicht ohne Ursache, dass es Händel setzen möchte, schaffen also Charlotten bei zeiten weiter fort, zu einer ihrer Anverwandten im Anhältischen. Allein die guten Leute hatten doch ihre Sachen nicht klug genug angestellet, weil ich, wie bereits gemeldet worden, gar bald alles auskundschaffte. Ferdinand und August die man vor ein paar veritable Krippen-Reuter und