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mir recht ist, halten ja die Herren Teologi selbst davor, dass auch in der Heil. Bibel dergleichen Exempel, ja ganze Bücher, anzutreffen sind. Sapienti sat. Ich halte davor, es sei am besten getan, man lasse solcher Gestalt die Politicos ungehudelt, sie mögen schreiben und lesen was sie wollen, sollte es auch gleich dem gemeinen Wesen nicht eben zu ganz besonderen Vorteil gereichen, genug, wenn es demselben nur keinen Nachteil und Schaden verursachet.

Allein, wo gerate ich hin? Ich sollte Dir, geneigter Leser, fast die gedanken beibringen, als ob gegenwärtige geschichte auch nichts anders als pur lautere Fictiones wären? Nein! dieses ist meine Meinung durchaus nicht, jedoch soll mich auch durchaus niemand dahin zwingen, einen Eid über die pur lautere Wahrheit derselben abzulegen. Vergönne, dass ich deine Gedult noch in etwas missbrauche, so wirst du erfahren, wie diese Fata verschiedener See-Fahrenden mir fato zur Beschreibung in die hände gekommen sind:

Als ich im Anfange dieses nun fast verlauffenen Jahres in meinen eigenen Verrichtungen eine ziemlich weite Reise auf der Land-Kutsche zu tun genötiget war, geriet ich bei solcher gelegenheit mit einen Literato in Kundschafft, der eine ganz besonders artige Conduite besass. Er liess den ganzen Tag über auf den Wagen vortrefflich mit sich reden und umgehen, so bald wir aber des Abends gespeiset, muste man ihm gemeiniglich ein Licht alleine geben, womit er sich von der übrigen Gesellschafft ab- und an einen andern Tisch setzte, solchergestalt beständig diejenigen geschriebenen Sachen lass, welche er in einem zusamen gebundenen Paquet selten von Abhänden kommen liess. Sein Beutel war vortrefflich gespickt, und meine person, deren damahliger Zustand eine genaue Wirtschafft erforderte, profitirte ungemein von dessen generositeé, welche er bei mir, als einem Feinde des Schmarotzens, sehr artig anzubringen wuste. daher geriet ich auf die gedanken, dieser Mensch müsse entweder ein starcker Capitaliste oder gar ein Adeptus sein, indem er so viele güldene Species bei sich führte, auch seine besondere Liebe zur Alchymie öffters in Gesprächen verriet.

Eines Tages war dieser gute Mensch der erste, der den blasenden Postillon zu Gefallen hurtig auf den Wagen steigen wolte, da mittlerweile ich nebst zweien Frauenzimmern und so viel Kauffmanns-Dienern in der Tür des Gast-Hofs noch ein Glass Wein ausleereten. Allein, er war so unglücklich, herunter zu stürtzen, und da die frischen Pferde hierdurch schüchtern gemacht wurden, gingen ihm zwei Räder dermassen schnell über den Leib und Brust, dass er so gleich halb tot zurück in das Gast-haus getragen werden muste.

Ich liess die Post fahren, und blieb bei diesen im grössten Schmertzen liegenden Patienten, welcher, nachdem er sich um Mitternachts-Zeit ein wenig ermuntert hatte, alsofort nach seinem Paquet-Schrifften fragte, und so bald man ihm dieselben gereicht, sprach er zu mir: Mein Herr! nehmet und behaltet dieses Paquet in eurer Verwahrung, vielleicht füget euch der Himmel hierdurch ein Glücke zu, welches ich nicht habe erleben sollen. Hierauf begehrete er, dass man den anwesenden Geistlichen bei ihm allein lassen sollte, mit welchen er denn seine Seele wohl beraten, und gegen Morgen das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt hatte.

Meinen gedanken nach hatte ich nun von diesem andern Jason das güldene Fell ererbet, und vermeinte, ein Besitzer der allersichersten alchimistischen Processe zu sein. Aber weit gefehlt! Denn kurz zu sagen, es fand sich sonst nichts darinnen, als Albert Julii Geschichts-Beschreibung, und was Mons. Eberhard Julius, zur Erläuterung derselben, diesem unglücklichen Passagier sonsten beigelegt und zugeschickt hatte.

ungeachtet aber meine Hoffnung, in kurtzer Zeit ein glücklicher Alchymiste und reicher Mann zu werden, sich gewaltig betrogen sah, so fielen mir doch, beim Durchlesen dieser Sachen, verschiedene Passagen in die Augen, woran mein Gemüt eine ziemliche Belustigung fand, und da ich vollends des verunglückten Literati besonderen Brief-Wechsel, den er teils mit Mons. Eberhard Julio selbst, teils mit Herrn G.v.B. in Amsterdam, teils auch mit Herrn H.W.W. in Hamburg dieses Wercks wegen eine Zeit her geführt, dabei antraff, entbrandte sogleich eine Begierde in mir, diese Geschicht selbst vor die Hand zu nehmen, in möglichste Ordnung zu bringen, und hernach dem Drucke zu überlassen, es möchte gleich einem oder den andern viel, wenig oder gar nichts daran gelegen sein, denn mein Gewissen riet mir, diese Sachen nicht liederlicher Weise zu vertuschen.

Etliche Wochen hierauf, da mich das Glück unverhofft nach Hamburg führte, geriet ich gar bald mit dem Herrn W. in Bekandtschafft, eröffnete demselben also die ganze Begebenheit des verunglückten Passagiers, wie nicht weniger, dass mir derselbe vor seinem Ende die und die Schrifften anvertrauet hätte, wurde auch alsobald von diesem ehrlichen mann durch allerhand Vorstellungen und Persuasoria in meinem Vorhaben gestärckt, anbei der Richtigkeit dieser geschichte, vermittelst vieler Beweisstümer, vollkommen versichert, und belehret, wie ich mich bei Edirung derselben zu verhalten hätte.

Also siehest du, mein Leser, dass ich zu dieser Arbeit gekommen bin, wie jener zur Maulschelle, und merckest wohl, dass mein Gewissen von keiner Spinnewebe gewürckt ist, indem ich eine Sache, die man mir mit vielen Gründen als wahr und unfabelhafft erwiesen, dennoch niemanden anders, als solchergestalt vorlegen will, dass er darvon glauben kan, wie viel ihm beliebt. Demnach wird hoffentlich jeder mit meiner generositeé zu frieden sein können.

Von dem übrigen,