zumahlen die gröste Hoffnung hätte, durch seinen Degen, sich des Adelichen Standes vollkommen würdig zu machen, übrigens wolte vor dieses mahl dasjenige Touchement, so mir durch die törichte Zuschrifft des einfältigen Schulmeisters zugefügt worden, en regard dessen, dass ich dem Herrn von V.** ganz desondern Respect restire, durch Klugheit überwinden, mir aber dabei ausbitten: dass von jungen Edelleuten nicht mechant von mir gesprochen würde, wiedrigenfalls ich mich genötiget sähe, einen oder den andern auf ein paar Pistolen zu gast zu bitten, oder den Injurianten dergestalt zu prostituiren, dass sich endlich zeigen müste, wer das beste Adeliche Hertze im leib hätte.
An meinen vielgeliebten Herrn Schulmeister schrieb ich aber einen ganz andern höchst-verbindlichen Brief, schickte ihm auch noch einen dukaten, und bat durch den abgefertigten Expressen, mir nicht allein meinen Coffre zu senden, sondern über dieses auch noch sonsten schrifftlich zu berichten, was er etwa damahls vergessen hätte.
Der Herr von V.** war dennoch so eigensinnig, mir auch auf dieses Schreiben nicht zu antworten, hingegen schrieb mir der Herr Schulmeister desto hertzbrechendere Zeilen, jedoch weil nichts remarquables darinnen befindlich, will voritzo die Zeit menagiren, und selbigen Brief nicht einmal hervor suchen, sondern nur sagen: dass ich endlich erlaubnis zum Hinwegreisen erhielt. Ich hatte biss zu meines Fräuleins Auffentalt 26. Meilen zurück zu legen, die ich ebenfalls auf der Post antrat, jedoch nicht weiter gehen wolte, biss in die letzte nächst gelegenste Stadt, ich kam hurtig genug daselbst an, und zwar eben an einem solennen Jahrmarckts-Tage. Allein wie erschrack ich nicht, da, indem ich von der Post abstieg, August und Ferdinand ohnfern vor mir vorbei gingen, jedoch zu guten Glück meiner nicht gewahr wurden. O Himmel! wie geschwind griff ich nach meiner Büchse, worin die vortreffliche Salbe verwahret war, wodurch man sich in der Geschwindigkeit zum halben Zigeuner machen konte. Ich folgete dem Postilion in den Stall, und beschmierete mich unvermerckt so viel als nötig war an Gesicht und Händen, liess geschwind meinen Coffre abpacken, zohe ein fahles Kleid an, setzte eine braune gute Peruqve auf, und ging eiligst auf dem Marckte herum spaziren, wo mir nach einer halben Stunde mein fräulein Charlotte unter etlichen andern Adelichen Dames in die Augen fiel. Vor Freude und Bekümmerniss war ich fast halb tot, jedoch, da sie bald hernach in ein grosses Gastauss gingen, vor welchen ihre Carossen unangespannet stunden, schlich ich mich gegen über in ein Wein-haus, forderte Feder und Tinte, hatte immer ein Auge aufs Fenster, das andere aber aufs Pappier gerichtet, und schrieb in der Geschwindigkeit ungefähr folgende Zeilen:
Allerschönstes fräulein.
Euer allergetreuster Verehrer F.L. ist allhier zugegen, und hat bereits das Glück gehabt, euch als seine Sonne unter andern blossen Sternen von ferne zu sehen. Lasset ihm wissen, ob er sich noch den Eurigen nennen darff, oder ob derjenige Sturm, welchen seine Seele, auch entfernet, ebenfalls empfunden, die Wurtzel der zu ihm getragenen Gunst aus Eurem ohne Ursache befürchten, kan es aber fast unmöglich glauben, weil Euer, sonst in allen billigen Sachen beständiges Gemüte, mir jederzeit vor Augen schwebt. Verkürtzet deswegen meine Quaal und Marter, entdeckt mich entweder meinem anwesenden Mit-Buhler, der mir den tot geschworen hat, oder zeiget mir gelegenheit, wo, und wann das Vergnügen, Euch in Geheim zu sprechen, haben kan, der im Post-haus in verstellter Kleidung auf Antwort wartende
bekümmert-Verliebte Litzberg
Geschrieben war der Brief, ich sah auch mein fräulein nebst andern Dames gegen über im Fenstern liegen, allein, wie ihr derselbe unvermerckt in die hände zu spielen sei, wolte mir gar nicht einfallen. Endlich da sich ungefähr ein mässiger Pursche vor mir præsentirte, und allerhand Galanterie-Waaren zum Verkauffe anbot, merckte ich gleich an seinem ganzen Wesen, dass er ein durchtriebener Schalck sein müsse, zohe ihn deswegen auf die Seite, kauffte vor einen dukaten nötige Waaren, zeigte ihm hernach das im Fenster liegende, sehr betrübt aussehende fräulein, und versprach ihm einen spec. Taler zu verehren, wenn er derselben, ohne dass es andere Leute merckten, diesen Brief einhändigen, und ihr heimlich zu verstehen geben könnte: so bald es ihr gedenn eine kleine schreibe-Taffel nebst Bleistifft gab, die er ihr ebenfalls überreichen, zur Losung aber nur die beiden Buchstaben F.L. schreiben oder reden könnte, so würde sie alsofort mercken, was es zu bedeuten hätte.
Der lose Vogel war mehr als zu dreuste, schleicht sich also ganz leise in dasjenige Zimmer, wo die Adelichen Personen befindlich, zupfft das fräulein gelinde beim Ermel, und da sie sich, ohne dass es die andern gewahr werden, umwendet, gibt er ihr alsofort den Brief so wohl als die schreibe-Taffel, mit verzweiffelten Gebärden und Augen-Wincken in die hände, erhält so viel von ihr, dass sie es stillschweigend verbirget, nachher legt er seine Waaren aus, da immittelst Charlotte einen Abtritt nimmt, endlich wieder zurück kommt, ihm ein und anderes abkaufft, und die schreibe-Taffel ganz unvermerckt wiederum zustellet. Selbige brachte er zu meinem grössten Vergnügen eiligst zurück, denn ich war noch nicht wiederum ins Post-haus gegangen, sondern wolte nunmehr im Wein-haus erstlich abwarten, was ferner passiren würde, fand demnach in der schreibe-Taffel folgende Antworts-Zeilen:
Mein Wertester!
Dieses ist