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angebohrnen Gütigkeit nach, hertzlich wohl empfangen, stattete Rapport von meiner Reise und gehabten Verrichtungen ab, und hatte das Vergnügen meinen Engel an dem alten Orte aussführlich zu sprechen und zu küssen. Sie erzehlete mir mit lachen: dass Ferdinand abermals eine Vieh-Magd, seiner Meinung nach in aller Stille mit 50. Tlr. abgefertiget hätte, dem ungeachtet, weil sie sich nichts darvon mercken liesse, begegnete er ihr noch immer mit den äusersten Liebkosungen, und dränge scharff darauff: dass ihre Vermählung noch vor Weihnachten vor sich gehen möchte. Allein sie bliebe beständig darbei, dass es in ihren herzen vorlängst beschworen sei, vor Verlauf ihres 20sten Jahres keinen Mann zu nehmen, also müsse er sich gezwungener weise, von einer Zeit zur andern, mit Gedult schmieren, woferne ihm nicht gelegen sei, bei ihr auf einmal durch den Korb zu fallen.

Mir gab anbei mein liebstes fräulein einen Verweiss, dass ich mich nicht emsiger um einen Officiers-Platz bemühete, ja sie durffte fast auf die gedanken geraten: als ob mir an ihrer, desto baldigen Besitzung, gar wenig, oder wohl gar nichts gelegen sei. deswegen hatte genug zu tun, ihr solche gedanken auszureden und zu erweisen, dass die itzigen Friedens-zeiten, mich dermassen verwirrt machten, dass ich fast nicht wüste unter welche Trouppen ich mich wenden sollte. Demnach schlug sie mir die Sächsische Soldatesque vor, welche damahls eben mit den Pohlnischen Confœderirten im Kriege verwickelt war, erbot sich auch mir so gleich mit 200. Tlr. an heimlich gesammleten Gelde und Geschmeide an die Hand zu gehen. Hieraus ware nun Dero ganz besonders treue Liebe sattsam zu spüren, deswegen versprach ich nur noch biss gegen den Frühling zu verweilen, nachher so gleich meine Reise zu der Sächsischen in Pohlen stehenden Armée anzutreten.

Hierbei blieb es vor dieses mahl, doch hatte noch binnen zwei Tagen, und des Nachts vor dem eisernen Gatter, die schönste gelegenheit, derselben meine inbrünstige Liebe mit beweglichen Worten vorzustellen, welche denn von beiden Seiten mit unzähligen Küssen aufs neue befestiget und versiegelt wurde.

Des Herrn von V** Herrn Söhne, waren auf die Universität Leipzig gezogen, deswegen konte mich Ehrenhalber nicht länger bei dem alten Herrn aufhalten, nahm also vor dissmahl Abschied, empfing abermals eine Ritter-Zehrung von 6. dukaten, und kehrete wieder zu meinem jungen Cavalier nach Halle. Selbiger brachte so wohl als ich seine Zeit, den ganzen Herbst und Winter über, sehr fleissig zu. Im Februario des 1716. Jahres aber, verkauffte ich alle meine unnötigen Sachen mit guten Vorteil, erhandelte abermals ein paar gute Klöpper, und wartete nur auf das fräulein Charlotte, welche selbsten nach Halle zu kommen versprochen hatte. Sie stellte sich endlich im Mittel des Februarii ein, überlieferte mir 100. Tlr. baar Geld, und vor so viel Geld allerlei Geschmeide, welches ich gar bequem bei mir führen konte, da aber meine Allerliebste vielerlei zu verrichten hatte; und sich noch selbigen Tages auf die Rückreise begeben muste, wurde unser Abschied kürtzlich, jedoch dermassen zärtlich gemacht: dass wir beiderseits in Tränen zu zerfliessen vermeinten, doch da es nicht anders sein wolte, schwuren wir einander nochmahls ewig feste Treue und schieden von einander.

Noch selbigen Abend setzte ich einen Brieff an den Herrn von V** auf, ihm mein Vorhaben zu eröffnen und zugleich schrifftl. Abschied zu nehmen, weil ich von dessen Güte dermassen überhäufft worden, dass mich schämen muste, wiederum vor seine Augen zu kommen, biss ich eine würckliche Ober-Officiers Bedienung erhalten. Von meinem jungen Cavalier nahm ich gleichfalls recht zärtlichen Abschied, empfieng von ihm über meinen versprochenen Verdienst, noch ein schönes rotes Reise-Kleid, nebst 30. Lüneburgischen Gulden, reisete also mit meinen Bedienten, dem ich mittlerweile gut lesen, schreiben und rechnen lernen lassen, wohl gespickt und höchst vergnügt die Straffe nach Pohlen zu.

Durch Sachsen und Schlesien war gut reisen, allein so bald ich auf den Pohlnischen Boden kam, wurde in einer Stadt von etlichen Luteranern gewarnet, wohl achtung zu haben, weil es Kunst kosten würde: bei dermahligen Troublen mich biss in die Sächsische Armeé durch zu practiciren. Allein ich muste mehr Glücke als Verstand haben, denn medio Aprilis, gelangete ich ohne einige gehabte Verdriesslichkeit, glücklich bei der Sächsischen Infanterie an, engagirte mich anfänglich bei einem Regimente als Voluntair, bekam aber, ehe 2. monat vergingen, einen erledigten Fahndrichs Platz, und zwar ohne grosse Kosten, sondern mehrenteils aus besonderer Gnade eines genereulen Obristen, der noch dazu meinen Schwedischen tyrannischen Obristen sehr speciell gekennet hatte, welcher letztere, wie damahls erstlich erfuhr, bei Pultawa in der Schlacht von den Moscovitern massacriret worden.

Plus ultra, war von nun an mein ernstliches Symbolum, deswegen suchte meinem charakter, durch möglichste accuratessè, in allen Stücken behörige Satisfaction zu geben. Immittelst war mir von Grund des Hertzens leid, dass ich nicht ein oder andertalb Jahr früher unter die Sachsen gegangen, denn die delicatesten Expeditiones waren mehrenteils vorbei, und passireten dermahlen nur allerhand kleine Scharmützels, wobei sich dennoch einige gelegenheit dargab meine Courage zu zeigen. Es würde hoffentlich die Erzehlung derselben nicht so verdriesslich als langweilig fallen, deswegen will diese Materie biss auf eine andere Zeit versparen, und voritzo nur berichten: dass, nachdem der Friede zwischen beiden streitenden Parteien am 1. Febr. anno 1717. in Warschau ratificirt worden, ich unter den Königl. Trouppen ebenfalls mit zurück und mein Quartier in Sachsen beziehen muste