gezogenen Jungfern anfinden wolten. Zu bejammern war es, dass meine Gross-Eltern nicht in stärckern Mitteln gesessen, sondern im hohen Alter vor ihrem Ende fast alles zugesetzt, so dass meines Vaters beide Schwestern nach Abzug der Begräbniss-Kosten, kaum 100. Tlr. wert an Meublen ererbt hatten. Mein Vetter der Secretarius war so redlich, dass er ohne mein geringstes Suchen, augenblicklich vor billig erkandte, was massen der dritte teil der Verlassenschafft mir zugehöre, deswegen erbötig, mir denselben, vor sich und seines Schwagers Töchter, über welche er Curator war, auszuliefern, allein solche Redlichkeit afficirte mich dermassen, dass ich nicht nur alles deprecirte, sondern über dieses, meine Vettern und Muhmen, mit ein und andern artigen Sachen beschenckte.
Es begab sich aber dieser mein Vetter, nachdem er vermerckt, wie meine Absichten zukünfftiger LebensArt eintzig und allein auf eine Militair-Bedienung gerichtet wären, alle Mühe, mich hiervon abzuziehen, und zu einem ruhigern stand zu persuadiren, allein vors erste wuste er nicht, dass mich eine besondere liebes-Intrigue dazu antriebe, und vors andere wurde alle seine Vorsorge, mich bei dem Fürstl. hof zu engagiren, durch einen Widersacher zernichtet. Selbiger war ein Mensch von erbärmlicher Conduite, seiner Einbildung nach aber, ein anderer Richelieu oder Mazarini. Er hatte etwas, wiewohl nichts sonderliches fundamentelles in der Matesi getan, konte jedoch ein und andere Risse aus diesem und jenen Kupfferstiche zusammen klauben, ziemlich sauber aufs Pappier bringen, und selbige hernach mit hochtrabenden Gebärden, vor seine eigene sonderbare Invention ausgeben. Er glaubte: dass er sonderlich glücklich sei, von allen Dingen, die nur aufs Tapet kommen könnten, ein ausserordentlich geschickliches Judicium zu fällen, und davon noch vortrefflichere Specimina abzulegen, es kamen aber selbige zuweilen nicht allein sehr unglücklich, sondern offtermahls gar absurd heraus. Jedoch hätte seine Teorie in ein und andern Stücken endlich noch so hingehen mögen, allein in der Praxi hatte er sich bereits zu verschiedenen mahlen verlachungs-würdige Prostitution zugezogen, so dass ein vornehmer und grund-gelehrter Mann, ein solches Judicium von ihm gefället: dieser Künstler versuchte auf des Fürsten Unkosten und mit dessen nicht geringen Schaden erstlich hinter die rechten Sprünge zu kommen; welches deñ in der Tat und Wahrheit mehr als zu gewiss eintreffen mochte. Nechst dem war dieser Mensch der Philautie oder Eigenliebe im höchsten Grad ergeben, indem nun aus selbiger gemeiniglich ein enormer Hochmut, und aus diesen wiederum, nicht selten eine Charlatanerie zu entstehen pflegt, so konte man an diesem Subjecto eins wie das andere nur gar zu deutlich mercken, denn wie mein Vetter sagte, so wisse er mit seinen blonden Haaren nicht sattsam zu haseliren, bald trüge er dieselben Krause, bald schlecht, bald steckte er alle mit einander in einen mit gläntzenden schmeltzbekleckten Sammet-Beutel, bald knüpffe er sie in 1. 2. oder 3. Knoten, bald liess er sie auf lächerliche und wunderliche Art in Zöpffe flechten, bald trüge er gar eine kohlpechschwartze Peruque, die er zuweilen sehr weiss, zu weilen auch in 4. Wochen gar nicht pouderte, endlich abermals wechselte, selbige wegwürffe, und sein blondes Haar wiederum zum Vorscheine kommen liesse. Anderer Grimacen, gezwungener Complimenten, affectirter Redens-Arten, Gebärden und Leibes-Stellungen nicht zu gedencken. kurz! dergleichen Wesen gab auch einem frembden annoch von ferne zu verstehen, dass eine starcke Sympatie zwischen ihm und denjenigen Creaturen sei, welche im Mertzen am meisten zu schertzen pflegen, ja man hat, ich glaube aber zum Schertz versichern wollen, dass er nicht nur beständig einen Zahn-Stocher von dergleichen Creatur, sondern so gar einen ganzen Laufft desselben im Schubsacke bei sich führte.
Diesem artigen Herrn nun mich adjungiren zu lassen: gab sich mein Vetter bei dem Fürsten die gröste Mühwaltung. Da man aber gewisser Ursachen wegen, ganz besondere consideration vor diesen allzuartigen Herrn bezeigte, und, damit er sich ja nicht etwa disjoustirt befinden möchte, erstlich gelegenheit abwarten wolte, ihm solches mit einer Manier bei zu bringen, vermutete ich, dass mir solchergestallt die Zeit etwas zu lang währen, auch da es endlich ja angehen sollte, keine gar zu gute Seide mit diesem, meinem Temperamente durchaus contrairen Menschen spinnen würde, liess mich also bereden, mit dem eintzigen Sohne eines vornehmen Ministers, noch einmal nach Halle zu gehen, und folgenden Herbst und Winter über noch recht fleissig zu studiren.
Es war dieses keine unebene Sache vor mich, denn ausser dem, dass ich vor die Privat-Information des jungen Cavaliers in allen defrayrt wurde, und noch über dieses wöchentlich einen Taler bekam, getrauete ich mir den Winter über mit meinem HandwercksZeuge, und zwar nur zum Feierabende, wenigstens 50. Tlr. zu verdienen, deswegen verkauffte meine zwei Pferde, den Bedienten aber weil er sehr getreu war, behielt ich bei mir, zumahl da ihm der junge Cavalier Logis und Kost ebenfalls frei gab, ich also nur dessen Liberei zu bezahlen hatte.
Mit meinem fräulein Charlotte hatte ich indessen, so offt als es nur möglich gewesen, Briefe gewechselt, und von den ihrigen einen so starcken Vorrat in Händen, dass ich fast zwei Stunden Zeit nehmen muste, wenn ich mir das gröste Vergnügen mit Durchlesung derselben machen wolte. So bald mich aber nur etwas weniges aufs neue in Halle eingerichtet hatte, trieb mich die hefftige Begierde, selbige wiedrum einmal zu sehen, dahin, dem Herrn von V** meine Aufwartung zu machen. Ich wurde seiner