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Säcken führte, erstlich noch einmal auf Halle zu, wo mein annoch daselbst befindliches Geräte und Bücher, einem redlichen Freunde in Verwahrung, selbigen auch zu Unterhaltung meiner Correspondenz mit Charlotten, hinlängliche Instruction gab, nachher meine Reise so hurtig als es meine zwei ziemlich tauerhafften Reit-Kläpper ausstehen konnten, über Leipzig und Prag nach Wien fortsetzte. Selbige Weltberühmte Stadt erreichte ich endlich, gleich am Sonntage Judica, also 14. Tage vor dem Oster-Feste, hieselbst kostete es nun nicht wenig Mühe, das Geschlechte meiner Mutter auszuforschen, jedoch nach vielen vergeblich angewandten Kosten, traff ich endlich meine Gross-Mutter mütterlicher Seite, bei einer ihrer Töchter an, die an einen Zeugwärter bei der Käyserl. Artollerie verheiratet war, und mit selbigen 5. lebendige Kinder erzeuget hatte. So bald ich mich kund gegeben und alle ausgestandene Fatalitäten ausführlich erzehlet hatte: umarmete mich meine Grossmutter aufs allerliebreichste, und erkandte mich aus allen Umständen, sonderlich aber an den Gesichts-Zügen, und dem Muttermahle, welches ich am Halse unter dem Halsstuche auffzuweisen habe, vor den leiblichen Sohn ihrer ältesten Tochter. Hergegen wurde ihr, und mein eigenes Betrübniss ganz sonderbar erneuert, da keins von allen nur die geringste Nachricht zu geben wuste, wo meine Mutter mit der jüngsten Tochter müsse hingekommen sein.

Meine Grossmutter aber, hatte nebst dieser Tochter, bei welcher sie lebte añoch zwei andere an Käyserliche Officiers verheiratete Töchter, und einen Sohn, der unter der Käyserl. Infanterie als kapitän in Ungarn stunde. Nun erkandten mich zwar anfänglich alle 3. Muhmen, vor den Sohn ihrer ältesten Schwester, nachdem sie aber die Sache mit ihren Männern etwas reifflicher überlegt, und sich leichtlich die Rechnung gemacht, dass ich mein Mutterteil prætendiren würde, spieleten sie das Lied aus einem ganz andern Tone, zuckten die Achseln und gaben zu vernehmen, wie sie dennoch verschiedene trifftige Ursachen hätten zu zweiffeln: ob ich derjenige Vetter sei, vor welchen ich mich ausgäbe, man hätte sehr viele Exempel, dass die Leute von dergleichen listigen Landstreichern hintergangen worden, deswegen müste ich mich erstlich besser legitimiren, vor allen dingen aber die Römisch-Catolische Religion annehmen, so dann sollten mir nicht allein von jedweden, meiner Mutter Geschwister, 200. Käyser-Gulden baar Geld gezahlt, sondern auch über dieses vor mich gesorget werden, dass ich, durch Vorschub meines Vetters, in Ungarn etwa einen Ober-Officiers- oder Ingenieurs-Platz erhielte. Was war hierbei zu tun? mehrere Beweisstümer meines rechtmässiger weise führenden Geschlechts-Nahmens beizubringen, fiel mir unmöglich, der Evangelischen Religion abzuschweren, und die Römisch-Catolische, des zeitlichen schlechten Gewinsts wegen anzunehmen, schien bei GOtt und Menschen unverantwortlich, einen Process aber gegen meine dasigen Bluts-Freunde zu formiren, war ganz und gar nicht ratsam, sondern in Betrachtung meiner wenigen Mittel, allzu gefährlich. deswegen nahm ich meine einzige Zuflucht zur Gross-Mutter, und verhoffte: dieselbe sollte durch ihre Autorität meine Sachen auf guten Fuss setzen, allein selbige stunde selbst gar auf schwachen Füssen, denn die gute Alte war fast ein Spott ihrer bösen Kinder und Kindes Kinder, ihr Vermögen hatte sie biss auf wenige zurück behaltene Gold-Stücken und Jubelen, schon vor etlichen Jahren unter dieselben verteilet, muste also meistenteils deren Gnade leben, über dieses war sie sehr eiffrig Catolisch, und sagte mir ausdrücklich: wie sie mich ebenfalls nicht mit rechten guten Gewissen vor ihren Enckel erkennen und sich meiner annehmen könnte, so lange ich mich in meinen irrigen ketzerischen Glauben befände. Jedoch war sie endlich so mitleidig mir 30. Stück spec. dukaten, nebst einem ziemlich kostbarn Diamant-Ringe und silbernen Degen zu verehren, meldete mir anbei denjenigen Fürstl. Sächsischen Hof, wo meines Vaters leiblicher Vater, vor vielen Jahren in Diensten gestanden, riet mir anbei dahin zu reisen und zu versuchen, ob noch etwas von meinem väterlichen Erbteile zu erhalten sei, mittlerweile hätte auch Zeit und gelegenheit zu überlegen, ob ich den Vorschlägen meiner mütterlichen Anverwandten Folge leisten, und mir ihr Anerbieten zu Nutz machen wolte, solchergestallt ich denn mit ehesten zurück kommen und sie allerseits gedoppelt erfreuen könnte. Ich war von herzen, doch nicht halb so sehr über das empfangene Geschencke erfreuet, als da ich nunmehr die GeburtsStadt meines Vaters ausgekundschafft hatte, versprach zwar alles wohl zu erwegen, reisete aber unter dem Vorsatze fort, mit Göttlichen Beistande mein anderweitiges Glück zu suchen, und dergleichen falschund halssstarrig gesinneten Bluts-Freunden nimmermehr wiederum vor die Augen zu kommen, noch vielweniger sie um einige Bei-Steuer anzusprechen, weil mich lieber zeitlicher weise von ihnen verlassen, als geistlicher weise ins Verderben gestürtzt wissen wolte.

Also trat ich in der angenehmsten Sommers-Zeit meine Rück-Reisen an, und erreichte wenig Tage nach Johannis-Feste, meines seel. Vaters GeburtsStadt, jedoch in selbiger war mein GeschlechtsNahme, vor wenig Jahren, mit dem Gross-Vater gänzlich ausgestorben, ingleichen meines Vaters älteste Schwester nebst ihrem Ehe-mann, mit hinterlassung dreier Töchter verschieden, die andere aber lebte annoch mit einem Fürstlichen Secretario, in sehr vergnügter Ehe, und hatte zwei erwachsene Töchter, auch so viel Söhne, die etwa 12. biss 15. Jahr alt waren. Diese Leute konnten sich zwar wohl ihrem stand gemäss aufführen, hatten aber allem Ansehen, und ihrem eigenen Geständnisse nach, wenig übrig, wie sich denn auch vermutlich dieser Ursachen wegen, keine anständige Freier vor die sonst ziemlich fein aussehenden, und desto besser