genauste verabredet worden, war ich so höfflich Charlottens Nacht-Ruhe nicht gänzlich zu verderben, sondern begab mich um 2. Uhr zurück in mein Apartement.
Folgendes Tages stellte sich Ferdinand versprochener massen sehr zeitig ein, erhielt von mir die tröstliche Nachricht, dass seine Sachen bei Charlotten ein ziemlich gutes Ansehen gewonnen, und ob sie gleich verredet hätte, zeit Lebens keine liebes-Briefe an eine Manns-person zu schreiben, so würde er doch in ihren Reden, Minen und fernern Umgange, solche Vorteile vor seine Liebe finden, dass er sich meines Vorspruchs bedient zu haben, nicht dürfte gereuen lassen. Allem Ansehen nach, fand er sich dieserwegen unbetrogen, denn Charlotte wuste ihm dergestallt politisch zu begegnen, dass er mit ihrer vermeintlich aufkäumenden verliebten Aufführung vollkommen zufrieden war. Sie muste recht gezwungener weise, ein kostbares Præsent von ihm annehmen, welches am Werte bei nahe 100. dukaten betraff, hergegen liess sie sich durchaus nicht bereden, den Vortrag eines baldigen Verlöbnisses, und kurz darauff anzustellender Hochzeit anzunehmen, indem sie nebst andern erheblichen Ursachen, vornehmlich diese anführete: dass sie ihn wenigstens erstlich Jahr und Tag, wegen seiner Treue auf der probe halten müsse. Ihren Bruder hatte er durch Geschencke und andere Gefälligkeiten, nach und nach dermassen eingenommen: dass es schiene, als ob sie ein Hertz und eine Seele wären, wie denn auch dieser August, mehr bei ihm als bei uns war, und unfehlbar sein natürliches Geschlechte, bei Ferdinands Köchinnen und Mägden vermehrete. Im Gegenteil wurde meine Copulations-Rats-Charge gänzlich cassirt, weil Ferdinand seiner Meinung nach, keinen ferneren Vorsprecher mehr bedürffe, doch bekam ich zum höfflichen Abschiede noch 12. Stück spec. dukaten, welche vielleicht das Æquivalent des gebräuchlichen Kuppel-Peltzes sein sollte.
Immittelst kamen Charlotte und ich, fast alle Nacht an dem vorerwehnten Orte zusammen, denn unsere brennende liebes-Hitze, konte der damahligen kälte des Winters, noch ziemlichen widerstand tun, doch mussten wir uns sehr genau in acht nehmen, dass die, durch offt wiederholtes Küssen befeuchte Lippen, nicht etwa ihr zartes Häutlein an den unbarmhertzigen eisernen Stäben hängen liessen, welches ich nur ein eintziges mahl mit ziemlicher Empfindlichkeit gewahr wurde, allein die hefftige Liebe verschmertzte alles, in Betrachtung dass man vor dergleichen Delicasse auch etwas ausstehen müsse.
Ich wuste inzwischen nicht zu begreiffen, warum der Herr von V** seine Söhne so lange von der Universität zurücke hielt, da doch selbige selbst täglich wiederum nach Halle zu kommen wünschten. Ich, der ich mich täglich in der Matematique mit ihnen exercirte, wurde biss dato noch von allen lieb und wert gehalten, doch an allerliebsten von meiner englischen Charlotte; Inzwischen gingen wir beide vor andern Leuten dermassen unpassionirt mit einander um, dass auch die Allerklügsten nichts weniger, als eine würckliche liebes-Verbindung von uns præsumiren konnten, ungeachtet Charlotte den von mir empfangenen Diamantenen Verlöbniss-Ring, täglich an ihren Finger trug, worgegen sie mir einen kostbaren PerschafftRing verfertigen, und verblümter weise den mehresten teil von ihren Stamm-Wapen, wiewohl nach eigener Invention etwas verändert, hinein setzen lassen.
Solcher gestallt verfloss die Helffte des strengen Winters, deswegen hielt ich mit meiner Geliebten geheimbden Rat, worin endlich das, auf beiden Seiten schmertzlich fallende Urteil gesprochen wurde: dass ich um Fast-Nachten, meine Reise nach Wien antreten, und dieser wegen von meinen Patrons beglaubte Attestate, Reise-Pæsse und Recommendations-Schreiben auswürcken sollte. Ich observirte also eines Tages die gute gelegenheit, meinem Principalen vorzustellen: Wie nunmehr, da ich durch seine unverdiente gnädige Hülffe in solchen Stand gesetzt worden: mein Brod in zukunfft selbst zu verdienen; es mir zur Sünde und Schande gereichen würde, wenn ich dessen Gnade ferner missbrauchen, und nicht allein hier auf der Bären-Haut liegen und die guten Tage zählen, sondern auch um mein ferneres Aus- und Einkommen unbekümmert sein wolte. weswegen ich um gnädige erlaubnis bäte, in meinen eigenen Standesund Etaats-Affairen eine Reise nach Wien anzutreten, wobei mir sonderlich durch dessen gnädige Vorschrifft und selbst eigene Recommendation ein sicheres Conto zu finden getrauete.
Der gute alte Herr wandte zwar viel darwieder ein, schlug mir auch vor: von Ostern an, noch ein Jahr oder wohl länger bei seinen Söhnen auf der Universität zu bleiben, mittlerweile er auf allerhand Mittel bedacht sein wolle, mich nach meinen Meriten behörig zu versorgen; Allein die Liebe, ach die hefftige Liebe zu fräulein Charlotten, stack mir einmal im Kopffe, und machte mich dermassen beredsam, dass ich dadurch endlich meinen Zweck erreichte, und 2. Tage nach Fass-Nachten 1715. mit 100. Tlr. Geld und einem propren Kleide von ihm abgefertiget wurde.
Nichts auf der Welt kam meinem herzen empfindlicher vor, als das klägliche Scheiden, ich wandte alle meine Beredsamkeit und beweglichsten Caressen an mein fräulein Charlotte, dahin zu bewegen: mir in der letzten Nacht einen geheimen Zutritt in ihren Schlaf-Gemache zu erlauben, beteurete auch bei allen dem was heilig gehalten wird, weder mit Worten, Gebärden oder Wercken nicht das geringste wieder ihre Ehre und Tugend zu tentiren, allein dieselbe war in diesem Stücke ein wenig allzu strenge, also muste nur vergnügt sein, dass meine AbschiedsKüsse, in grimmiger Kälte, durch das unbarmhertzige eiserne Gatter nehmen durffte.
Demnach nahm meinen Weg, nebst einen zu meiner Bedienung angenommenen Reit-Knechte, der meine Reise-Sachen hinter sich auf dem Pferde in zwei, stark angefüllten, Mantel-