muss sich fein ein jederman
Das, was ihm gleicht, zur Lust erwehlen.
Mir ist die Geilheit ärgerlich,
Wer diese liebt
Und täglich übt:
Der packe sich.
2.
Ich soll und muss doch eben nicht
Des Standes wegen Eckel freien,
Denn weil der Himmel selber spricht:
Man soll sich vor den Lastern scheuen;
Und beuge vor,
Wenn sich ein Tor
In mich vergafft.
3.
Erlang ich nicht was mich charmirt,
So bleibt die Freiheit mein Vergnügen,
Wer keinen keuschen Wandel führt,
Wird nimmermehr mein Hertz besiegen,
Und dennoch bleib ich immer froh.
Wer mich verdenckt
Sei ungekränckt,
Ich bin nun so.
Gleich unter Lesung dieser auffrichtigen Zeilen wurde mein Hertze dergestallt mit heisser Liebe erfüllet, dass ich vor Freuden ja recht innerlichen Vergnügen gleichsam in einer Entzückung sitzen blieb. Denn kurz von der Sache zu reden, was konte wohl deutlicher sein, als dass mir Charlotte den Schlüssel zu ihren herzen zeigte, und sich nach einem kühn gewagten Anfalle auf Discretion zu ergeben Mine machte. Läugnen kan ich zwar im geringsten nicht, dass ich dieses artige fräulein noch als ein Kind, von dem ersten Tage unserer Bekandschafft an, vor andern recht hertzlich, doch heimlich geliebt, allein diese Liebe war, in Betrachtung meines Zustandes, mit so viel Respect und Hochachtung begleitet, dass mir niemals in die gedanken kam, von ihr einige GegenLiebe zu verlangen. nunmehr aber wurde, besagter massen, dergestallt aus mir selbst, und in die Betrachtung aller ihrer Annehmlichkeiten versetzt, dass ich auch die Mittägige Speise-Glocke darüber verhörete, und erstlich abgerufft werden muste. Charlotte und ich konnten, bei der Tafel, einander ohne merckliche Gemüts-Bewegungen, nicht lange ansehen, deswegen passireten lauter verstohlene Blicke: biss ich endlich die gelegenheit beobachtete, gegen Abend im spatzieren gehen, das ganze Gehemniss von der mit Ferdinando gemachten Kundschafft zu offenbahren, dieserwegen um Verzeihung zu bitten, ihr meinen künfftigen gehorsamsten Respect zu versichern, und endlich mit diesen Worten zu schliessen: Es liegt mir aber, Gnädiges fräulein, noch ein eintziger Punct auf dem herzen, den ich jedoch seiner Wichtigkeit wegen unmöglich offenbaren kan, so lange ich zu befürchten habe, dass uns etwa jemand von ferne observiren möchte, über dieses erfodert meine Blödigkeit eine bequemere Zeit und gelegenheit des Orts: ein vor alle mahl etwas zu sagen, welches mein Gnädiges fräulein vielleicht nicht erraten wird. Das muss was besonderes sein, versetzte Charlotte hierauff, allein mein Freund! euer Wesen kommt mir heute in allen Stücken, ohne dem ganz anders vor als sonsten, deswegen wäre um so viel desto curieuser, solches Anbringen zu vernehmen, jedoch ich wüste mich auf keine euch beliebige gelegenheit ohne Verletzung meiner Ehre, zu besinnen, seid ihr in diesem Stücke ingenieuser als ich, so meldet es, aber, voraus gesagt, ohne Verdacht und Nachteil meiner Renommée, sonsten will mir viellieber alle Curiositée auf einmal vergehen lassen. Behüte der Himmel, gnädiges fräulein, war meine Gegenrede, dass ich Ursache sein sollte nur den geringsten Schein des Verdachts wieder Dero unvergleichliche Tugend zu stiften, jedoch wo mir erlaubt ist, eine gelegenheit vorzuschlagen, so wird sich eines von Dero Cammer-Fenstern, welches in den Baum-Garten stösset, am besten dazu schicke, es ist ja selbiges nicht gar hoch, mit festen eisernen Stäben verwahret, und in einem solchen Winckel befindlich, wo ich auf einer kleinen Leiter biss dahin gelangen und aufs geheimste mit ihnen sprechen kan, daferne nur mein gnädiges fräulein eine gewisse Stunde bestimmen will, wenn ich die Freiheit nehmen darff, mich zu näheren.
Charlotte schüttelte den Kopff hierzu, besonn sich eine lange Zeit, endlich aber verwilligte sie: dass ich künfftige Nacht, wenn der weisse Vorhang heraus hienge, um 11. Uhr vor diesem Auditorio erscheinen dürffte, ausser diesem Zeichen aber durchaus nicht. So bald demnach andere Leute zu Bette waren, schlich ich mich ganz heimlich in den Garten, bauete mein Cateder auf, und fassete endlich das Hertze, Charlotten, so bald sie sich am auffgemachten Fenster præsentirte, durch die engen eisernen Stäbe meine liebes-Declaration zu tun.
Es ist unnötig den Innhalt derselben voritzo weitläufftig anzuführen, denn wer nur ein eintzig mahl verliebt gewesen, wird sich gar leichtlich einbilden können: was man bei dergleichen zeiten und Gelegenheiten vor Fleiss anwendet, seinen Vortrag auf recht hertzbrechende Art einzurichten. kurz, Charlotte und ich, wurden des Handels binnen zwei Stunden vollkommen einig, verwechselten unsere herzen, schwuren einander ewige Treue, und verabredeten: dass ich erstlich nach Wien reisen, und aus kundschaffen sollte, ob noch etwas von meinem Väterlichen oder Mütterlichen Erbteile zu erhalten sei, da denn hernach etwas Geld an eine sichere Officiers-Charge spendiren, und meine Geliebte öffentlich zur Ehe begehren könnte. Doch dieses war an uns beiden eben nicht zu loben: dass wir uns beredeten Ferdinanden so lange bei der Nase herum zu führen, biss ich von Wien glücklich wiederum zurück gekommen wäre.
Ich hatte damahls zum allerersten mahle das Vergnügen diejenigen Süssigkeiten, sehr offt wiederholt zu kosten, welche sich eine Manns-person von den recht purpur farbenen Lippen eines ungemein schönen Frauenzimmers würcklich zu geniessen, einbilden und wünschen kan; deñ die, zwar sehr engen eisernen Gitter, waren dennoch so raisonable beschaffen: mir diese Ergötzlichkeit auf den Lippen und zarten Händen meiner Geliebten, wiewohl sehr gezwungen zu erlauben. Nachdem aber alles, was uns bei dieser ersten geheimen Zusammenkunfft eingefallen, aufs