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ganz erbärmlich lautende Noten über den jämmerlichen Text setzen. So bald dieses geschehen, lieffen wir mit ein ander eine halbe Meilwegs fort ins Holtz, wo ich dem lichter-loh brennenden Venus-Bruder, die Melodei etliche hundertmahl vorsingen muste, ehe er dieselbe auswendig lernen und sich getrauen konte, selbige en faveur der dunckeln Nacht, unter Charlottens Fenster abzusingen. Wir kamen Abends nicht zu Tische, sondern truncken uns in einer nah gelegenen Schencke erstlich einen halben Rausch, um desto mehrere Caurage zu kriegen, unsere Abend-Musique ohne Pudelei abzulegen. So bald es aber völlig Nacht worden, schlichen wir uns, ohne Licht, ganz sachte auf meine stube, von dar ich meine, bei Tage schon zu recht gestimmte Laute abholete, und mich mit dem, von dem Cupido jämmerlich gepeitschten gefährten, zwischen etliche, noch ziemlich belaubte Hasel-NussSträucher verfügte, die Charlottens Schlaf-Cammer gerade gegen über gewachsen waren. Ich hatte kaum angefangen auf der Laute ein wenig zu præludiren, da dieselbe das Fenster hurtig eröffnete und sich in ihren Nacht-Habite persönlich præsentirte. Der erhitzte Wechselbalg der Liebe, Ferdinand, gab mir dergleichen vortrefflichen Aspect, als ein glückliches Omen, seines hoffentlichen Vergnügens, mit einem höchst empfindlichen Rippen-Stosse zur fernern Uberlegung. Da aber ich solchergestallt, um frischen Otem zu schöpffen, etwas inne halten muste, vermeinete er, es sei nunmehr Zeit den Text anzufangen, erhub also seine Hoch-Adeliche stimme, auf eine dergestallt affectuese Art, dass es kein Wunder gewesen, wenn sich die ganze Esels-Zunfft, Europäischer Nation gratuliret hätte, ihn als einen Virtuosen in ihre Capelle auf- und anzunehmen. Ich konte seinen Ton auf keinerlei Weise finden, und weil er so wohl den Text als die Melodei vergessen oder versoffen hatte, fingen wir die zwei ersten Zeilen der Arie wohl 6. mahl da Capo an, biss uns endlich Charlottens überlauts Gelächter, eine Pause von etlichen Tacten auferlegte. Allein hiermit entfiel dem sterblich verliebten Ferdinando, zusamt der stimme, auf einmal alle Coura ge; wolte aber ich nicht in der Schande stecken bleiben, so muste, nach einem abermahligen kurtzen Præludio die ganze Arie selbsten absingen, worauff Charlotte zum Zeichen ihres Vergnügens in die hände klatschte, und in Frantzösischer Sprache, welche Ferdinand nicht verstund, folgende Worte sprach: Cela m'a donné à ce soir un double contentement. Dormez bien: auf Teutsch: Ich bin diesen Abend auf gedoppelte Art ergötzt worden, ruhet wohl!

Er fragte mich, so bald sie hierauff ihr Fenster zugeschlagen, was sie gesprochen? ich merckte aber den Braten einigermassen, und gab vor: Sie hätte sich bedanckt, und uns eine geruhige Nacht gewünscht. Demnach hieng sein liebes-Himmel überall voller Geigen, er drückte mir auf der Stelle 2. spec. dukaten in die Hand, und weiln seine Geschäffte durchaus nicht erlauben wolten, diese Nacht ausser seinem haus zu schlaffen, liess er sich in aller Stille sein Pferd bringen, und ritte darvon, mit dem Versprechen: über morgen Mittags, ganz gewiss wiederum bei uns zu sein, da ich ihm denn die vermutliche Antwort des Fräuleins einhändigen und erklären sollte.

Ich versprach seine liebes-Affairen bestens zu beobachten, legte mich hernach aufs Ohr, stunde aber gewöhnlicher weise sehr früh auf, und divertirte mich auf dem, im Garten befindlichen Vogel Heerde, wo mir durch eine, Charlotten sehr getreue Magd, nachfolgende Zeilen eingehändiget wurden, die ich also notwendiger weise ebenfalls ablesen muss:

Monsieur

Verstellet eure Hand wie ihr wollet, seid aber versichert, dass Charlotte dieselbe unter tausenden, dennoch erkennen wird. Allein saget mir, warum ihr so verräterisch handeln, und auf die Seite meiner Feinde Wissens, lauter Redlichkeit und unsträfliche Liebe gegen eure person bezeuget habe, und wenn ich offenhertzig schreiben soll, biss dato, noch mehrern Estim vor euch hege, als vor alle andere, mir zur Zeit bekandte Manns-Personen. Betrachtet demnach selbst, ob es mir nicht schmertzlich fällt, mich von einem eingebildeten auffrichtigen Freunde, unverschuldeter weise hintergangen zu sehen: Jedoch seid ihr vielleicht verführet, und etwas unschuldiger als ich noch zur Zeit glauben kan, so ist es vergönnet, euch gegen Abend im Lust-Garten bei ersehener gelegenheit, und ohne Beisein anderer zu entschuldigen. Immittelst gebet dem abgeschmackten Ferdinand nur dieses zur Antwort: dass ich endlich noch die ganze Schrifft als einen angenehmen Schertz aufgenommen hätte, daferne nur an statt seines, mir biss in den tot verhassten Nahmens, die zwei Buchstaben F.L. gestanden hätten. Saget ihm nur franchement, dass mein fester Schluss sei: Ehe einen ehrbaren Bürger, als dergleichen Edelmann, wie er ist, zu heiraten. Der Adeliche Stand ist mir ein Greuel, daferne derselbe nicht die Helm-Decken der Tugend und Geschicklichkeit im Wapen, und zugleich im ganzen Wesen auffzuzeigen hat, hergegen ist eine, mit diesen beiden Stücken gezierte Civil-person, in meinen Augen des vortrefflichsten Adels würdig, ja noch weit höher geschätzt. Uberlegt selbst was ich hiemit gesagt haben will, erweiset mir hierauff die gefälligkeit, diesen Brieff zu verbrennen, damit er sonsten nicht etwa in verdächtige hände falle, und glaubet, dass auch in zukunfft, ohne mutwillig gegebene ursache, und zugefügte Beleidigung euch niemals hassen wird

Charlotte R. von M.

Hierbei lagen folgende Verse:

Arie.

1.

Wen ich durchaus nicht lieben kan,

Der suche mich nur nicht zu quälen,

Es