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meiner Compagnons, ein und andere vergnügte Veränderung, so wohl in der Stadt, als auswärtig zu machen, allein es war dennoch mein allergröstes Plaisir, auf der stube in meiner Einsamkeit zu sitzen, und mit den matematischen Instrumenten zu arbeiten, wiewohl ich auch die Stunden auf der Reit-Bahn, Tantz- und Fechtboden selten versäumte, mitin in dergleichen Exercitiis vor andern einigen Vorteil erlangete. kurz ich studirte immer auf einen General-Lieutenant loss, weil es mir an Courage, mein Glück unter der Soldatesque zu suchen, gar nicht fehlete, über dieses ein und andere falsche Vor-Urteile in meinem Gehirne schwermeten; dass ich mich weit geschwinder mit dem Degen in der Faust, als Feder hinter dem Ohre zu Ehren schwingen könnte, zumahln wenn ich etwas rechts in der Architectura militari getan hätte. Mittlerweile lieffen 3. Universitäts-Jahre geschwinder hin als ich vermutet. Binnen selbiger Zeit war ich mit meinen Junckers nur ein eintziges mahl zu haus gewesen. Ich sage mit allem Fleiss, zu haus, weil mich meine Wohltäter noch biss auf denselben Tag, als ein leibliches Kind hielten. Um Michaelis 1714. gingen wir abermals dahin, die angenehme HerbstZeit daselbst zu passiren und weil die galanten Fräuleins meines Principals, ingleichen die ungemein wohlgebildete Charlotte, eine ziemliche Anzahl junger Cavalier dahin zogen, war antäglich vergnügten Veränderungen und Lustbarkeiten nicht der allergeringste Mangel zu spüren. Jedoch nachdem ich überlegt, dass es meine Schuldigkeit sei, den verwittbeten Gemahl meiner ersten Wohltäterin, die gehorsamste Aufwartung zu machen, bat ich mir dieserwegen bei dem itzigen Versorger ein Pferd aus, und ritte zum ersten mahle die Strasse zurück, auf welcher mich vor etlichen Jahren ein Bauer-Wagen in schmerzlichen Zustande, meinem Glücke entgegen geführt hatte: Der alte rechtschaffene von Adel empfieng mich so wohl, als der eine zu haus lebende Herr Sohn ungemein freundlich und complaisant, man tractirte mich unverdienter weise würcklich als einen Cavalier, und wolte mir glaubend machen: ich hätte ein solches gutes Ansehen und Geschicklichkeit erworben, dass ich nunmehr im stand sei, in zukunfft ohne andere Recommendation mein Glücke selbst zu befördern, und allen Wiederwärtigkeiten Trotz zu bieten. Nachdem ich aber dem jüngern Herrn etliche wohlgemachte Zeichnungen von Landschafften, Städten, Fortificationen und dergleichen gezeiget, und bei vermerckung seiner Begierde, selbige mir abzuhandeln, ihm ein angenehmes Præsent damit gemacht hatte, überkam ich nicht allein sofort die von seiner verstorbenen Mutter, mir vermachten 200. Tlr. baar bezahlt, sondern von ihm 2. vortreffliche, fast noch ganz neue Kleider, wovon das eine stark mit Golde bordirt war. Der alte von Adel aber beschenckte mich, vor das ihm gemachte Præsent, welches in allerhand Arten geschliffener vergrösserungs Gläser, curiösen Sonnen-Uhren und dergleichen Plunder bestund mit 50. spec. dukaten, also konte nach etlichen Tagen in einer, seiner Carossen, sehr vergnügt wiederum zu meinen Compagnons reisen.

Diesen zeigte ich mich nun, wenig Tage hernach, in meinen wohl aptirten neuen staates-Kleidern, und bekräfftigte dadurch das alte Sprichwort: Kleider machen Leute. Hiernächst inspirirte mir meine Gold-Bourse einen solchen unverzagten Mut, dass ich fest glaubte, es könne einem mit so vielen GlücksGütern überhäufften Avanturieur unmöglich etwas in der Welt fehl schlagen. Allein bei wir traff solchergestallt auch ein, was geschrieben siehet: Des Menschen Feinde sind seine eigene Haussgenossen, worunter unfehlbar die törichten Affecten eines Menschen zu verstehen sind. Denn ich hatte zwar bisshero, ungeachtet der, um diese Jahre sonst meistenteils schwermenden Jugend, meine Affecten ziemlicher massen moderiren können, doch unverhofft fing sich ein ganz besonderer Affect an zu regen, und mich plötzlich dergestallt zu übermeistern, dass ich denselben, weder mit dem Zaume der Klugheit, noch mit dem Gebisse der Renommeé, zu regieren vermögend war. kurz zu sagen: Ich wurde verliebt gemacht, und zwar von dem ausbündig schönen fräulein Charlotte, wiewohl nicht vorsetzlicher und freventlicher weise, sondern vermittelst folgender Umstände: Wir wurden fast täglich von einem benachbarten Land-Juncker besucht, welcher Charlottens Gewogenheit zu erwerben, sich die gröste Mühe gab. Dieser war sonsten ein Mensch von ziemlich guten Ansehen und Eigenschafften, hatte auch zu seinem stand hinlängliche Einkünffte, jedoch schon verschiedene mahl das Malheur gehabt: seine Ausgeberinnen, Köchinnen, und so gar die Vieh-Mägde, in den Stand der Ammen zu versetzen, wie ihm denn nur noch vor weniger Zeit eine Vieh-Magd, die er ungeachtet ihres stark geschwollenen Leibs, von sich geprügelt, zur Revange auf einmal ein paar Zwillinge vor der Tür præsentiret hatte. Nun waren zwar nachher alle diese Händel mit Gelde geschlichtet und abgetan, dem ungeachtet machten ihm selbige aller Orten, wo dieser Herr Ferdinand von H. ** seinen Haaken ehelicher Liebe einzuschlagen suchte, die allergröste Verhinderung. Bei Charlotten hergegen vermeinete er doch am allerersten anzukommen, weil selbige ein zwar schönes, darbei aber sehr armes fräulein ware, die wohl kaum 500. Tlr. im Vermögen hatte.

Eines Tages wurde er so treuhertzig gegen mich, mir sein ganzes geheimnis, bei gelegenheit eines einsamen Spatzier-Ganges zu offenbaren, und meine person also unverschuldeter Weise zu seinem LiebesVertrauten zu machen, auch sich meinen Vorspruch bei Charlotten auszubitten; indem er glaubte, dass ich nicht allein bei derselben, sondern auch des Principals Herrn von V**. fräulein Töchtern in sehr guten Credite stünde, und zwar darum weil wir vor der Zeit mit einander in die Schule gegangen wären. Anfänglich machte mir zwar ein starckes Bedencken den charakter