mitgebrachten Briefe sehr liebreich auf- und annahm, den Uberbringer aber folgenden Tages mit behörigen Antworts-Schreiben wiederum zurück fertigte. Ich wurde in Wahrheit nicht als ein armer verlauffener Junge, sondern so gut als ein Adeliches Kind gehalten, ein jeder, so meine erlittenen Fatalitäten anhörete, warff eine, mit vielen Mitleiden vermischte Liebe auf mich, und weil das ausgestandene Creutz mir eine ganz besonders sittsame und submisse Lebens-Art hinterlassen, wurde ich bei jederman nach und nach immer mehr beliebt. Es hatte dieser Edelmann 3. Söhne, von welchen der älteste 16, der jüngste aber wie ich, in seinem 12ten Jahre war, hiernächst 2. Töchter, davon die älteste ins 10te und die jüngste ins 8te Jahr ging. Ausserdem waren noch zwei Vater- und Mutter- lose Adeliche Kinder bei ihnen, nämlich ein Juncker von 13. und ein fräulein von 11. Jahren, welche letztere den Nahmen Charlotte führte. Ein ungemein wohl-qualificirter Informator hatte also seine volle Arbeit uns 8. Kinder in stetigem Fleisse und guter Zucht zu erhalten, doch weil er ein sehr aufgeweckter Kopff war, der seinen Untergebenen alles spielende beizubringen, über dieses die rechten Mittel zu gebrauchen wuste, uns in beständiger Furcht und Liebe zu erhalten, hatten unsere Studia auf allen Seiten einen recht erwünschten Fortgang, weswegen sich der Adel. Principal nebst seiner Gemahlin so wohl über die Aufführung des Lehrers, als der Lernenden recht ungemein vergnügt bezeigten.
Wenige Wochen aber nach dem Abzuge der Schweden aus Sachsen, kam meine vorherige Wohltäterin mit ihrem Ehe-Herrn dahin gereiset, um ihren Befreundten eine Visite zu geben, und zugleich mich, mit Sack u. Pack zurück zunehmē, allein meine itzigen Versorger, sonderlich aber das umständige Anhalten meiner Schul- und Spiel-Gesellschafft, und dann die starcke Vorbitte, des mir sehr gewogenen Informatoris, brachten es endlich so weit, dass ich noch auf eine Zeitlang Erlaubnis erhielt, zu bleiben wo ich war, wobei zugleich von der Gütigkeit meiner ersten gönner 20. Tlr. zu Kleidung, Wäsche und Büchern erhielt, ungeachtet mein itziger, Patron sich erkläret, alles benötigte selbst herzugeben, und solches nur darum, weil seine beiden jüngsten Söhne durch mein Exempel angefrischet wurden, dem ältesten Bruder, der ungemeine Lust zum Studiren erwiese, auf dem fuss nachzufolgen.
Beiläuffig muss ich mit erwehnen, dass selbigesmahl die Nachricht erhielt: wie mein Obrister, wenig Tage nach meinem Hinwegsein, und nachdem er meine Erzehlung von seinem Hospite, und dessen Gemahlin, aufrichtiger und wahrhaffter vernommen, sich des mir zugefügten übeln Tractaments habe gereuen und verlauten lassen: er wolle demjenigen 10. spec. dukaten geben, welcher Nachricht von mir bringen und mich ihm wieder schaffen könne, allein die redlichen von Adel, hatten dennoch dem Land-Frieden nicht trauen wollen, sondern alle. Vorsicht gebraucht, meinen Auffentalt verschwiegen zu halten, da auch kurz hernach die Rede gegangen, es sei jenseit des Elb-Stroms ein ersoffener Knabe gefunden worden, hat man ihn bei den gedanken gelassen, dass ich unfehlbar zufälliger weise in solches Unglück geraten, welches sich denn der Obrister sehr zu Gemüte gezogen, seinen Zorn aber endlich an dem lügenhafften und verräterischen Laqueien ausgelassen, allermassen er demselben 200. Hiebe mit dünnen SpiessRuten, und hernachmahls die Musquete auf dem Buckel geben lassen. Das verhurte und klatsch-haffte Cammer-Mädgen hatte gleichfalls ihren Lohn bekommen, denn nachdem sie den Schwedischen Trouppen etliche Tage-Reisen als eine liederliche Hure nachgefolget, war sie endlich biss aufs Hembde ausgezogen und zurück gepeitschet worden.
Mein Fleiss, wurde durch die unverdienten Woltaten solcher vornehmen gönner, dergestalt encouragiret, dass ich so gar Abends und früh Mürgens meinem Schlaffe abbrach, um nur dem ältesten Juncker nachzukommen, denn der Patron hatte mir versprochen, daferne meine Aufführung in bissherigen guten stand bliebe, mich so dann nebst und bei seinen Söhnen etliche Jahr auf der Universität frei zu halten, und zwar nicht als einen Bedienten, sondern als einen guten Compagnon.
Meine erste Wohltäterin, starb zu Ende des 1709ten Jahres, und zwar zu meinem grössten Leidwesen, hatte mir aber mit Genehmhaltung ihres Gemahls 200. Tlr. vermacht, die ich auch 3. Jahre hernach cum Interesse richtig erhalten habe. Immittelst ruckte, unter allen täglichen Vergnügen, die Zeit heran, da der Patron seine 3. Söhne, nebst seinem jungen verwäyseten Vetter und mir, unter der Aufsicht des Informatoris, der nunmehr den charakter als Hof-Meister bekam, auf die Universität nach Halle sendete. Es geschahe solches um Michaelis des 1711ten Jahres, wir bekamen, in einem haus 3. Zimmer zu unserer Bequemlichkeit, die zwei ältesten Junckers legten sich hauptsächlich auf die Jurisprudenz, haben es darinnen auch so weit gebracht, dass sie nachher alle beide sehr honorable Königliche Bedienungen erhalten, der jüngste nebst dem Vater- und Mutter- losen August aber, deren Sinn von Jugend an auf das Soldaten-Leben gerichtet war, wolten sich nur zu den galanten Studiis, als Historie, Geographie, Genealogie, Matesi-Tantzen, Reuten Voltoisiren, Fechten und dergleichen bequemen, ich hielt es mit den letzteren, am allermeisten aber legte ich mich auf die Matesin, besuchte dessfalls eines berühmten Professoris Collegia mit allergrösten Vergnügen, und wandte über dieses einem Extraordinario den meisten teil meiner Spiel-Gelder zu, um privatim desto hurtiger in dieser Wissenschafft, und was derselben anhängig, zu avanciren. Hiernächst hatte nun zwar auch gelegenheit genug, mir, auf Kosten