in das Bauer-haus hinein, wo zu meinen Glücke die zwei darinnen liegenden Schweden nicht zu haus, sondern auf etliche Tage auscommandiret waren. Die guten Bauers-Leute hatten von meinem gehabten Unglücke bereits ziemliche Nachricht, und zwar aus der Edel-Frauen eigenen mund, bei welcher die Bäurin ohnlängst als Magd in Diensten gewesen, beklagten deswegen zwar mein unschuldig erlittenes Elend, wusten sich aber nicht zu resolviren, ob sie es aus Furcht vor den Obristen wagen dürfften, mir ein Nacht-Lager im haus zu verstatten. Endlich überwog doch die Barmhertzigkeit alle Furcht, so, dass ich nicht allein Speise und Tranck, sondern auch erlaubnis von ihnen erhielt: diese Nacht, ja so lange in ihren haus zu bleiben, biss sie vernommen, ob etwa die Edel-Frau vor mich sorgen wolte. Dieses zu erfahren, ging die Bäurin, noch ehe es völlig Nacht wurde, zur Edel-Frau, kam aber bald zurück, und brachte diese gnädige Dame selbsten zu mir geführt, welche, so bald sie mich dergestalt jämmerlich in einem Winckel sitzen sah, augenblicklich helle Tränen zu vergiessen anfieng. Ich weinete ebenfalls, hörete aber, dass sie folgende Worte zu mir sprach: Ach mein Kind! verzeihet! ja verzeihet mir, ich bin schuld an eurem Unglücke, denn hätte ich euch nicht zur Erzehlung eurer geschichte beredet, so hättet ihr nicht dergleichen kindische unbedachtsame Reden fliegen lassen, ich wünsche hertzlich, zu erfahren, wer euch verraten hat, denn es muss unfehlbar einer von unsern Bedienten dieses Schelmenstücke verübet haben. Der Himmel lindere eure Schmertzen, vertrauet auf GOtt und meine möglichste Beihülffe, denn ich will euch morgende Nacht an einen Ort bringen lassen, wo es euch wohl gehen soll, so bald uns aber GOtt von den Schweden befreiet, will ich euch in mein haus als ein Kind aufnehmen. Hiermit klopffte sie mich sanfft auf den Backen, ich aber küssete und benetzte ihre Hand mit meinen Tränen, weswegen sie mir desto mehr Trost zusprach, und sich nichts abhalten liess, meinen jämmerlich-verwundeten Leib selbst zu besichtigen. Ach! schrye sie, ist dieses eine Marque der Schwedischen Frömmigkeit und GOttes-Furcht? O ihr Tyrannen! o ihr Türcken! ist es zu verantworten, einen unmündigen Knaben, um eines unbesonnen Worts willen, welches ihm der Jammer wegen des Angedenckens seines entleibten Vaters ausgetrieben, dergestalt zu tractiren? Ach! wo ist hier die Proportion zwischen der Straffe und dem Verbrechen zu finden? Ach! das arme Kind hätte sich, wenn es recht unterrichtet und zu verstand gebracht worden, wohl 1000. mahl anders bedacht, und die einfältige Hitze seiner Jugend hernachmahls selbst gemissbilliget. Solche und dergleichen Reden führte sie noch einige Zeit, nahm endlich Abschied von mir, die Bäurin aber mit sich auf ihren Hof, von wannen dieselbe vor mich ein weisses Hembde, nebst etlichen köstlichen Confituren und einer Flasche Wein mitbrachte, anbei Befehl erhalten hatte: selbigen zu wärmen, und meinen ganzen Leib damit abzuwaschen, welches zwar anfänglich sehr schmertzhafft, jedoch nachher ungemein schmertz-stillend war, und da ich nachher auch ein paar Gläser Wein darauf getruncken, verschlieff ich in folgender Nacht den grössten teil meiner Plagen und Sorgen.
So bald sich gegen Mittag meine Augen wieder eröffneten, verrichtete ich mein Morgen-Gebet, und danckte, ungeachtet meiner aufwachenden Schmertzen, dem Allmächtigen, dass er mich, von denen, mir niemals anständigen krieges-Gurgeln, erlöset, hergegen Hoffnung zu einer ruhigern Lebens-Art verliehen hatte. Nachdem die Bäurin aber meine Verpflegung den ganzen Tag hindurch aufs beste besorgt, kam die gutertzige Edel-Frau, die pro forma ihre Ländereien zu fuss besucht hatte, gegen Abend durch den Garten zu uns, liess durch die Bäurin, aus ihrem hof, einen Korb abholen, in welchem sich ein schönes Kleid, nebst vieler Wäsche, Büchern und andern Bedürfnissen befande. Mit diesen Sachen beschenckte sie mich, und sagte, wie sie gesonnen: mich künfftige Nacht, durch meinen Wirt von hier hinweg, und zu einem ihrer Befreundten, der seine Hofhaltung in Chur-Brandenburgischen Landen hätte, fahren zu lassen, bei diesem sollte ich mich nur fein stille und fromm verhalten, fleissig beten und lernen, so würde ich keine Not leiden, vielmehr alles Vergnügen finden. Immittelst möchte ich öffters, so gut als ich könnte, an sie schreiben und versichert leben: dass ich so gleich nach dem Abmarch der Schweden, würde zurück geholet, um nebst ihren eigenen Kindern behörig auferzogen, und in allen nötigen Wissenschafften unterrichtet zu werden.
Wie hätte eine leibliche Mutter vor ihr eintziges Kind bessere sorge tragen und klügere Anstalten machen können? Ist dieses nicht als ein Exempel der göttlichen Vorsorge vor arme, sonst von aller Welt verlassene Wäysen zu erkennen und zu admiriren? Jedoch weil ich gesonnen bin, mich in meiner LebensLauffs Erzehlung möglichster Kürtze zu befleissigen, will nur berichten, dass nach genommenen zärtlichen Abschiede von dieser liebes-vollen Pflege-Mutter, der Bauer als mein Wirt gegen Mitternacht seinen Wagen anspannete, mich wohl verdeckt darauf packte, und mit möglichster Behutsamkeit darvon fuhr, ohne von einem oder dem andern Schwedischen Soldaten befragt oder angehalten zu werden. Wir säumeten uns an keinem Orte über die dringende Not, gelangeten also dritten Tages gegen Abend bei demjenigen Edelmanne im Brandenburgischen an, der unserer Edel-Frauen Schwester zur Ehe hatte, welcher mich denn auch so wohl als seine, nicht weniger gutertzige Gemahlin, nach Verlesung der