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nach Beschaffenheit meiner Umstände vielleicht bald zurück zu kommen.

Nun war es zwar an dem, dass ich die Meinigen, von welchen ich wenigstens monatlich Briefe empfieng, einmal besuchen, und sonderlich wegen meines jüngsten Bruders ein oder andere Anstalt machen wolte, allein, es wurde mir unterwegs in einer berühmten Stadt bei einem hochansehnlichen mann die Condition eines Informatoris seiner 3. wohlgezogenen Söhne angetragen, die ich ohne langes Bedencken annahm, und meinen jüngsten Bruder auf der Post zu mir zu kommen verschrieb.

Er gelangete nebst seinen Sachen bei mir an, und weiln selbiges Orts eine sehr wohlbestellte Schule anzutreffen, sich auch verschiedene Wohltäter fanden, welche ihn mit freiem Tische und stube begabten, muste er fleissig in die Schule und bei mir zur privatInformation gehen, welches denn so viel fruchtete, dass ich ihn endlich um Michaëlis 1723. mit guten Gewissen auf die Universität, um daselbst ebenfalls Teologiam zu studiren, schicken konte. Mir ging es immittelst sehr wohl in meines dasigen Principals Diensten, ja ich hatte so wohl als derselbe mein besonderes Vergnügen, über die gute Aufführung und den besonderen Fleiss meiner Untergebenen. Endlich wurde mir geraten, mich wegen einer erledigten Diaconats-Stelle, so wohl als andere ehrliche Leute zu melden, weiln die Herrn Patroni doch auch, wie es hiess, darum begrüsst sein wolten, und nicht leichtlich die Vocation einem entgegen zu schicken pflegten. Ich folgte, und hatte das Glücke, unter 24. Competenten selb- 4te mit ausgelesen und examinirt zu werden, den Dienst aber bekam einer meiner allerwertesten Schul- und Universitäts-Freunde, dem ich wegen seiner sonderbaren Meriten und unserer Freundschafft, die sich bei unserer damahligen Zusammenkunfft ganz erneuerte, sein Glück von Grund der Seelen gönnete.

Wenige Zeit hernach wurde das Schul-Rectorat vacant, ich hielt auf Zureden meines Principals ebenfalls darum an, wurde auch abermals nebst 3. andern Candidaten zum Examine beruffen, und hatte, wie ich es ohne eiteln Ruhm meinem Principal nachrede, unter allen am besten bestanden, daher die gröste Hoffnung, diesen Dienst gewiss zu erhalten, allein zu meinem Unglücke muste mein Principal oben selbiges Jahr wenig in dergleichen Sachen zu sprechen haben, und ob er zwar, gewisser Ursachen wegen, nebst andern Gönnern dennoch zu meinem Vorteil durchdringen können, so schlug sich doch ein Höherer ins Mittel, welcher die hinlänglichen Meriten seines seit 10. Jahren gewesenen Informations-Rats in Consideration zog, hauptsächlich aber vorstellete: Wie derselbe sich anheischig gemacht, um die Helffte der ordinairen Besoldung zu dienen, wannenhero man bei jetzigen erschöpften Ærario, und Geldmangelnden zeiten, vor das übrige, noch einen höchst-bedürfftigen Schul-Collegen verschaffen und annehmen könnte.

Mein Principal war hiermit zwar sehr übel zu frieden, suchte aber jedennoch mich zu bereden, diese Condition, in spem futuræ promotionis, ebenfalls einzugehen, weil ich solchergestalt dennoch vor jenem den Vorzug haben sollte; allein, weil ich mir ein Gewissen machte, derjenige Mensch zu sein, von welchem die Successores dieses Dienstes, übel reden, ihn auch vielleicht gar wegen seines übler ausgelegten Beginnens gar verfluchten möchten ausser dem gar nicht gesonnen war, eine verdächtige oder auf Schrauben stehende Vocation anzunehmen, so konte es nicht anders sein, als dass ich abermals leer ausgehen muste. Jedoch wurde mir von allen sanctissime versprochen, dass ich von nun an die erste die beste Vocation, und zwar ohne eintziges ferneres Tentamen, Examen und alles empfangen sollte.

Also blieb ich bei meinem Principal nach wie vor zufrieden, obschon dessen zwei ältesten Söhne bald hernach auf eben die Universität, wo mein jüngster Bruder lebte, geschickt wurden. Eben dieser mein Bruder hatte sich gleich anfangs sehr wohl bei ihnen insinuiret, wurde deswegen von diesen zweien Wohltätern, auf Befehl ihres Vaters, in allen defrayret, welches ich vor meine person mit besonderen Freuden und allem ersinnlichen Dancke erkandte. Ich hatte mit dem jüngsten Sohne wenig Arbeit, und doch eben die vorige Besoldung, da ich aber mittlerzeit, mein Eberhard Julius, mit eurem Herrn Vater, und andern werten Freunden in eurer Geburts-Stadt, zum öfftern Briefe gewechselt, und ihnen den Ort meines Auffentalts jederzeit bekandt gemacht hatte, bekam ich am 3ten Martii des abgelauffenen 1725ten Jahres, von einem derselben, ohnverhofft solche Briefe, worin ich gebeten wurde, aufs eiligste bei ihnen zu erscheinen, weil vor meine person eine ganz besonders treffliche Condition offen sei, ich will nicht sagen, worin dieselbe bestanden, sondern aus schuldiger Demut melden, dass ich mich derselben unwürdig zu schätzen so wichtige Ursachen, als desto weniger zu befürchten gehabt, vergebliche Ansuchung zu tun.

Allein da unerforschliche Verhängniss hatte ganz widerwärtig-scheinende Schlüsse gegen mich gefasset, denn, nachdem ich von meinem Principal etliche Wochen erlaubnis zur Heim-Reise ausgebeten, und bereits auf der geschwinden Post bei nahe 20. Meilen zurück gelegt hatte, schlug einsmahls mitten in der Nacht der Post-Wagen dergestalt unglücklich vor mich um, dass nicht allein durch die nachschiessenden aufgepackten Kasten meine beiden Beine sehr geschellert, sondern über dieses der rechte Arm schmertzlich zerbrochen wurde. Einem andern Passagier ging es noch erbärmlicher, indem er im stürtzen das HalssGenicke zerbrochen, und augenblicklich seinen Geist aufgab, zwei noch andere aber, waren fast eben so unglücklich worden als ich. Der Wagen wurde zwar endlich mit gröster Mühe wieder aufgerichtet, und wir elenden, von 3. annoch gesunden Personen, wiederum drauf gesetzt, allein ich weiss es am allerbesten, was ich, binnen etlichen Stunden, vor grausame