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noch diese tröstliche Vermahnung: Er solle es doch immer gut sein lassen, es wäre ein menschlicher Fehler, welcher durch eine mässige Kirchen-Censur abgetan werden könnte, er wäre ein lediger Mensch, der aus Liebe zu seinem vereheligten nächsten, dergleichen Sache eher auf sich nehmen könnte, als der andere, mit dem es schon etwas mehreres auf sich hätte.

Man bedencke, ob allhier nicht eingetroffen, was GOtt durch den Propheten Micha, cap. 3. v. 11 redet: Ihre Häupter richten um Geschencke, ihre Priester lehren um Lohn, und ihre Propheten wahrsagen um Geld. Jedoch nur noch etwas weniges und wahrhafftes von meinem damahligen Patrono zu melden, so wuste er alles dermassen politisch zu spielen, dass niemand leichtlich einen Pfarr- oder Schul-Dienst in der Stadt oder auf dem land bekam, als wer sich vorher quovis modo mit der Frau abgefunden, denn weil deren Mann die andern Kirchen- und SchulPatronos dergestalt eingenommen hatte, dass sie ihn in allen dergleichen Handlungen fast nach eigenen Gefallen schalten und walten liessen, tat er mehrenteils was er wolte, doch besser gesagt, was seiner Frauen gefiel. Ich weiss etliche arme Dorff-Prediger, die sich wehe genug haben tun müssen, ehe sie das versprochene honorarium, teils mit Korn, Wäitzen, Gerste, Butter, Käse, Flachs, jungen Schweinen, Kälbern, Hünern, Gänsen, etc. teils mit baaren Gelde abtragen können, worüber dennoch die allzu nahrhaffte Frau das debet und dedit nach ihrer Autorität einrichtete. Ein gewisser noch ziemlich passabler Studiosus Teol. bekam den allerelendesten SchulCollegen-Dienst in der Stadt, jedennoch aus lautern Gnaden, dieweil er ein sehr artiges, und von seinen eigenen Händen fabricirtes Poppen-Schränckgen mit Schublädgen zum Present überreichte. Ich glaube nicht ohne ursache, dass in einem, solcher Schublädgen, etwa etliche geharnischte Männer mit Schwerdtern, verarrestirt gelegen, kan es aber dennoch nicht vor ganz gewiss aussagen. Die Herrn Dorff-Schulmeisters oder Cantores, wie sie gern heissen wolten, mussten sich desto genereuser zeigen ein oder ein paar Bienen-Stöcke, etliche Kannen Honig oder Pflaumen-Muss, Butter und Käsewurden ganz negligent angenommen, derjenige aber, so einen oder ein paar fette Consistorial-Vogel, wenigstens so viel Capaunen, eine mit vielen Küchleins gesegnete Glukk-Henne, und dergleichen brachte, bekam nicht allein freundlichere Minen, sondern verblümter weise so gar spem successionis auf die Pfarre. Sonsten war die Frau Primariin die Zuflucht aller Männer-begierigen Jungfern, denn wenn diese nur erstlich die rechten Schliche zu Deroselben herzen fanden, wurden ihnen nach Standes-Gebühr gar bald mit einem Pfarrer, Kirchen- oder Schul-Diener geholffen, und solcher gestalt büssete der gute sankt Andreas, auch bei dem allerabergläubigsten Frauenzimmer, seinen völligen Credit ein. Denen Wittben und Wäysen war diese Frau ungemein tröstlich, denn selbige mochten hier oder dort eine gerechte oder ungerechte Forderung anstellen, so muste ihnen dennoch das Urteil favorabel gesprochen werden, daferne sie nur etwas im Vermögen und zu spendiren hatten. Denen alten armen Leuten, aber nur weibliches Geschlechts, stunde ihre milde Hand täglich offen, weil selbige sonderlich geschickt waren, alle neue Mähren, so in der Stadt und auf dem land passirten, in ihr Cabinet zusammen zu tragen, welches zu gewissen Tages-Stunden allen dergleichen Posten-Trägerinnen offen stunde. Ubrigens, aller häuffigen Einkünffte ungeachtet, regierte doch SchmalHans, ihrer excessiven Nahrhafftigkeit wegen, in allen Ecken; so, dass kaum die Kinder, das haus-Gesinde aber um so viel desto weniger, satt zu essen bekamen, weswegen denn selten eine Magd über ein Viertel Jahr bei ihr blieb. Recht ärgerlich war es, dass offtermeldte Frau ihre Kinder in allen nur ersinnlichen Torheiten unterwiess, indem sie ihnen, ihrer Meinung nach, die Grund-Reguln der Politique beizubringen gedachte. Konte der jüngste Sohn ex tempore eine Lügen aus der Lufft schnappen, so war es zwar nach ihrem Sinne eine Anzeigung eines inventieusen Kopffs, daferne er aber seine Lügen nicht mit besonderen wahrscheinlichen Umständen unverschämter Weise defendiren und fortführen konte, muste er einen Verweiss einstecken, und aus ihrem mütterlichen mund die subtilesten Cautelen anhören und behertzigen. Den ältern Sohn unterwiese sie selbsten fast täglich in der Kunst, mit galanten Frauenzimmer zu conversiren, er muste lernen charmiren, obligante Complimente machen, eines Frauenzimmers Hand und Mund a la mode küssen, und hunderterlei dergleichen Torheiten mehr begehen, von welchem allen er denn bei der Frau Mamma offt wiederholte Proben ablegen muste. Die älteste von ihren Töchtern war würcklich ein sehr wohl qualificirtes Frauenzimmer, und läugnete selbst nicht, dass sie bereits seit einiger Zeit an einen anständigen und Standes- mässigen Liebsten versprochen sei, ich habe aber einige Zeit nach meinem Hinwegreisen vernommen, dass die Frau Fick-Fackerin, nach ihrer eingebildeten Weissheit, ihren christlichen Mann endlich beredet, aus gewissen staates-Ursachen, solches Verlöbniss zu wiederruffen, und die Tochter an einen andern, wiewohl eben nicht so gar angenehmen Mann, zu verheiraten. Ich vor meine person hatte zwar eben nicht ursache über mein Tractament zu klagen, allein, so bald ich alle Anstalten dieses Hauses in genauere Betrachtung gezogen, über dieses erwogen hatte, dass ich hiesiges Orts ebenfalls keine Beförderung, ohne sonderbare Knoten und Gewissens-Scrupel, erhalten würde, bedachte ich mich kurz, und trat, so bald mein voraus bezahltes Kost-Geld verzehrt zu haben meinte, eine Reise nach meinem vaterland an, mit dem Versprechen,