Abschiede von allen, die mir nur die geringste Güte erzeigt hatten, ganz vergnügt zu meinem Universitäts-Patrone.
Selbiger rieff, nachdem ich ihm meine Avanture erzehlet, abermals aus: O tempora, o mores! lobte aber meine gefassete Resolution, und ermahnte mich, nur nicht zu verzagen, weiln sich mein Glücke noch zu rechter Zeit finden würde. Immittelst hatte letzt gedachter Edelmann keine andere Ursache meiner Dimission vorzuschützen gewust, als dass meine Sprache zu schwach sei, und seine Kirche nicht allzuwohl ausfüllen könnte, welches doch ein lächerliches und wider die Wahrheit lauffendes Geschwätz war, seine Bauern aber, die etwa auch ein Wort bei der Wahl eines neuen Predigers zu sprechen hatten, setzten sich stark wider den Beruff des oberwehnten Informatoris, haben auch, wie mir gesagt worden, die grobe Expression gebraucht: Wenn es nur auf die starckbrüllende stimme allein ankäme, so übertreffe ihr Dorff-Ochse den Informatorem bei weiten. Allein, die armen Leute haben doch, nach vielen processiren, denselben endlich mit Gewalt annehmen, und er die Jungfer Ausgeberin ebenfalls gezwungen heiraten müssen, nachdem er viele listige Streiche, sich von dem, mit ihr eingegangenen Verlöbniss loss zu wikkeln, gespielet hatte.
Wenige Wochen nach meiner Zurückkunfft erhielt ich abermals, und zwar ohne Zweiffel auf geheime Unterhandlung meines Patrons, ein InvitationsSchreiben zu einer probe Predigt in einer nahgelegenen mittelmässigen Stadt, welchem zu Folge, mich denn zu gehöriger Zeit aufmachte, und selbige nach meinem Vermögen unerschrocken ablegte, auch nach dasiger gewöhnlichen Art ein ziemlich scharffes tentamen, und zwar hauptsächlich über den Locum de providentia divina auszustehen hatte. Ich muss abermals hierbei, jedoch ohne eitlen Ruhm, bekennen, dass mir viel gutes nachgesagt wurde, so, dass ich in der Wahl die allermeisten Vota gehabt haben soll, jedoch eine verzweiffelte Verleumdung, machte auch dasiges Orts alles wiederum rückgängig. Denn als ich eines Abends im Post-haus, wo mein Logis war, unter etlichen daselbst einheimischen Gelehrten, auch frembden sehr vernünfftigen Passagiers, meinen Platz erhalten, und unvermerckt mit in den Discours de motu mechanico gezogen wurde, wobei ihrer etliche einen berühmten Professorem, wegen seiner etwas hart lautenden Grund-Sätze, ganz und gar zum Ateisten machen wolten; gab ich mir die Mühe, ihn disputationis gratia zu defendiren, zeigte auch, dass derselbe Grund gelehrte Mann in vielen Stücken ganz anders verstanden sein wolte.
Da nun die darbei sitzenden einheimischen jungen Gelehrten letztlich fast nichts mehr gegen meine, wiewohl mehrenteils schertzhaffte defension aufzubringen wusten, mögen sie etwa aus Verdruss und Bossheit in der ganzen Stadt aussprengen: Ich wäre ein ErtzAnhänger von dem oberwehnten Professore, und würde in dem heiligen Predigt-amt treffliche Streiche machen. Nun muste mich zwar von rechtswegen das geistliche Ministerium, welches meine principia Teologica ernstafftig genug angehöret hatte, selbsten defendiren, allein ein alter halb-gelehrter Compatronus, der eine starcke Freundschafft in der Stadt hatte, und der, im Fall nur ich abgewiesen wäre, seinen nahen Vetter desto eher auf die Cantzel zu bringen gedachte, tritt so gleich auf und rufft: O Domini! Domini! latet anguis in herba, bedencket nach eurem Gewissen, was das beste sei, auch der geringste Verdacht in diesem Stücke, ist schon vermögend Irrtümer anzurichten, es sind noch genug andere untadelhaffte Leute in der Welt anzutreffen, ob sie gleich nicht in so vielen speculativischen Dingen geübt sind.
Einige mir ungemein wohlwollende, doch mehrenteils unbekandte gönner, verursachten, dass ich dieser Blame wegen, noch einmal vor dem dasigen Corpore Teologico erscheinen, und meines Glaubens wegen Rechenschafft geben muste, so bald dieses zu meiner Avantage geschehen war, bat ich mir als eine ausserordentliche Gütigkeit aus: dass mir vergönnet werden möchte: gleich morgendes Tages vor Gelehrten und Ungelehrten, an einem öffentlichen Orte, jedoch ausser der Kirche, meine Lehr-Art in einer sanfftmütigen Deutschen Oration ordentlich vorzustellen. Solches wurde mir gewünscht erlaubt, und zwar in dem grossen Schul-Auditorio, wo sich früh zwischen 8. und 9. Uhr, alle gelehrte und ungelehrte Honoratiores versammleten. Demnach fing ich an zu peroriren, erzehlete meinen Lebens-Lauff ganz kurz, tat mein Glaubens-Bekäntniss desto weitläufftiger, und provocirte hernach meine bosshafften Calumnianten, mit sanfftmütigen geist, sich allhier öffentlich meiner Lehre, Leben und Wandel zu opponiren, und meiner fernern Erklärung gewärtig zu sein. Allein, ob gleich alle dieselben zugegen waren, so wolte doch kein eintziger seinen Mund auftun, deswegen sprach ich nach langen warten: Es ist genug vor mich, dass sich mein ganzes Wesen hiesiges Orts gerechtfertigt gefunden, deswegen will im Nahmen des HErrn meine Strasse wiederum zurück ziehen, und mein anderweitiges Glück mit ruhiger Gelassenheit erwarten, um denen, so an ihrer Beförderung verzweiffeln wollen, so wohl als meinen Verleumdern keine fernere Ungelegenheit zu verursachen. Dieserwegen wurde ich folgenden Nachmittag in eine Versammlung verschiedener redlicher Leute geruffen, welche sich zwar, so wohl als der Primarius des geistlichen Ministerii selbst, viele Mühe gaben, meine wieder Fort-Reise zu hintertreiben, hergegen fest versicherten, die Sache ohne meine geringste Bekümmerniss und ohne allen fernern Streit auf erwünschen Fuss zu setzen; allein, da ich binnen wenig Tagen erfuhr, dass der oben erwehnte halbgelehrte Compatronus mit seinem Anhange allerhand verdrüssliche Händel in der Stadt anzuspinnen suchte, hergegen von andern rechtschaffenen Patrioten allerhand Gegen-Verfassungen gemacht wurden, nahm ich alles Bittens und Zuredens ungeacht, von allen redlich-gesinneten Gönnern und Freunden plötzlichen Abschied, und zwar aus keiner andern Ursache, als