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mein am Podagra kranck liegender Edelmann, seinen Verwalter, welches ein betagter und ziemlich vernünfftiger Mann war, an mich schickte und melden liess: wie ich vor dieses mahl auf die künfftige Sonntags Predigt zu studiren nicht nötig hätte, denn es würde kommenden Sonntag, nebst andern Gästen, ein benachbarter Edelmann seinen Informatorem mit bringen, welchem der Principal eine Gast-Predigt, und zwar Ehrenhalber tun zu lassen, versprechen müssen. Ich gab zu verstehen: dass solches mir von herzen angenehm sei, zumahlen da ich ohnedem einen starcken Catarren auf der Brust hätte. Der Verwalter aber, der sich ein wenig bei mir auffzuhalten Lust bezeugte, redete ganz treuhertzig fort: Mein lieber Herr Magister, ich will ihnen im Vertrauen eröffnen, dass eben dieser Informator auch ein Competent um den hiesigen PfarrDienst ist, allein ich weiss gewiss, dass mein Principal, den Herrn Magister vor allen andern erwehlen wird, daferne sich derselbe nur in einem eintzigen Stücke nach seinem, und sonderlich der Frau Principalin Sinne richtet. Ich stellte mich recht sehr aufmercksam an, einer Sache die ich bisshero nicht gemerckt oder mercken wollen, vollkommen vergewissert zu werden, im Gegenteil wuste der gute Verwalter nicht Umschweiffe genug zu machen, die ihm, von der Frau Principalin, in den Mund gelegten Worte manierlich heraus zu bringen. Jedoch ich will mich nicht lange bei dieser ärgerlichen Sache auffhalten, sondern nur kurz heraus sagen, dass die Edel-Frau, welche nicht allein vom Jure Patronatus, sondern auch von der ganzen haus-Herrschafft, den grössten Zipffel in beiden Händen hielt, eine 35. jährige Jungfer zur Aussgeberin bei sich hatte, welche derjenige, so die Pfarr haben wolle, unumgänglich zu heiraten, sich anheischig machen sollte. Allein ich gab den Verwalter hierauff ganz trocken und deutlich zu vernehmen: dass wenn auch dieses erwehnte Frauenzimmer, ihr nicht eben hessliches gesicht in ein englisches, und ihr mittelmässiges Naturell, in die aller ganlanteste Aufführung verwandeln könnte, so hätte doch ich ein dermassen zartes Gewissen dass ich eher Zeit lebens die Schweine hüten, als mich solchergestallt in eine Pfarre eindringen, und meine Vocation in eine Weiber-Schürtze gewickelt, annehmen wolte. Will mich GOtt, sprach ich ferner, zum Hirten einer christlichen Heerde haben, wird er mich wohl durch reputirliche und erlaubte Wege dazu führen, wo nicht, so wird er mir gelegenheit zeigen, mein Brod auf andere ehrliche Weise zu verdienen.

Diese Erklärung war vermögend genug alle meine kräfftigen Recommendationes, ja meine ganze PfarrHoffnung, hiesiges Orts, über einen hauffen zu werffen, denn da ich gleich des andern Tages, so wohl von dem Principal, als dessen Gemahlin, wie nicht weniger der Jungfer Ausgebern, die scheelesten Minen empfieng, war gar leicht zu mercken, dass der Verwalter offenhertzig ausgebeichtet, mir aber würcklich damit den grössten Gefallen erwiesen hatte.

Folgenden Sonntag, kam nebst denen vornehmen Gästen, auch bereits erwehnter Informator an, welches zwar ein wohl ansehnlicher, und mit einer ziemlich starcken Sprache begabter Mensch, im übrigen aber ein sehr schwacher Gelehrter war, wie denn alle seine Reden, und vornehmlich die erbärmlich zusammen gestoppelte Predigt, dessfalls sattsames zeugnis ablegten. Dem ungeachtet wurde in meines Principals haus, ein ziemliches Wesen von diesem Menschen gemacht, jedoch keiner andern Ursache wegen: als weil er einige verliebte Blicke auf die Jungfer Ausgeberin gespielet, und sich schon unterwegs gegen unsern Kutscher verlauten lassen: derjenige Mensch hätte vom Glücke zu sagen, welcher mit der Zeit die kluge, hausswirtliche, tugendhaffte und überhaupt wohl qualificirte Jungfer Ausgeberin zur Ehe bekäme, die er nur ein eintziges mahl von ferne zu sehen die Ehre gehabt hätte.

Nächst folgendes Tages liess mich der Principal selbsten vor sich kommen, und tat denjenigen Vorschlag, mit einer hochadelichen ernstafften Mine, selbst ungescheut, welchen mir der Verwalter vor wenig Tagen nur als im Vertrauen gesteckt hatte, beteurete anbei hoch, dass ich Seiten seiner, den Vorzug vor allen andern Competenten hätte, jedoch seine Gemahlin, und er selbst, hielte vor höchst billig, ihre fromme und keusche haus-Jungfer, wegen ihrer von Jugend auf geleisteten treuen Dienste, zugleich mit zu versorgen. Allein ich wiederholete meinen, dem Verwalter bereits eröffneten Schluss, und bat: Seine Wohlgebohrnen möchten sich solchergestallt meinetwegen nicht abhalten lassen, Dero Pfarre zu geben wem sie wolten, ich gönnete gern einem jeden das, was er sich wünschte, auch vor GOtt und seinen Gewissen zu verantworten getrauete, meines teils aber wäre sehr scrupulôs, und wolte lieber mit guten Gewissen Betteln gehen, als mit schweren Gewissen in den vornehmsten Ammte sitzen. Die Frau Principalin kam ebenfalls dazu, und konte, nachdem sie ihre haus-Jungfer aufs Beste heraus gestrichen, fast nicht Worte genug ersinnen, meinen so genandten EigenSinn zu brechen, allein ich verharrete bei meinem Entschlusse, und bat: so bald es ohne Verhinderung des Gottesdienstes geschehen könnte, mir meine Dimission zu geben.

Selbige bekam ich also noch an eben diesem Tage, jedoch mit der unerwarteten erlaubnis, künfftigen Sonntag noch einmal zu predigen, bei solcher gelegenheit nahm von der ganzen christlichen Gemeine öffentlichen Abschied, und wünschte ihnen: dass die erledigte Seelen-Hirten-Stelle, mit einem rechtmässiger weise beruffenen Diener des Worts ersetzt werden, und dessen Leben jederzeit mit Christi Lehre wohl überein stimmen möchte.

Es gab nach verrichteten GOttes Dienst ein starckes Gemurmele unter der Gemeine auf dem KirchHofe, allein, ich liess mich nichts anfechten, sondern reisete mit Anbruch des folgenden Montags, nach genommenen freundlichen