gesehen oder gekennet hatte. Jedoch wir werden von unsern 4. jährigen Beisammen sein, und dem was sich binnen der Zeit zugetragen, noch öffter mit einander zu sprechen, gelegenheit haben, deswegen will voritzo nur in meinen ParticulairGeschichten fortfahren.
Vor Ostern 1720. schrieb mir ein gewisser vornehmer Universitäts-Patron, mit dem ich bisshero wenigstens monatlich Briefe gewechselt hatte: Ich sollte meine Condition bei Herrn Frantz Martin Julio aufgeben, und je eher je lieber zu ihm kommen: weiln er verschiedene tüchtige Subjecta, in ein und anderes austrägliches Ammt vorzuschlagen, genötiget worden, wannenhero er sonderlich auf mich, der ich doch würcklich kein Jüngling mehr sei, ganz besondere Reflexion gemacht habe, um GOtt und der Christl. Gemeinde, entweder auf der Cantzel oder auf dem Schul-Cateder meine möglichsten Dienste zu leisten. Ich konte dergleichen Ruff nicht anders als vor regulair erkennen, deswegen nahm kurz nach Ostern von meinem bisherigen vortrefflichen Wohltäter, Herrn Julio, wie auch allen andern Freunden, zärtlichen Abschied, und reisete mit der geschwinden Post, zu nur erwehnten meinem eingebildeten grossen Beförderer. Selbiger empfieng mich aufs allerfreundlichste, und gab mir nach Verlauff weniger Tage, vortreffliche Recommendations-Schreiben, an verschiedene Schul-Patronos einer gewissen Stadt, von welchen ich mit Worten sehr höfflich an- und auffgenommen wurde, auch nebst zweien andern, zur Præsentation und probe, wegen eines vacanten austräglichen Schul-Dienstes mit gelangete. Ein gewisser, unfehlbar hierzu abgeordneter Mann wolte mich glaubend machen: ich hätte nicht nur unter den letzteren, sondern auch alle bissherigen Competenten am besten bestanden, deswegen fehlete es nur daran, dass ich dem Herrn Ephoro und regierenden Burgemeister, jedem etwa ein Dutzet Taler, dem Herrn Schul-Vorsteher halb so viel, dem Herrn Stadt-Schreiber 6. fl. und wo mir recht ist, noch andern etwas mehr oder weniger in die Jacke würffe, so würde die ganze Sache ihre gewisse Richtigkeit haben; Allein, da ich ganz einfältig heraus sagte: Wie es solchergestallt das Ansehen haben könnte: als ob ich mich in dergleichen Dienste einkauffen wolte, wovor mich doch GOtt in Gnaden behüten würde; bekam ich gleich folgendes Tages das Consilium abeundi, unter dem Vorwande: dass ich kein Magister sei, auch ihren ambitieusen Schülern nicht gravitätisch genug vorkommen möchte. Nun hätten zwar diese beiden Scrupels gar leichtlich können gehoben werden, wenn ich mir nämlich binnen wenig Tagen ein Magister-Diploma, vor etwa 30. Tlr. und dann eine geknüpffte Peruque vor 2. oder 3. Tlr. angeschafft hätte, denn NB. ich erschien vor ihnen nur in einer kleinen naturell Peruque, allein weil ich mich völlig persuadirte, dass diesen allzu gewissenhafften Herrn Patronis, mehr mit reichlichen Spendagen, als mit einem neu gebackenen, und Etaats-peruquirten Magister gedienet sei: blieb ich bei meiner Einfalt, bedanckte mich noch über dieses, vor erwiesene Ehre, ungeachtet mir kein Bissen Brod vorgesetzt, vielweniger aber die Reise-Kosten gut getan worden, und eilete zurück, dem hohen Universitäts Patrone mein fehl geschlagenes Glück vorzustellen.
Dieser schüttelte mit dem Kopffe, und sagte weiter nichts als: Mundus regitur opinionibus. Der Herr tut wahrhafftig nicht übel, wenn er sich den längst verdienten Magister-Crantz auffsetzen läst, weiln ohnedem in wenig Tagen dergleichen öffentliche Promotion hiesiges Orts angestellet wird. Man muss sich freilich bei den wunderlichen zeiten, so wohl in diese, als in die Leute zu schicken suchen.
Ich meines Orts beging auf sein ferneres Zureden, würcklich die Torheit vor etliche 30. Tlr. ein Candidatus Magisterii, ja was sage ich, nicht nur dieses, sondern ein leibhafftiger, erb- und eigentümlicher Magister, auf meine person und ganze LebensZeit zu werden. Wiewohl, es sei ferne von mir diesen löblichen Ritum und das, was darmit verknüpfft ist, verächtlich durchzuhecheln, sondern ich will nur so viel sagen: dass mir das grosse M. vor meine person nach der Zeit so viel nütze gewesen, als das 5te Rad am Wagen. Im Gegenteil hat es mich um das schöne Geld, welches ich unfehlbar besser anwenden können, und dann auch nachher um etwas mehr Dinte und Federn gebracht.
Wenige Wochen hernach, recommendirte mich mein wohlmeinender Beförderer, an einem Edelmann auf dem land; von welchem er ersucht worden, ihm einen tüchtigen Menschen zu zu senden, der, indem sein Pfarr-Herr und Seelsorger verstorben, mitlerzeit Predigten und Bet Stunden, in seiner Dorff-Kirche halten könnte, weiln die benachbarten Herrn Pastores, selbige allzu sparsam besuchten. Der Edelmann hatte zu Ende des briefes noch die köstliche Clausul angehenckt, dass wenn es ein gelehrter und habiler Mensch sei, man ihn en regard ihr Magnificenz bei künfftiger Pfarr-Vergebung, vor allen andern in Consideration ziehen würde. Ich reisete demnach ohne Säumniss dahin, und wurde von dem alten Edelmanne, und seiner ebenfalls ziemlich bejahrten Gemahlin, allem Ansehen nach, recht treuhertzig bewillkommet, ja so bald ich nur meine erste Predigt abgelegt, dermassen mit Lob-Reden und täglichen Wohltaten überhäufft, dass sie mich mehr vor einen Engel, als sterblichen Menschen zu betrachten, schienen. Ein vollkommenes viertel Jahr war ich also in dieses Edelmanns haus und an seiner Tafel gewesen, binnen welcher Zeit ich nicht allein den Gottes-Dienst der Gemeine aufs eiffrigste befördert, sondern auch des Edelmanns zwei jüngste, sehr wild und übel erzogene Söhne, mit äuserster Treue und Liebe, auf bessere Wege zu bringen gesucht hatte; Als eines Abends