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andern nach befinden bescheidentlich gelobet, oder carpirt wurde. Es ist fast nicht zu glauben, was mir dieses feine Exercitium vor ganz ungemeinen Nutzen schaffte, denn vermittelst dessen, brachte ich binnen 3. Jahren, einen solchen starcken Vorrat von gelehrten Sachen in meinen Kopff, und dazu gemachte Bücher, als wohl ohne dieses in 6. oder mehr Jahren nicht geschehen wäre. Nach Verlauff selbiger Zeit aber, konte um so viel desto Hertzhaffter auff der Cantzel erscheinen, und da sich sehr öfftere gelegenheit zum predigen vor mich zeigte: so hatte dabei das Glück, wenigstens von den meisten Leuten nicht ungern gehöret zu werden. Jedoch einem weltberühmten Teologo zu gefalle, und denselben persönlich zu hören, begab ich mich von der ersten hinweg, und auf eine andere Universität, wo binnen drittehalb jähriger Anwesenheit, meine Zeit dermassen wohl anzuwenden gelegenheit fand, dass mich selbige, biss diese Stunde, nicht im geringsten gereuen zu lassen ursache habe. In der Michaelis Messe aber des 1715ten Jahres, da ich von einem guten Freunde zur mündlichen Unterredung nach Leipzig verschrieben worden, gab mir derselbe die betrübte Zeitung zu vernehmen, dass meine liebe Mutter, seit etlichen Wochen an einem auszehrenden Fieber darnieder läge, und zu ihren wieder auffkommen schlechte Hoffnung vorhanden sei; deswegen dieselbe ein hertzliches Verlangen trüge, mich vor ihrem Ende noch einmal zu sehen und zu sprechen, wie denn derselben an mich abgelassenes Schreiben solches mit mehrern Umbständen bekräfftigte.

Demnach begab mich mit erst erwehnten guten Freunde auf die Reise, und kam unterwegs mit dem Kauffmann, Herrn Frantz Martin Julio in Bekandschafft, welcher an meiner wenigen person etwas ihm gefälliges finden mochte, u. deswegen mir sogleich in seinem haus, die Condition eines Informatoris vor seinen 10. jährigen Sohn, und 7. jährige Tochter, unter sehr profitablen Vorschlägen antrug. Ich konte zwar damahls auf der Reise, weder Ja noch Nein dazu sagen, nachdem aber den Handschlag von mir gegeben, den Zustand der Meinigen erstlich zu erkundigen, so dann dessfalls weiter mit ihm Briefe zu wechseln, reisete wenig Tage hernach, ein jeder von uns seine Strasse.

Meine liebe Mutter traff ich in sehr schwachen Zustande an, und ob sie zwar in folgenden Tagen, durch meine Gegenwart sehr gestärckt zu werden schien, so nahm dennoch bald hernach das hectische Fieber, von neuen dergestallt überhand, dass sie endlich am 4. Decembr. selbiges Jahres, bei vollem verstand, nach gemachten unparteiischen Testamente, sanfft und seelig verschied.

Ich leistete dem entseelten körper die schuldige Pflicht, ihrem letzten Willen aber eiffristen Gehorsam, und weiln meine älteste Schwester bereits vor 4. Jahren, einen ansehnlichen und wohl bemittelten Bürger geheiratet, überliess ich demselben die sorge vor unsere gemeinschafftlichen wenigen Güter, liess dem jüngern Geschwister Vormünder bestätigen, gab meinem 19. jährigen Bruder, der seit 4. Jahren bei einem Kauffmanne die Handlung zu erlernen, im Begriff war, und denen Schwestern, welche die älteste Schwester nicht von sich lassen wolte, gute Vermahnungen, den jüngsten Bruder aber, bei dem sich in seinem damahligen 12ten Jahre ein ausserordentlich aufgewecktes Naturell zum Studiren zeigte, verliess unter der Zucht eines exemplarischen und besonders wohl qualificirten Schul-Collegen, welcher ihn vor jährliche bedungene Gelder, als sein leibliches Kind zu halten versprach, ich aber gelobte diesem meinem jüngern Bruder, bei künfftigen wohlverhalten, alljährlich aus meinem eigenen Vermögen, wenigstens 20. Tlr. Zubusse zu geben, damit es nicht allzu stark über sein bissgen Erbteil hergehen möchte.

Nachdem nun solchergestallt bei den Meinigen

alles in gute Ordnung gebracht war, fing ich auch an vor meinen eigenen künfftigen Auffentalt zu sorgen. Es wurden mir in Elbing, ohne Ruhm zu sagen verschiedene Conditiones angetragen, allein die Conduite des Herrn Frantz Martin Julii, hatte mich dermassen eingenommen, dass ich alle andern fahren liess, und ihm nunmehr in einem Briefe, meine person zu seinen Diensten offerirte, ungeachtet ich wuste, dass in seiner Stadt ein Jesuiter-Collegium anzutreffen, und dieselbe ausser dem mit vielen Römisch-Catolischen Leuten angefüllet war, als vor welcher Art Menschen ich mich zu fürchten gnungsame Ursache fande.

Kaum hatte ich diesem redlichen mann meine Meinung überschrieben, als er gleich folgenden PostTag mir 4. spec. dukaten Reise-Gelder überschickte, und inständig bat, keinen Tag zu versäumen, sondern aufs eiligste bei ihm zu erscheinen, welchem Bitten ich denn auch, nach genommenen Abschiede von den Meinigen, billige Folge leistete.

Es war der 28. April. 1716. mein Eberhard Julius! (so redete damahls Herr Mag. Schmeltzer gegen mich,) und zwar Abends um 8. Uhr, da ich den ersten Fuss über eures Herrn Vaters Schwelle setzte, ihr waret als ein wohlgezogener Knabe, so gefällig, gleich bei dem ersten Eintritte mir entgegen zu lauffen und meine Hand zu küssen, welches mich dermassen afficirte, dass ich euch nachher mit ungemeiner Treue geliebet, auch 4. Jahre lang, nach meinem besten Vermögen so gezogen habe, wie ich es vor GOtt, meinem Gewissen, euern Eltern, und vor euch selbst jederzeit zu verantworten getraue. Seiten meiner ist an euch, eurer frommen Schwester, und andern dazu gezogenen vornehmen Kindern, nicht das geringste versäumt worden, jedennoch habe dabei einige Zeit gehabt, meine eigene Studia zu beobachten, und mich sehr öffters in predigen zu üben, anbei unverdienter Weise vielen ungesuchten Ruhm, auch manche unverhoffte Gunst, Bezeugungen und Geschencke von solchen Leuten zu empfangen; die ich öfters kurz vorher nicht einmal