Patrone, aus dessen haus ich listiger Weise entführet worden, Nachricht von meinem Leben, jetzigen Auffentalt, gehabten Fatalitäten und künfftigen Vorsatze zu geben, jedoch bat ich in meinen Briefen jederseits, meine Affaire nicht kundbar zu machen, weiln man sich vor dergleichen Feinden als ich gehabt, nicht gnungsam in acht nehmen könnte.
Meine liebe Mutter bezeugte nach Verlauff weniger Wochen, in einem zwei Bogen langen Brieffe, eine ganz ausserordentliche Freude darüber, dass, (wie sie schrieb,) ihr Sohn Joseph noch lebe, von dessen plötzlichen Verluste sie sich noch weit elendere Vorstellungen gemacht hatte, als der Ertz-Vater Jacob wegen seines Sohns Joseph, den derselbe von einem wilden Tiere gefressen zu sein glaubte. Nechst dem erfuhr ich, dass letzt erwehnter, mein Principal und Patron, vor wenig Monaten verstorben sei, jedoch kurz vor seinem Ende, alle meine zurückgelassenen Sachen, an meine liebe Mutter geschickt hätte, welche mir dieselbe denn mehrenteils nebst einem WechselBriefe à 100. Tl. übersendete, ja die hertzliche Mutter Liebe trieb sie dahin: die sehr weite Reise auf sich zu nehmen, und mich um Michaelis 1709. im Gymnasio Persöhnlich zu besuchen, wobei ich erfuhr: wie sie vor kurtzen von der Verstorbenen Muhme ein Capital von 2800. Tl. geerbt, und selbiges in der AltStadt Elbing, so wohl angelegt, dass sie davon nebst meinem Geschwister, ihr vergnügliches jährliches Auskommen haben könnte.
Solchergestallt befand ich mich nunmehr in allen Stücken vollkommen vergnügt, und brachte durch unermüdeten Fleiss alles wiederum ein, was die Bossheit meiner Feinde verhindert hatte, so dass ich um Ostern, 1710. mit guten Gewissen, auf eine der berühmtesten Universitäten ziehen konte, wo ich durch Beihülffe getreuer Lehrer und vornehmer gönner, die beste gelegenheit fand, auf den wohlgelegten Grund der Teologie, ferner fort zu bauen.
Allein meine werteste Herren und Freunde, sagte hierauff Herr Mag. Schmeltzer, ich mercke zwar bei niemanden unter ihnen, einen Verdruss oder Müdigkeit, da es aber bereits Mitternacht ist, werde ich wohl tun, wenn, weder des lieben Altvaters Ruhe, noch unser aller gute Ordnung nicht zu unterbrechen, meine Lebens-Geschicht voritzo teile, und den übrigen Rest derselben, Morgen G.G. erzehle, daferne es anders Ihnen allerseits beliebig ist, selbige vollends anzuhören.
Wir danckten also ingesammt unsern liebsten Seelsorger, vor dessen gehabte Gütigkeit, und weiln die allermeisten Anwesende, bei Anhörung seiner kläglichen Avanturen, sich der Tränen nicht entalten können; wurde derselbe von der ganzen Gesellschafft, desto umständiger ersucht, uns auf die traurigen, auch seine hoffentlich frölichern begebenheiten wissend zu machen, wornach vor dieses mahl, ein jeder seine angewiesene Schlaff-Städte suchte.
Folgendes Tages etwa zwei Stunden vorher, ehe die Sonne ihren allerhöchsten Grad über unserer Insel erreicht, versammleten sich alle Einwohner, abgeredter massen, abermals auf ihren angewiesenen TafelPlätzen, und wurden mit einer nicht weniger köstlichen Mahlzeit als vorigen Tages bewirtet. Nachdem dieselbe eingenommen war, schickte sich alle junge Mannschafft welche das Schiess-Gewehr wohl zu führen vermögend war, in zierlicher Ordnung auf denjenigen Platz zu ziehen, wo die Vogelstange auffgerichtet war, um daselbst nach einen grossen Höltzernen Kropff-Vogel zu schiessen, welchen unser Tischler Lademann, nebst dem Müller Krätzern, sehr künstlich ausgearbeitet, und mit schwartz und gelber Farbe angestrichen hatten. Wir zuletzt angekommenen Europäer, schossen mehrenteils auch mit, die jüngern und annoch kindischen Leute aber teileten sich in verschiedene Hauffen, und nahmen allerhand Lust-Spiele vor, dahingegen die Alten, bald dieses bald jenes mit Vergnügen beschaueten. Mit Untergang der Sonnen wurde nicht allein das Spielen, sondern auch das Vogelschiessen geendiget, und weiln des Kropff-Vogels mehr als halber Leib, nebst einem fuss, und gröstem Stücke des Schwantzes, noch sehr fest an der Stange hienge, nahmen wir Abrede, selbiges morgendes Nachmittags vollends herunter zu schiessen. Voritzo aber zogen die meisten, so wohl alte als junge Leute, zurück auf den Speise-Platz, und wurden Herr Wolffgangs Veranstalltung nach, mit gekochten Reiss, der mit Zucker und Zimmet stark bestreuet war, ingleichen mit gebratenen Wildpret, Kuchen und Früchten bedienet. Mit dem Alt-Vater Alberto hingegen, begaben sich alle diejenigen, so gestriges Abends bei ihm geblieben waren, auf seine Burg, wo ein jeder nach seinem Belieben entweder etwas zu speisen oder zu trincken fand, nachher das Vergnügen hatte, die
Fortsetzung von Herrn Mag. Schmeltzers
Lebens-Geschicht
mit anzuhören. Meine Wertesten! fing also Hr. Mag. Schmeltzer diesen Abend wiedrum zu sagen an, es werden in Teutschland wenig Menschen sein, welche nicht wissen sollten, was vor eine wunderliche und mehrenteils leichtsinnige Lebens-Art, junge Studenten auf den Universitäten zu führen pflegen, ich muss es selbst gestehen, dass unter so vielen mehrenteils sinnreichen und begeisterten Cörpern, allerhand nützliche, unnützliche, auch ziemlicher massen indifferente Streiche passiren; allein ich vor meine person liess, ohne Ruhm zu melden, dieses meine eifrigste sorge sein, mich vor allen verdächtigen Gesellschafften zu hüten, modest und mässig zu leben, keine nützliche Doctrin zu verabsäumen, und dann auf meiner stube dasjenige fleissig zu wiederholen und zu untersuchen: was in den Collegiis so wohl publice als privatim war vorgetragen worden. Es gelückte mir in eine solche Compagnie zu geraten, welche gemeiniglich alle Woche ein oder zweimahl Zusammenkunfft hielt, wobei ein jeder ein Specimen seines Fleisses und Judicii auffzeigen muste, welches denn aufs genauste erwogen, und von den