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gewissenloser Pfaffe, schrye ich ihm ins Angesicht hinein, du leugst dieses in deinen Halss, und wirst solches nimmermehr vor der redlichen Welt, vielweniger bei GOtt im Himmel verantworten können. Wandte mich hierauff abermals zum Commandeur, und erzehlte demselben in aller Kürtze meinen ganzen Lebens-Lauff, auch warum, und auf was vor Art mich diese erbitterten Jesuiter in ihre Klauen bekommen hätten. Wie künstlich aber auch die Patres mich zum Lügner, sich aber selbst zu unsträfflichen Leuten machen wolten, so merckte doch der ihnen allzu kluge Commandeur, an ihrem ganzen Wesen gar leichtlich, dass sie ihres Ordens gewöhnliche Streiche gern fort spielen und ihm eine Nase drehen wollen, deswegen sprach er: Wohlan ihr Herrn! ich muss gestehen, dass es eine kitzliche Sache ist, einen von unsern Glaubens-Genossen dergestallt barbarisch zu tractiren, weiln nun diese Sache nach Würden zu untersuchen, bessere gelegenheit erfordert wird, als sich hier auf freien feld zeiget, werde ich euch ingesammt mit zu unserer Armée führen, soferne ihr aber die mutmassliche Wahrheit reden und gestehen wollet: dass dem Jünglinge von euren OrdensBrüdern also mit gefahren worden, will ich ihn zwar mit mir nehmen, jedoch euch reisen lassen wo ihr hin wollet.

Solchergestallt liessen sich die super-klugen Patres fangen, und bekenneten, auf noch einiges gütliches Zureden der Herrn Schweden, endlich die klare Wahrheit. So so! sagte hierauff der Commandeur, wie artig könnet doch ihr heiligen Herrn dergleichen Kleinigkeiten an den armen Luteranern rächen, und dieselbe zu eurer Kirche herein zu kommen nötigen, doch ich will meine Parole halten und euch reisen lassen, wo ihr hin wollet. Allein vorher müsset ihr von rechts wegen einiger massen zu gebührlicher Strafe gezogen werden. Demnach mussten 12. Mann von seinen Dragonern absteigen, und die 4. Jesuiten dahin nötigen, sich biss aufs blosse Hembde auszukleiden mittlerweile schnalleten die Dragoner ihre Steig Riemen ab, und schmiereten damit die unchristlichen Jesuiten-körper der massen, dass sie endlich, eben so wie ich vor diesen, halb tot zur Erden sincken mussten.

Dem Kutscher wiederfuhr ein gleichmässiges Tractament, nachher wurden ihre Kleider visitiret und ihnen, ausser den besagten Kleidern, nicht das geringste von Gelde, oder Geldes-Wert gelassen, mitin setzte sich ein Dragoner auf den Platz des Kutschers, und führte mich ganz allein im Wagen sitzenden, unter Begleitung von 3. biss 400. Schweden auf und darvon, nachdem der Commandeur denen Patribus noch also zugesprochen hatte: Nun könnet ihr zu fuss reisen wohin euch beliebt, und habt zweierlei Vorteil erhalten: erstlich dass ihr in Zukunfft wisset, wie mit denen Luteranern, und andern Neben-Christen behörig umzugehen; vors andere erfahret, wie euern Glaubens-Brüdern, den Bettel-Mönchen zu mute sei. Und dieses war der Abschied.

Mir wurde von denen Herrn Schweden alle erwünschte Güte und Freundschafft erzeigt, zumahlen da sie, nach einigen herum schweiffen, in einer ziemlich feinen Stadt etliche Rast-Tage hielten, bei welcher gelegenheit sich meine Gesundheit wiederum in ziemlich guten Stand setzte. Der Commandeur, welchen ich nachher als einen Schwedischen Major kennen lernete, schenckte mir gleich anfänglich ein seines Kleid nebst 12. spec. dukaten an Golde, beteurete auch höchlich, dass er von Grund der Seelen gern alle Kosten herschiessen wolte, mich nach Elbing zu meiner Mutter zu schaffen, allein es zeigte sich keine gelegenheit dazu. Solche Reise aber allein zu fuss oder zu Pferde vorzunehmen, wäre allzugefährlich ja töricht gewesen. Demnach muste aus der Not eine Tugend machen, und unter denen Soldaten bleiben, biss sich bessere gelegenheit zeigte wiederum auf eine Evangelische Schule zu kommen. Immittelst da ich bei dem Major täglich freien Tisch hatte, profitirte ich von denen hohen Officiers manchen schönen dukaten wegen meines Singens, bekam auch von denen Herrn Feld-Predigern, allerhand schöne, so wohl deutsche als lateinische Bücher, um vermittelst selbiger, meine wenigen Studia beständig in frischen Gedächtnisse zu erhalten. Endlich aber da ich mit meinem Major nach Warschau gereiset war, traff ich daselbst einen bekandten Bresslauer Kauffmann, ganz unverhofft, zu allergrösten Freuden an, erzehlete demselben meine gehabten unglücklichen Avanturen, und fand ihn so gleich willig, mich mit nach Bresslau zu nehmen, daferne er solches nur, ohne mit dem Schwedischen Major Verdruss zu haben, tun könnte. Allein dieser redliche Herr, war viel zu Gewissenhafft und zärtlich, mich an meinen vorgesetzten Studiren zu hindern, willigte deswegen gleich in mein Ansuchen, liess den Bresslauer selbst zu sich kommen, empfahl mich demselben aufs beste, beschenckte mich noch mit 12. spec. dukaten, und verschaffte über dieses: dass andere hohe Officiers, bei denen ich Abschied nehmen muste, ihre milde Hand ebenfalls auftaten, so, dass ich in allen, eine Gold-Bourse von etliche 80. Stück spec. dukaten, mit nach Bresslau brachte.

In selbiger Stadt schlug mir mein Patron, der wohltätige Kauffmann, die schönsten Gelegenheiten vor, meine Studia mit wenigen Kosten erspriesslich fort zu setzen, allein weil ich eine grausame Furcht vor den Catoliquen, und sonderlich vor den Jesuiten bei mir spürete, also an keinen Orte leben wolte wo dergleichen Leute anzutreffen wären, setzte ich mich auf die Post, und gelangte gar bald in Sachsen auf einem berühmten Gymnasio an, wo, nachdem die Herrn Gymnasiarchen und Præceptores meine Avanturen verkommen, ich mit Freuden auf- und angenommen wurde. Von nun an war meine erste Bemühung, meiner lieben Mutter, und dann auch demjenigen