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das Ubrige alles mit Stillschweigen, welches sie mir denn auch in Betrachtung meiner grossen Schwachheit und Schmertzen, ziemlicher massen zu gute hielten, und mich mit fernern Anfällen einige Tage verschoneten.

Mittlerweile verschaffte mir der alte Chirurgus täglich die niedlichsten speisen und Geträncke, sparete auch sonsten keinen Fleiss, meine Gesundheit wiederum herzustellen, woher denn kam, dass ich nach Verlauff dreier Wochen ziemlich frisch und munter wurde. Von der Zeit an, stellte sich immer ein alter Pater um den andern in meiner Cammer ein, aus welcher ich keinen Fuss setzen, sondern als ein, auf Leib und Leben gefangen sitzender Delinquente, tages und Nachts hindurch verbleiben muste. Dem ungeachtet fruchteten ihre beständig mühsamen Lehren nicht das allergeringste bei mir, sondern ich wurde nur immer desto mehr in meinem Vorsatze bestärckt: die reine Evangelisch-Luterische Lehre nicht zu verschweren, und sollte es auch gleich mein junges Leben kosten. Solchergestalt wurde mir nicht allein aufs neue mit der täglichen Geisselung gedrohet, sondern man fienge auch würcklich an, mich wieder mit blossen wasser und Brod zu speisen, welches mir doch der gütige Himmel weit besser als die andern Lecker-Bissen gedeihen liess. Wenige Tage hernach, bekam ich dennoch andere bessere speisen, vermerckte aber in den Gesichtern aller derer so bei mir aus- und eingingen, eine allgemeine Bestürtzung und etwas schwächern Eifer, mich zu quälen oder umzukehren, glaubte deswegen, man würde mich vielleicht unter gewissen Bedingungen ehestens meiner Wege lauffen lassen. Allein es war weit gefehlt, denn wie ich nachher erfahren und wohl erwogen, so sind meine Widersacher aus keiner andern Ursache dermassen Bestürtzt gewesen, als weil sich eine, in der Stadt grassirende gifftige Seuche, auch in ihren Collegio angemeldet, und etliche, so wohl Junge als Alte, plötzlich hinweg gerafft hatte. Endlich wurde ich in einer gewissen Nacht unverhofft aus dem ersten Schlafe gestöhret, und von einem Bedienten, der alle meine ordentlichen Kleider mit sich brachte, angestrengt, mich aufs hurtigste anzukleiden. Die Einbildung, dass meine ErlösungsStunde nunmehr erschienen sei, machte mich dergestalt frölich und hurtig, dass ich in wenig Minuten völlig fertig war. Demnach wurde in der Finsterniss hinunter geführt und in einen Wagen gebracht, worin allbereit 2. alte Patres und 2. mir an Jahren ziemlich gleiche, so genandte Studenten sassen, zwischen deren Füssen ich als ein Hund liegen, auch nicht selten von den jungen Bösewichtern empfindliche Tritte und Stösse erdulden muste. Der Wagen ware rings herum dichte zugemacht und verwahrt, deswegen konte und dorffte mich gar nicht umsehen, ungeachtet das Tages-Licht völlig angebrochen war, wiewohl es in den ersten zweien Tagen entsetzlich stark regnete. So offt ein natürlicher Antrieb, mich oder die andern aus dem Wagen zu steigen nötigte, kam mir nichts in die Augen als mehrenteils wüstes Feld, Wälder, und etwa sehr weit entlegene Dörffer oder kleine Städte. niemals sind wir vor dunckeler Nacht in ein Quartier gekommen, und mehrenteils früh vor Anbruch des Tages wieder fort gereiset, ich bemerckte aber: dass meine Führer lauter Klöster zu ihrem Abtritt erwehlet, und vermutlich allezeit einen reitenten Boten, der das Logis bestellen müssen, voraus geschickt hatten. Mittlerweile bekam ich so wohl des Abends im Quartiere, als bei Tage, im Wagen sehr gute speisen, hatte aber sehr wenige gelegenheit meinen Mund zum Reden auffzutun, welches mir denn ungemein lieb war, meine Führer aber redeten eine selbst erdichtete, aus vielen andern vermischte Sprache, und zwar dermassen geläuffig mit einander, dass mir unmöglich war nur ein eintziges Wort davon zu verstehen.

Nachdem wir nun solchergestallt 7. ganzer Tage die Reise ziemlich hurtig fortgesetzt hatten, wurden endlich einem ganz grossen Closter zwei Tage zum Aussruhen angewendet, ich aber befand mich in einer festen Cammer eingesperret, durch deren wohl verwahrte Fenster eine grosse See, wohlbestelltes Feld, weit darvon aber ein grosser Wald zu betrachten war. Nachts, wenig Stunden vor unsern wieder Abreisen, sagte einer von den jungen Jesuiten zu mir: Nun Ketzer-Hund! Nun hastu hohe Zeit dich zu bekehren, wiedrigen falls wirstu, ehe noch 3. Tage vergehen, an einen solchen Ort gebracht werden, wo allerhand schmertzliche Plagen deiner warten. Ich überlasse mich, war meine Antwort, der Fügung des Höchsten, der mir nicht mehr Trübsal aufflegen wird, als ich werde ertragen können, ja es ist ihm ein geringes, mich unschuldige Creatur aus den Händen meiner Peiniger, wo nicht auf andere Art, jedoch durch einen seel. tot zu erlösen. Wie kan sich doch, versetzte der Bube hierauff, so eine verfluchte Ketzer-Seele der Hülffe des Höchsten getrösten? Unter diesen Worten aber schlug er mich mit der Hand dergestallt ins Angesicht, dass mir das helle Blut aus Mund und Nase lieff. Hierüber riss mein Gedult-Faden plötzlich entzwei, also nahm ich den frechen Buben beim Halse, riss ihn zu Boden und klopffte seine Nase mit der vollen Faust, so lange, biss sein Gesicht ebenfals über und über mit Blut gefärbet war. Jedoch ich hatte bald hernach ursache genug, meine Unbesonnenheit und jachzornige Ubereilung zu bereuen, denn als sein Camerad nebst den beiden Patribus herzu kam, und ihnen mein Feind berichtete: dass ich ihn Meuchelmörderischer Weise überfallen und stranguliren wollen, ich aber auf meine Gegen-Klage nicht einmal gehöret wurde, muste der Kutscher kommen, und mich mit einem dreifach zusammen gedreheten Strikke so lange schlagen, biss ich ganz ohnmächtig auf dem Fuss-Boden liegen blieb.

etwa zwei Stunden hernach