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welchem haus der Gymnasiaste Schmeltzer anzutreffen; nachdem ihm nun vergewissert, dass ich selbsten derjenige sei, welchen er suchte, sprach er mit sehr freundlichen Geberden, ich sollte so gut sein und ihm in ein gewisses haus, welches er mir nennete, folgen, weilen daselbst zwei frembde Cavalier, meine, ihnen so sehr gerühmte Singe-stimme, bei einer doucen Abend-Musique zu hören verlangten, meine Mühe aber reichlich belohnen wollen. Allein, setzte er hinzu, ich dürffte mich nicht säumen, weil sie und die Musicanten selbst, mit schmertzen darauff warteten. Zu meinem Unglück war mein Principal, nebst seiner Familie, bei einem vornehmen Freunde zu gast, und weil ich über 2. oder 3. Stunden nicht auszubleiben vermeinete, sagte ich dem haus-Gesinde, gewisser Ursachen wegen, nicht wo ich hin wolte, sondern holete nur eiligst einige Musicalien von meiner stube, mit welchen ich dann, ohne eintziges Nachdencken, dem, unten vor der Tür auf mich wartenden Laqueien, sehr hurtig nachfolgte. Es traff ein, dass ein Paar sehr proprè gekleidete Cavalier, in der Ober-stube des bezeichneten Hauses sassen, allein es waren nur zwei, mir ganz unbekandte Musicanten bei ihnen, deren einer eine Violdi Gamba, der andere aber eine Violine spielete. Man bewillkommete mich aufs allerfreundlichste, und sagte nach diesen: Monsieur! ihr hättet nicht nötig gehabt Musicalien mit zu bringen, weil wir allbereit diejenigen Stücke, so wir längst gern hören mögen, bei uns haben. Demnach legten sie mir, eine nicht uneben gesetzte Cantata vor, die ich ohne Bedencken annahm, und nach meinem besten Vermögen abfunge. Sie bezeugten so bald dieselbe zum Ende, ihr sonderliches Vergnügen darüber, und überreichten mir noch eine dergleichen, nach deren Absingung ich eine kurtze Zeit ruhen, auch ein paar Gläser Wein, nebst etwas Confect geniessen muste. Hierauff wurden noch andere lustige Arien und dergleichen Zeug hervor gesucht, doch weil alle ganz leicht gesetzt waren, hatte ich wenige Mühe, dieselben gehörig heraus zu bringen. Beide Cavaliers legten mir also ein ganz besonderes Lob bei, so dass ich endlich bitten muste: mich nicht zu beschämen. Immittelst muste mir der Laquei mehr Wein und Confect bringen, weil ich aber sehr wenig trincken und essen wolte, sprach der eine Cavalier: Er wird vielleicht diesen Wein seiner stimme nicht zuträglich befinden, Jacob! lange ihm ein Glas Canari Sect aus dem Flaschen-Futter, nebst zweien von meinen köstlichen Morsellen, dieses wird ihm appetitlicher und nützlicher sein. Ich deprecirte zwar alles, da aber der Diener augenblicklich beiderlei herbei brachte, liessen beide Cavaliers nicht ab zu nötigen, biss ich alles auf ihre Gesundheit verzehret hatte.

Mittlerweile zohe einer von den Musicanten eine

Partitur aus dem Busen, und sagte zu beiden Cavaliern: Gnädige Herren! ich habe hier eine sehr artige, ganz nagelneu-componirte Cantata, mit Dero gnädigen erlaubnis wollen wir doch dieselbe probiren. Da nun beide, mit Neigung der Häupter, ihren Wohlgefallen zeigten, muste ich mich bequemen aus der Partitur zu accompagniren. Die letzte Aria von dieser Cantata habe ich nach der Zeit niemals vergessen können, sie lautete aber also:

So muss man die Füchse fangen,

Die so schlau und kühne sind.

Tölpel mercks! du bist betrogen,

Ja du bist ins Garn gezogen,

Füchse riechen sonst den Wind:

Aber du bist fehl gegangen.

Da Capo.

Es handelte zwar die ganze Cantata durchgehends, von einem ins Garn gebrachten Verächter der Liebe, allein da ich nachher der Sache besser nachgedacht, so habe dieselbe zweideutig befunden, denn unter dem gefangenen Fuchse, wurde wohl niemand anders verstanden: als ich damahliger armer Schüler. Unter währender dieser letzten Arie aber, lachten so wohl die beiden Cavalier, als die Musicanten, dermassen, dass die letzteren fast nicht spielen konnten, die erstern aber die Bäuche halten mussten. Dennoch vermerckte ich nicht den geringsten Unrat, weiln nichts weniger vermeinte: als dass ich mich unter ganz verzweiffelt listigen Menschen-Fängern befände. Im Gegenteil wurde mir auf einmal sehr übel im leib, ein hefftiger Schwindel des Haupts verursachte: dass ich bei nahe ohnmächtig zu Boden gesuncken wäre, wenn mich der Laquei nicht aufgefangen, und auf ein, in der Neben-Cammer stehendes Bette, getragen hätte. So bald ich zu liegen kam, vergingen mir vollends alle gedanken, ja ich verfalle in einen dermassen tieffen Schlaff, dass sich endlich, bei dessen allzu langen Anhalten, meine Feinde genötiget sehen, mich, ich weiss nicht ob mit dem Dampffe von Schwefel, oder anderer hässlich stinckender Materie auffzumuntern. Allein nachdem ich völlig ermuntert war, wäre es kein Wunder gewesen, wenn ich aufs neue ohnmächtig worden, oder gar den Geist aufgegeben hätte. Denn ich befand mich in einem fürchterlichen unterirrdischen Keller-Gewölbe, und sah 10. oder 12. wohlbekandte Jesuiter-Schüler, mit brennenden PechFackeln, um mein Bette, welches aus etlichen Halmen, auf der Erden ausgestreuten Strohes bestund,) als junge Teuffel mit Feuer Bränden gewaffnet, herum lauffen. Man hatte mich biss aufs blosse Hembde ausgezogen, und an statt der Kleider, mit einer alten Jesuiter-Kutte bedeckt, unter welcher ich aber bereits ganz starr gefroren war. Dem ungeachtet muste ein Knecht, der eine grosse Rute in Händen hielt, näher kommen, mir das Hembde über den Kopffe zusammen ziehen, und meinen Leib, von Schultern biss auf die Fuss-Sohlen, so lange geisseln,