als der vom Satan gestärckte Patient ohnvermutet aus dem Bette springt, ihn samt seinen Sessel zu boden stösst, über meinen seel. Vater herfällt, und dessen Gesicht mit den Finger-Nägeln aufs grimmigste zerkratzt, über dieses ihm zwei Bisse in die Backen und den dritten in das lincke Ohr versetzt, ja endlich denselben unfehlbar erstickt hatte, wenn nicht 5. starcke Manns-Personen herzu gesprungen, und diesen Mord-Buben mit äuserster Gewalt zurück gerissen hätten.
Es brachten demnach etliche Leute meinen ganz ohnmächtigen Vater nach haus geführt, welcher sogleich ins Bette gelegt, und von den besten Medicis besucht und besorgt wurde. Der verzweiffelte HöllenBrand hatte noch vor Anbruch des Tages, seine durchteuffelte Seele, mit erschrecklichen brüllen ausgeblasen, mein seel. Vater aber bekam von dem gehabten Schrecken ein entsetzliches hitziges Fieber, wobei ihm der Kopff wegen der unfehlbar sehr gifftigen Bisse grausam aufschwall, so dass er ungeachtet alles angewandten Fleisses der Medicorum und Chirurgorum, 7. Tage hernach seinen Geist aufgeben muste.
Also wurde ich in meinen 11ten Jahre nebst meinen 6. andern Geschwistern, von welchen der jüngste Bruder nur etliche Wochen alt war, plötzlich zur armen Waise gemacht, denn obgleich mein Vater bei nahe 16. Jahr in einer sonst sehr austräglichen Pfarre gesessen, so war es doch wegen verschiedener UnglücksFälle, die von den allgemeinen Landes-Plagen herrühreten, in seiner Hausshaltung endlich so weit gekommen: dass seine beste Verlassenschafft dem gemeinen Sprichworte nach, in libris & liberis, in Büchern und Kindern bestund. Meine liebe Mutter zohe gleich nach verflossenen Gnaden-Jahre nebst uns Kindern in ihre Geburts-Stadt Elbing, zumahlen da sie von ihrer Mutter Schwester, die eine betagte und Kinderlose Frau war, auf begebenden Sterbe-Fall noch eine ziemliche Erbschafft zu hoffen hatte. Mein ältester Bruder, welcher keine Lust zum Studiren, hingegen desto grössere zur Chirurgie und Barbier-Kunst bezeugte, wurde also in seinem 16ten Jahre zu einem berühmten Meister dieser Profession gebracht. Er reisete nach ausgestandenen 3. Lehr-Jahren in die Welt, kam nach 6. jähriger Abwesenheit wieder zu haus, nahm aber bald darauff Dienste auf der Schwedischen Flotte unter dem Schout bei Nacht Ehrenschild, da aber ein teil gedachter Flotte am 27. Jul. 1714. von den Russen geschlagen wurde, hatte mein ehrlicher Bruder auch das Unglück, sein junges leben darbei zu verlieren. Ich meines Teils, war von Jugend an desto eiffriger auf die Bücher erpicht, und mein getreuer Informator, gab sich so wohl als mein leiblicher Vater die äuserste Mühe, so bald ich nur das deutliche Reden erlernet, mir zugleich mit der deutschen, auch die lateinische Sprache so zu sagen in der Mutter-Milch einzuflössen. Weiln ich nun die Grund-Regeln derselben nach und nach recht spielende fassete, so setzten mich meine treuen Præceptores auf dem Elbinger Gymnasio in meinem 13den Jahre mit in Selectam, wodurch mein beständiger Fleiss um so viel desto mehr angefrischet wurde. Ausser diesem widmete ich meine Frei-Stunden der Choral- und InstrumentalMusic, und brachte es durch unermüdete Lust und Liebe, ziemlich weit darinnen. Weiln aber ausser dem Geld-Beutel meiner lieben Mutter, die doch nebst denen noch übrigen 5. Kindern, selbst von der Schnure zehren muste; wenige Beihülffe zu suchen wuste, indem unsere alte Frau Muhme, als eine dem Geitze sehr ergebene Frau, bei ihren grossen Vermögen noch immer Hungers zu sterben befürchtete: und der Himmel auf einem andern Gymnasio, wegen meiner reinen und ziemlich manierlichen Singe-stimme, sehr wichtige subsidia vor mich zeigte: schaffte mich meine liebe Mutter auf inständiges Anhalten, unter Vergiessung häuffiger Tränen, mit zufälliger guter gelegenheit dahin, wo sonderlich die herrlichen Testimonia meiner Præceptorum, und Recommendations-Schreiben anderer vornehmer Leute mir den profitablesten Unterhalt verschafften.
Es war kurz nach Pfingsten des 1707den Jahres, da ich solchergestallt, eine ganz neue und verbesserte Einrichtung in meinem Studiren machte, und weiln mir das Glück favorisirte, mich bei dem ersten Examine so wohl im Peroriren, als in der Elaboration aller vorgegebenen Exercitien, vor andern, die doch weit älter als ich waren, ziemlicher massen hervor zu tun: fiel mir die Gunst vornehmer Schul-Patronen und der neuen Præceptorum in reicherer Masse bei, als ich mir hätte einbilden können. Ein vornehmer Mann, mit dessen 12. jährigen artigen Sohne ich die Humaniora alltäglich, zu seinem und meinem Nutzen, aufs fleissigste repetiren muste, gab mir aus besonderer Liebe gegen meine Wenigkeit, freien Tisch, stube, Holtz, Licht, Wäsche und über dieses alles, noch manchen schönen Taler an baaren Gelde; ja da er meine besondere Emsigkeit merckte, zohe er selbst noch 4. andere wohlgezogene Knaben zu dieser privat-Ubung, deren Eltern, als lauter vornehme und wohlhabende Leute, mich unverdienter Weise mit Geschencken fast überhäufften. Nächst diesem brachte mir meine Singe-stimme, die sich Wöchentlich im Chore, alle Sonntage bei der Kirchen-Musique, und dann auch öffters in vornehmer Leute Häuser hören liess, ein starckes Accidens zu wege, weswegen ich nach Verlauff des ersten halben Jahres, nach Abzug aller Bedürffnissen, meiner lieben Mutter 6. spec. dukaten nach haus schicken konte.
Solcher glückliche Zustand wurde mir aber, nach Verlauf weniger Zeit, durch eine odieuse Begebenheit mit desto grösseren Jammer eingetränckt. Denn es ist zu wissen: dass an dem orte meines damahligen auffentalts ein Collegium des Römisch-Catolischen so genandten Jesuiter-Ordens war, mit dessen Schülern meine