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. Immittelst hatten die Alten ihr Vergnügen dieses Spiel mit anzusehen, welches biss nach untergang der Sonnen währete. Worauff von einem ganzen Centner gebrandter Caffee-Bohnen, nebst behöriger Quantität Zucker, ein angenehmes warmes Geträncke zubereitet wurde, ob aber gleich nicht gnungsame dazu gemachte Coffee-Schälchen vorhanden waren, so muste doch ein jeder, der diesen Nectar aus einem andern bequemen Geschirr zu trincken das eintzige Malheur hatte, bekennen: dass dem ungeachtet seiner delicatesse nicht das geringste abginge. Da nun die Lustbarkeiten des ersten Hochzeit-Tages, mit eintretender geringen Demmerung ihre Endschafft erreicht, begaben sich die mehresten Hochzeit-Gäste auf den Weg ihre Nacht-Ruhe zu suchen, nachdem sie erinnert worden morgenden Tages, und zwar etwa 3. Stunden nach aufgang der Sonnen, wiederum auf dem TafelPlatze zu erscheinen. Es nahmen aber die nächst gelegensten Geschlechter, als nämlich die Alberts-Simons-Christians- und Stephans-Raumer ihre etwas weiter abgelegenen Freunde mit in ihre Behausungen, wie denn auch eine ziemliche Anzahl der weit abgelegenen, ihr Logis auff der Alberts-Burg fanden.

Unser Altvater liess sich zwar nebst den andern Aeltesten auch in seine Burg fahren, welchen wir Jüngern biss in sein gewöhnliches Zimmer folgeten; da aber derselbe noch keine Lust zum Schlafen bezeugte, sondern uns beredete mit ihm noch ein paar Pfeiffen Toback bei einem Truncke seines wohl abgesottenen Gersten-Wassers, zu rauchen, war ein jeder bereit dem Altvater, der sich diesen Tag über alle massen vergnügt bezeigt hatte, mit grösseren Appetit zu gehorsamen. Selbst Herr Mag. Schmeltzer, der doch sonsten eben kein sonderlicher Liebhaber vom Toback rauchen war, liess sich diesen Abend bereden: ein Pfeiffgen mit anzustecken, wobei jedennoch allerhand erbauliche gespräche geführt wurden, biss endlich der Altvater Albertus, mit guter Art, sein ganz besonderes Verlangen zu vernehmen gab, nach und nach bei bequemer gelegenheit eines jeden, letzlich mit angekommenen, Europäers wahrhaffte LebensGeschicht anzuhören. Da nun Herr Mag. Schmeltzer so wohl als die andern alle, dessen Verlangen so billig, als sich schuldig befanden, eine Höfflichkeit, nach Vermögen, mit der andern zu vergelten, machte erst gemeldter ohne einziges Verzögern selbsten den Anfang, und erzehlete folgender massen seine eigene, nämlich:

Die Lebens-geschichte Herrn Mag. Schmeltzers.

Ich Ernst Gottlieb Schmelzer, bin der zweite Sohn eines Evangelisch-Luterischen Predigers, der in einem Pohlnisch-Preussischen, ohnweit Elbing gelegenen Dorffe sein heil. Ammt zu verwalten hatte. Der 28. auge. des 1692sten Jahres ist mein Gebuhrts-Tag gewesen, und von diesem Tage an, haben meine seel. Eltern keinen Fleiss gesparet, mich nebst meinem ältern Bruder und einer älteren Schwester, so GOtt gefällig, als die nachkommenden zwei jüngern Brüder und eben so viel Schwestern auffzuziehen. Wir Kinder, bekamen gleich von zarter Kindheit an einen guten Informatorem, nebst einer besonderen WartFrau, denn meine Mutter hatte eine sehr schwere haus-Wirtschafft zu besorgen, zumahlen da mein Vater als ein exemplarischer Priester allzugewissenhafft war, sich um die Nahrungs-Sorgen zu bekümmern, dahingegen er seinem Beruffe auffs eiffrigste nachzukommen trachtete.

Allein eben dieser preisswürdige Eiffer, brachte meinen seel. Vater in seinen besten Jahren um das zeitliche Leben, und zwar bei solcher gelegenheit: Es hatten bei denen, im Jahre 1703. vor PohlnischPreussen sehr gefährlichen Krieges-Läuffen, zwei Schwedische Officiers, ohnfern von unserm Dorffe Kugeln gewechselt; worvon der eine sehr gefährlich, und zwar der Medicorum Aussage nach, durch den Magen und Unterleib geschossen war. So wohl die Medici, als Chirurgi, hatten diesen elenden Patienten, nach vernünfftiger Untersuchung der Blessur, so gleich das Leben abgesprochen; und zwar in Erwegung seines jederzeit geführten ruchlosen Lebens, ihn um so viel desto eher dahin zu reitzen; den wenigen Rest seiner Lebens-Zeit, noch zur wahren Busse und Versöhnung mit GOtt anzuwenden. Und eben dieser Ursachen wegen, wird mein seel. Vater, von dessen guten Freunden, zu ihm beruffen, wiewohl die zwei ersten Visiten ganz Fruchtloss abgehen, weilen dieser ateistische Patient, weder von der Busse und Bekehrung, und noch vielweniger vom tod und Sterben etwas hören will. Bald hernach überfällt ihn ein hitziges Wund-Fieber, es fängt derselbe ziemlicher massen an zu rasen, jedoch so bald der paroxismus vorüber, und er nur einiger massen wiederum zu verstand kömt, lassen dessen Freunde nebst denen Medicis und Chirurgis, meinen seel. Vater um Mitternachts-Zeit abermals inständig bitten, sich dahin zu bemühen und des Patienten Seele aus des Teuffels Rachen zu reissen; weiln allen umständen nach, selbiger schwerlich noch einen Tag überleben würde. Mein seel. Vater lässt an seiner Hurtigkeit und allen er sinnlichen Arten der Uberredung nichts ermangeln, kan aber dennoch seinen Zweck nicht im geringsten erreichen, weiln der Patient ohnablässig rufft: Man solle ihm den schwartzen pfaffen von Halse schaffen, oder er müsse verzweiffeln. Mein werter Herr und Freund, sagt endlich mein seel. Vater, ich wolte gern einen weissen, blauen, roten oder anders gefärbten Rock anziehen, wenn es mir in solcher Kleidung möglich wäre: eure arme Seele aus des Satans Netzen zu wickeln, allein fasset alle eure Vernunfft zusammen und überleget: ob es nicht besser sei einen schwartz gekleideten Diener GOttes, der den Weg zum Himmel zeiget, als unzählige höllische Geister, die auf die teuer erkauffte Seele lauren, vor seinen Sterbe-Bette zu dulden.

Kaum hat mein seel. Vater die letzte Sylbe seiner Worte ausgesprochen,