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jählinger Trunck, welchen er etwas stark auf die Erhitzung getan, ums Leben brachte, doch mag er auch sein ihm von GOtt bestimmtes, ordentliches Lebens-Ziel erreicht haben.

Nach diesem Todes-Falle veränderten wir unsere wohnung, und bezogen den grossen Hügel, welcher zwischen den beiden Flüssen fast mitten auf der Insul lieget, allda baueten wir eine geraumliche Hütte, überzogen dieselbe dermassen stark mit LaubWerck, dass uns weder Wind noch Regen Verdruss antun konte, und führeten darinnen ein solches geruhiges Leben, dergleichen sich wohl alle Menschen auf der ganzen Welt wünschen möchten.

Wir haben nach der Zeit sehr viel zerscheiterte schiffes-Stücken, grosse Ballen und Pack-Fässer auf den Sand-Bäncken vor unserer Insul anländen sehen, welches alles ich und mein Christian, vermittelst eines neugemachten Flosses, von dannen herüber auf unsere Insul holeten, und darinnen nicht allein noch mehrere kostbare Schätze an Gold, Silber, Perlen, edlen-Steinen und allerlei haus-Geräte, sondern auch Kleider-Werck, Betten und andere vortreffliche Sachen fanden, welche letzteren unsern EinsiedlerOrden von aller Strengigkeit befreieten, indem wir, vermittelst desselben, die Lebens-Art aufs allerbequemste einrichten konnten. Neunzehn ganzer Jahre habe ich nach des Petri tod mit meinem Christiano in dem allerruhigsten Vergnügen gelebt, da es endlich dem Himmel gefiel, auch diesen eintzigen getreuen Freund von meiner Seite, ja von dem herzen hinweg zu reissen. Denn im Frühlinge des 1557ten Jahres fing er nach und nach an, eine ungewöhnliche Mattigkeit in allen Gliedern zu empfinden, worzu sich ein starcker Schwindel des Haupts, nebst dem Eckel vor Speise und Tranck gesellete, daher ihm in wenig Wochen alle Kräffte vergingen, biss er endlich am Tage Allerheiligen, nämlich am 1. Novembr. selbigen Jahres, früh bei Aufgang der Sonnen, sanfft und seelig auf das Verdienst Christi verschied, nachdem er seine Seele in GOttes hände befohlen hatte. Die Tränen fallen aus meinen Augen, indem ich dieses schreibe, weil dieser Verlust meines lieben Getreuen mir in meinem ganzen Leben am allerschmerzlichsten gewesen. Voritzo, da ich diesen meinen Lebens-Lauff zum andern mahle aufzuzeichnen im Begriff bin, stehe ich in meinem 105ten Jahre, und wünsche nur dieses:

Meine Seele sterbe des Todes der Gerechten,

Christians Ende.

Den werten körper meines allerbesten Freundes habe ich am fuss dieses Hügels, gegen Morgen zu, begraben, und sein Grab mit einem grossen Steine, worauf ein Creutz nebst der Jahr-Zahl seines Ablebens gehauen, bemerckt. Meine Augen sind nachher in etlichen Wochen niemals trocken von Tränen worden, jedoch, da ich mir nachher den Allerhöchsten zum eintzigen Freunde erwehlte, so wurde auf ganz besondere Art getröstet, und in den Stand gesetzt, mein Verhängniss mit gröster Gedult zu ertragen.

drei Jahr nach meines liebsten Christians tod, nämlich im Jahr 1560. habe ich angefangen in den Hügel einzuarbeiten, und mir auf die Winters-Zeit eine bequeme wohnung zuzurichten. Du! der du dieses liesest, und meinen Bau betrachtest, wirst gnungsame Ursache haben, dich über die Unverdrossenheit eines eintzelnen Menschen zu verwundern, allein, bedencke auch die lange Weile, so ich gehabt habe. Was sollte ich sonst nutzbares vornehmen? Zu meinem Acker-Bau brauchte ich wenige Tage Mühe, und bekam jederzeit hundertfachen Segen. Ich habe zwar gehofft, von hier hinweg geführt zu werden, und hoffe es noch, allein, es ist mir wenig daran gelegen, wenn meine Hoffnung, wie bisshero, vergeblich ist und bleibt.

Den allergrösten Possen haben mir die Affen auf dieser Insul bewiesen, indem sie mir mein Tage-Buch, in welches ich alles, was mir seit dem Jahr 1509. biss auf das Jahr 1580. merckwürdiges begegnet, richtig aufgezeichnet hatte, schändlicher Weise entführet, und in kleine Stücken zerrissen, also habe ich in dieser zweiten Ausfertigung meiner Lebens-Beschreibung nicht so ordentlich und gut verfahren konnen, als ich wohl gewollt, sondern mich eintzig und allein auf mein sonst gutes Gedächtniss verlassen müssen, welches doch Alters wegen ziemlich stumpff zu werden beginnet.

Immittelst sind doch meine Augen noch nicht dunckel worden, auch bedüncket mich, dass ich an Kräfften und übriger Leibes-Beschaffenheit noch so stark, frisch und ansehnlich bin, als sonsten ein gesunder, etwa 40. bis 50. jähriger Mann ist.

In der warmen Sommers-Zeit habe ich gemeiniglich in der grünen Laub-Hütte auf dem Hügel gewohnet, zur Regen- und Winters-Zeit aber, ist mir die ausgehaune wohnung unter dem Hügel trefflich zu statten gekommen, hieselbst werden auch diejenigen, so vielleicht wohl lange nach meinem tod etwa auf diese Stelle kommen, ohne besondere Mühe, meine ordentlich verwahrten Schätze und andere nützliche Sachen finden können, wenn ich ihnen offenbare, dass in der kleinsten kammer gegen Osten, und dann unter meinem Steinernen Sessel das allerkostbarste anzutreffen ist.

Ich beklage nochmahls, dass mir die leichtfertigen Affen mein schönes Tage-Buch zerrissen, denn wo dieses vorhanden wäre, wolte ich dir, mein zukünfftiger Leser, unfehlbar noch ein und andere nicht unangenehme begebenheiten und Nachrichten beschrieben haben. Sei immittelst zu frieden mit diesen wenigen, und wisse, dass ich den Vorsatz habe, so lange ich sehen und schreiben kan, nicht müssig zu leben, sondern dich alles dessen, was mir hinfüro noch sonderbares und merckwürdiges vorkommen möchte, in andern kleinen Büchleins benachrichtigen werde. Voritzo aber will ich diese Beschreibung, welche ich nicht ohne ursache auch ins Spanische übersetzt habe, beschliessen,