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erblickt hatten, fielen so wohl die drei Indianer als wir 6. Christen, auf die Knie nieder und danckten dem Allerhöchsten Wesen, dass wir durch desselben Gnade so wunderbarer, ja fast übernatürlicher Weise erhalten worden. Es war ungefähr zwei Stunden über Mittag, da wir trostloss gewesenen Menschen zu land kamen, hatten deswegen noch Zeit genug unsere hungerigen Magen mit wohlschmeckenden Früchten anzufüllen, und aus den klaren wasser-Bächen zu trincken, nach diesen wurden alle fernern Sorgen auf dieses mahl bei Seite gesetzt, indem sich ein jeder mit seinem Gewehr am Ufer des Flusses zur Ruhe legte, biss auf meinen getreuen Chascal, welcher die Schildwächterei von freien stücken über sich nahm, um uns andern vor besorglichen Unglücks-Fällen zu warnen. Nachdem aber ich etliche Stunden und zwar biss in die späte Nacht hinein geschlaffen, wurde der ehrliche Chascal abgelöset, und die Wacht von mir biss zu Auffgang der Sonne gehalten. Hierauff fing ich an, nebst 4. der stärcksten Leute, einen teil der Insul durchzustreiffen, allein wir fanden nicht die geringsten Spuren von lebendigen Menschen oder reissenden Tieren, an deren statt aber eine grosse Menge Wildpret, Ziegen auch Affen von verschiedenen Farben. Dergleichen Fleischwerck nun konte uns, nebst den überflüssigen herrlichen Kräutern und Wurtzeln, die gröste Versicherung geben, allhier zum wenigsten nicht Hungers wegen zu verderben, deswegen gingen wir zurück, unsern gefährten diese fröhliche Botschafft zu hinterbringen, die aber nicht eher als gegen Abend anzutreffen waren, indem sie die Nordliche Gegend der Insul ausgekundschafft, und eben dasjenige bekräfftigten, was wir ihnen zu sagen wusten. Demnach erlegten wir noch selbigen Abend ein stück wild nebst einer Ziege, machten Feuer an und brieten solch schönes Fleisch, da immittelst die drei Indianer die besten Wurtzeln ausgruben, und dieselben an statt des Brods zu rösten und zuzurichten wusten, welches beides wir so dann mit gröster Lust verzehreten. In folgenden Tagen bemüheten wir uns sämtlich aufs äuserste, die Sachen aus dem gestrandeten Schiffe herüber auf die Insul zu schaffen, welches nach und nach mit gröster Beschwerlichkeit ins Werck gerichtet wurde, indem wir an unser kleines Boot der Länge nach etliche Floss Höltzer fügten, welche am Vorderteil etwas spitzig zusammen lieffen, hinten und vorne aber mit etlichen darauff befestigten Queer-Balcken versehen waren, und solchergestalt durfften wir nicht allein wegen des umschlagens keine sorge tragen, sondern konnten auch ohne Gefahr, eine mehr als vierfache Last darauff laden.

Binnen Monats-Frist hatten wir also alle unsere Güter, wie auch das zergliederte untüchtige Schiff auf die Insul gebracht, deswegen fiengen wir nunmehr an Hütten zu bauen, und unsere Hausshaltung ordentlich einzurichten, wobei der Mangel des rechten Brodts uns das eintzige Missvergnügen erweckte, jedoch die Vorsorge des himmels hatte auch hierinnen Rat geschafft, denn es fanden sich in einer Kiste etliche wohl verwahrte steinerne Flaschen, die mit Europäischen Korne, Weitzen, Gerste, Reiss und Erbsen, auch andern nützlichen Sämereien angefüllet waren, selbige säeten wir halben Teils aus, u. ich habe solche edle Früchte von Jahr zu Jahr mit sonderlicher Behutsamkeit fortgepflanzt, so dass sie, wenn GOTT will, nicht allein Zeit meines Lebens sich vermehren, sondern auch auf dieser Insul nicht gar vergehen werden, nur ist zu befürchten, dass das allzuhäuffig anwachsende wild solche edle Aehren, noch vor ihrer völligen Reiffe, abfressen, und die selbst eigene Fortpflantzung, welche hiesiges Orts, ganz sonderbar zu bewundern ist, verhindern werde.

Du wirst, mein Leser, dir unfehlbar eine wun

derliche Vorstellung von meinem Glauben ma

chen, da ich in diesen Paragrapho die Vorsorge

des himmels bewundert, und doch oben be

schrieben habe, wie meine gefährten das Schiff

nebst allem dem was drinnen, worunter auch die

mit Geträyde angefüllten Flaschen gewesen, un

redlicher Weise an sich gebracht, ja aufrichtig zu

reden, gestohlen haben; Wie reimet sich dieses,

wirstu sagen, zur Erkäntniss der Vorsorge GOt

tes? Allein sei zufrieden, wenn ich bei Verlust

meiner Seeligkeit beteure: dass so wohl ich, als

mein getreuer Chascal an diesen Diebs-Streiche

keinen Gefallen gehabt, vielmehr habe ich mich

aus allen Kräfften darwieder gesetzt, jedoch

nichts erlangen können. Ist es Sünde gewesen,

dass ich in diesem Schiffe mitten unter den Die

ben davon gefahren, und mich aus dermahligen

augenscheinlichen Verderben gerissen, so weiss

ich gewiss, dass mir GOTT dieselbe auf meine

eiffrige Busse und Gebet gnädiglich vergeben

hat. Inzwischen muss ich doch vieler Umstände

wegen die Göttliche Vorsorge hiebei erkennen,

die mich nicht allein auf der stürmenden See,

sondern auch in der grausamen Hungers Not

und schädlichen Seuche erhalten, und auf der

Insul mittelbarer Weise mit vielem guten über

häufft. Meine gefährten sind alle in der Helffte

ihrer Tage gestorben, ausgenommen der eintzige

Chascal welcher sein Leben ungefähr biss 70.

Jahr gebracht, ich aber bin allein am längsten

überblieben, auf dass ich solches ansagte.

Wir machten uns inzwischen die unverdorbenen Güter, so auf dem gestohlenen Schiffe mitgebracht waren, wohl zu nutze, ich selbst bekam meinen guten teil an Kleiderwerck, Büchern, Pappier und andern Gerätschafften davon, tat aber dabei sogleich ein Gelübde, solcher Sachen zehnfachen Wert in ein geistliches Gestiffte zu liefern, so bald mich GOTT wiederum unter Christen Leute führte.

Es fanden sich Weinstöcke in ihrem natürlichen Wachstume, die wir der Kunst nach in weit bessern Stand brachten, und durch dieselben grosses Labsal empfiengen, auch kamen wir von ungefähr hinter den künstlichen Vorteil, aus gewissen Bäumen ein vortreffliches Geträncke zu zapffen, welches alles ich in meinen