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ungeachtet blieb sie beständig verstockt, allein, am 4ten Tage ihrer Gefangenschafft meldete der Keckermeister in aller Frühe, dass Apollonia vergangene Nacht plötzlich gestorben sei, nachdem sie vorher Dinte, Feder und Pappier gefordert, einen Brief geschrieben, und ihn um aller Heiligen Willen gebeten, denselben mit gröster Behutsamkeit, damit es meine Gemahlin nicht erführe, an mich zu übergeben. Ich erbrach den Brief mit zitternden Händen, weil mir mein Hertz allbereit eine grässliche Nachricht prophezeiete, und fand ungefähr folgende Worte darinnen:

Gestrenger Herr!

Vernehmet hiermit von einer sterbenden ein geheimnis, welches sie bei Verlust ihrer Seeligkeit nicht mit Eleonora, ist eine der allerlasterhafftesten WeibesBilder auf der ganzen Welt. Ihre Jungfrauschafft hat sie schon, ehe ihr dieselbe geliebt, dem Don Sebastian de Urrez Preiss gegeben, und so zu reden, vor einen kostbarn Haupt-Schmuck verkaufft. Mit dem euch wohlbekandten Neapolitaner hat sie in eurer Abwesenheit den Knaben Caspar Palino gezeuget, welcher ihr voritzo als Page aufwartet, und das vermeinte Bettel-Mägdlein Euphrosine ist ebenfalls ihre leibliche Tochter, die sie zu der Zeit, als ihr gegen die Maurer zu feld laget, von ihrem Beicht-Vater empfangen, und heimlich zur Welt gebohren hat. Lasset eures Verwalters Menellez Frau auf die Folter legen, so wird sie vielleicht bekennen, wie es bei der Geburt und Auferziehung dieser unehelichen Kinder hergegangen. Eure Mutter, die ihr gleich anfänglich zuwider war, habe ich auf ihren Befehl mit einem subtilen Gifft aus der Zahl der Lebendigen schaffen müssen, euch selbst aber, ist eben dergleichen Verhängniss bestimmet, so bald ihr nur eure bissherige Gelindigkeit in eine strengere Herrschafft verwandeln werdet. Wie aber ihre Geilheit von Jugend auf ganz unersättlich gewesen, so ist auch die Zahl derjenigen Manns-Personen allerlei Standes, worunter sich öffters so gar die allergeringsten Bedienten gefunden, nicht auszusprechen, die ihre Brunst so wohl bei Tage als Nacht Wechsels-Weise abkühlen müssen, indem sie den öfftern Wechsel in diesen Sachen jederzeit von ihr allergröstes Vergnügen gehalten. Glaubet ja nicht, mein Herr, dass die so genannte Beata eine heilige Frau sei, denn sie ist in Wahrheit eine der allerliederlichsten Kupplerinnen in ganz Madrit, unter derjenigen person aber, die vor ihre Tochter ausgegeben wird, ist allezeit ein verkappter Münch, oder ein anderer junger Mensch versteckt, der eure Gemahlin, so offt ihr die Lust bei Tage ankömmt, vergnügen, und des Nachts an ihrer Seite liegen muss, und eben dieses ist die sonderbare Andacht, so dieselbe in dem verschlossenen Zimmer verrichtet. Ich fühle, dass mein Ende heran nahet, deswegen muss die übrigen Schand-Taten unberühret lassen, welche jedoch von des Menellez Frau offenbarer werden können, denn ich muss, die vielleicht noch sehr wenigen augenblicke meines Lebens, zur Busse und Gebet anwenden, um dadurch von GOtt zu erlangen, dass er mich grosse Sünderin seiner Barmhertzigkeit geniessen lasse. Was ich aber allhier von eurer Gemahlin geschrieben habe, will ich in jenem Leben verantworten, und derselben von ganzen herzen vergeben, dass sie gestern Abend die Cornelia zu mir geschickt, die mich nebst meiner Leibes-Frucht, vermittelst eines vergiffteten Apffels, unvermerckt aus der Welt schaffen sollen, welches ich nicht ehe als eine Stunde nach Geniessung desselben empfunden und geglaubet habe. Don Vincentio de Garziano, welcher der Donna Eleonora seit 4 Monaten daher von der Beata zum Liebhaber zugeführet worden, hat wider meiner Gebieterin Wissen und Willen seinen Mutwillen auch an mir ausgeübt, und mich mit einer unglückseeligen Leibes-Frucht belästiget. Vergebet mir, gnädigster Herr, meine Bossheiten und Fehler, so wie ich von GOTT Vergebung zu erhalten verhoffe, lasset meinen armseeligen Leib in keine ungeweihete Erde begraben, und etliche SeelMessen vor mich und meine Leibes-Frucht lesen, damit ihr in Zukunfft von unsern Geistern nicht verunruhiget werdet. GOTT, der meine Seele zu trösten nunmehr einen Anfang machet, wird euch davor nach ausgestandenen Trübsalen und Kümmernissen wiederum zeitlich und ewig zu erfreuen wissen. Ich sterbe mit grössten Schmertzen als eine bussfertige Christin und eure

unwürdige Dienerin

Apollonia.

Erwege selbst, du! der du dieses liesest, wie mir nach Verlesung dieses Briefes müsse zu Mute gewesen sein, denn ich weiss weiter nichts zu sagen, als dass ich binnen zwei guten Stunden nicht gewusst habe, ob ich noch auf Erden oder in der Hölle sei, denn mein Gemüte wurde von ganz ungewöhnlichen Bewegungen dermassen gefoltert und zermartert, dass ich vor Angst und Bangigkeit nicht zu bleiben wuste, jedoch, da aus den vielen Hin- und Hergehen der Bedienten mutmassete, dass Eleonora erwacht sein müsse, brachte ich dasselbe in behörige Ordnung, nahm eine verstellte gelassene Gebärde an, und besuchte sie in ihrem Zimmer, ich war würcklich selbst der erste, der ihr von dem tod der Apolloniæ die Zeitung brachte, welche sie mit mässiger Verwunderung anhörte, und darbei sagte: Der Schand-Balg hat sich unfehlbar selbst mit Giffte hingerichtet, um des Schimpffs und der Straffe zu entgehen, man muss es untersuchen, und das Aas auf den Schind-Anger begraben lassen. Allein, ich gab zur Antwort: Wir werden besser tun, wenn wir die ganze Sache vertuschen, und vorgeben, dass sie eines natürlichen Todes gestorben sei, damit den Leuten, und sonderlich der heiligen Inquisition, nicht gelegenheit gegeben wird, vieles Wesen davon zu machen, ich werde den Pater Laurentium zu mir ruffen lassen, und ihm eine Summe Geldes geben, dass er nach seiner besonderen Klugheit alles unterdrücke, den unglückseeligen körper auf