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herzen liegen haben, so wurde doch alle gelegenheit vermieden, einander zu kräncken. Am allermeisten aber muste bewundern, dass die sonst so lustige Donna Eleonora nunmehr ihren angenehmsten Zeitvertreib in geistlichen Büchern und in dem Umgange mit heiligen Leuten beiderlei Geschlechts suchte, daher ich immer befürchtete, sie möchte auf die gedanken geraten, sich von mir zu scheiden, und in ein Kloster zu gehen, wie sie denn sich von freien Stücken gewöhnete, wöchentlich nur zwei mahl bei mir zu schlaffen, wobei ich gleichwohl merckte, dass sie zur selbigen Zeit im Wercke der Liebe ganz unersättlich war, dem ungeachtet wolten sich von unserern ehelichen Beiwohnungen gar keine Früchte zeigen, welche ich doch endlich ohne allen Verdruss hätte um mich dulden wollen.

Eines Tages, da ich mit meiner Gemahlin auf dem feld herum spatzieren fuhr, begegnete uns ein Weib, welches nebst einem ungefähr 12. biss 13. jährigen Knaben, in die nächst gelegene Stadt Weintrauben zu verkauffen tragen wolte. Meine Gemahlin bekam Lust, diese Früchte zu versuchen, deswegen liess ich stille halten, um etwas darvon zu kaufen. Mittlerweile sagte meine Gemahlin heimlich zu mir: Sehet doch, mein Schatz, den wohlgebildeten Knaben an, der vielleicht sehr armer Eltern Kind ist, und sich dennoch wohl besser zu unserm Bedienten schicken sollte, als etliche, die des Brodts nicht würdig sind. Ich nehme ihn, versetzte ich, so gleich zu eurem Pagen an, so ferne es seine Mutter und er selbst zufrieden ist. Hierüber wurde meine Gemahlin alsofort vor Freuden Blut-rot, sprach auch nicht allein die Mutter, sondern den Knaben selbst um den Dienst an, schloss den ganzen Handel mit wenig Worten, so, dass der Knabe so gleich mit seinem Frucht-Korbe uns auf unser Schloss folgen muste.

Ich muste selbst gestehen, dass meine Gemahlin an diesen Knaben, welcher sich Caspar Palino nennete, keine üble Wahl getroffen hatte, denn so bald er sein rot mit Silber verbrämtes Kleid angezogen, wuste er sich dermassen geschickt und höfflich aufzuführen, dass ich ihn selbst gern um mich leiden mochte, und allen meinen andern Bedienten befahl, diesem Knaben, bei Verlust meiner Gnade, nicht den geringsten Verdruss anzutun, weswegen sich denn meine Gemahlin gegen mich ungemein erkänntlich bezeugte.

Wenige Wochen hernach, da ich mit verschiedenen Gästen und guten Freunden das Mittags-Mahl einnahm, entstund ein grausames Lermen in meinem hof, da nun dieserwegen ein jeder an die Fenster lieff, wurden wir gewahr, dass meine Jagd-Hunde eine Bettel-Frau, nebst einer etwa 9. jährigen Tochter zwar umgerissen, jedoch wenig beschädigt hatten. Meine Gemahlin lieff aus mitleidigen Antriebe so gleich hinunter, und liess die mehr von Schrecken als Schmertzen ohnmächtigen Armen ins haus tragen und erquikken, kam hernach zurück, und sagte: Ach mein Schatz! was vor ein wunderschönes Kind ersiehet man an diesem Bettel-Mägdlein, vergönnet mir, wo ihr anders die geringste Liebe vor mich habt, dass ich selbiges so wohl als den artigen Caspar auferziehen mag.

Ich nahm mir kein Bedencken, ihr solches zu erlauben, da denn in kurtzen das Bettel-Mägdlein dermassen heraus geputzt wurde, auch sich solchergestallt in den Staat zu schicken wuste, als ob es dazu gebohren und auferzogen wäre. Demnach konte sich die Donna Eleonora alltäglich so vieles Vergnügen mit demselben machen, als ob dieses Mägdlein ihr liebliches Kind sei, ausserdem aber bekümmerte sie sich wenig oder gar nichts um ihre Hausshaltungs-Geschäffte, sondern wendete die meiste Zeit auf einen strengen GOttes-Dienst, den sie nebst einer heiligen Frauen oder so genannten Beata zum öfftern in einem verschlossenen Zimmer verrichtete.

Diese Beata lebte sonst gewöhnlich in dem Hospital der Heil. Mutter GOttes in Madrid, hatte, meiner Gemahlin Vorgeben nach, einen Propheten-Geist, sollte viele Wunder getan haben, und noch tun können, über dieses fast täglicher Erscheinungen der Mutter GOttes, der Engel und anderer Heiligen gewürdiget werden. Sie kam gemeiniglich Abends in der Demmerung mit verhüllten gesicht, und brachte sehr öffters eine ebenfalls verhüllete junge Weibs-person mit, die sie vor ihre Tochter ausgab. Ein eintziges mahl wurde mir vergönnet, ihr blosses Angesicht zu sehen, da ich denn bei der Alten ein ausserordentlich hässliches gesicht, die Junge aber ziemlich wohlgebildet wahrnahm, jedoch nachher bekümmerte ich mich fast ganz und gar nicht mehr um ihren Aus- und Eingang, sondern liess es immerhin geschehen, dass diese Leute, welche ich so wohl als meine Gemahlin vor scheinheilige Narren hielt, öffters etliche Tage und Wochen aneinander in einem verschlossenen Zimer sich aufgehalten, u. mit den köstlichsten Spei sen und Geträncke versorget wurden. Ich muste auch nicht ohne ursache ein Auge zudrücken, weil zu befürchten war, meine Gemahlin möchte dereinst beim Sterbe-Fall ihr grosses Vermögen mir entziehen, und ihren Freunden zuwenden.

Solchergestalt lebte nun biss ins vierdte Jahr mit der Donna Eleonora, wiewohl nicht sonderlich vergnügt, doch auch nicht gänzlich unvergnügt, biss endlich folgende Begebenheit meine bissherige Gemüts-Gelassenheit völlig vertrieb, und mein Hertz mit lauter Rach-Begierde und rasenden Eiffer anfüllte: Meiner Gemahlin vertrautes Cammer-Mägdgen, Apollonia, wurde von ihren Mit-Bedienten vor eine Geschwängerte ausgeschryen, und ungeachtet ihr dicker Leib der Sache selbst einen starcken Beweisstum gab, so verliess sie sich doch beständig aufs Läugnen, biss ich endlich durch erleidliches gefängnis, die Wahrheit nebst ihrem eigenen Geständnisse, wer Vater zu ihrem Hur-kind sei, zu erforschen Anstalt machen liess. Dem